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Kommentar : Geld schießt sogar auf Island Tore

Islands Stürmer Ingvi Traustason schießt Österreich aus der EM. Bild: Reuters

Islands Fußball-Mannschaft lässt Fans frohlocken: wenig Marktwert, viel Erfolg. Doch auch Islands Erfolg war teuer.

          2 Min.

          Wir sind alle Isländer. Natürlich nicht wegen der Schafsköpfe, die auf der Insel am Polarkreis als herzhaftes Nationalgericht gelten. Auch nicht wegen der Durchschnittstemperatur von 10 Grad Celsius, mit der die Hauptstadt Reykjavík im Juni aufwartet. Sondern wegen der tapferen Fußballwikinger, die seit zwei Wochen die Europameisterschaft in Frankreich aufmischen. Und das hat viel mehr mit Wirtschaft zu tun, als man auf den ersten Blick denkt.

          Denn die Isländer lassen nun auch alle aufatmen, denen der Fußball in den vergangenen Jahren viel zu kommerziell geworden ist. Geld schießt Tore, diese inzwischen in vielen Analysen zum Verhältnis von Spielergehältern und erzielten Punkten bestätigte These, hat den meisten Fans im Stadion und auf dem Sofa nie so recht behagt. Den Erfolg der isländischen Nationalmannschaft, die zum ersten Mal überhaupt an einem großen Turnier teilnimmt und nun einen Favoriten nach dem anderen alt aussehen lässt, werten sie als Beweis dafür, dass es auch anders geht: Es kommt nicht nur auf die Millionen aus Werbeverträgen und Fernsehrechten, auf die Organisationsmaschinen der Verbände und auf die Virtuosenkünste der verwöhnten Stars an, auch Naturburschen und Kämpferherzen haben eine Chance. Es lebe der Sport!

          Islands Kader hat weniger Marktwert als Cristiano Ronaldo allein

          Tatsächlich ist die Zwischenbilanz aus fußball-ökonomischer Sicht sensationell. Noch einmal zum Mitstaunen: Island hat in der Vorrunde Portugal und Österreich hinter sich gelassen und kein Spiel verloren. Dabei leben auf der Insel nur 320.000 Menschen, so viele wie in Bielefeld. Der nationale Fußballverband mit dem klingenden Namen „Knattspyrnusamband“ zählt 22.000 Mitglieder, weniger als Bayer Leverkusen. Das größte Stadion des Landes fasst 15.000 Zuschauer, ist für deutsche Verhältnisse also höchstens zweitligatauglich.

          Es wird noch krasser: Der Marktwert des 23 Spieler zählenden Kaders der isländischen Mannschaft belief sich vor Turnierbeginn auf knapp 45 Millionen Euro, für diese Summe hätte man sie also allesamt verpflichten können. Der Portugiese Cristiano Ronaldo allein wird auf dem Transfermarkt fast dreimal so hoch bewertet wie alle Isländer zusammen; nimmt man seine Mannschaftskameraden dazu, steigt der Marktwert auf mehr als 320 Millionen Euro. Auf dem Platz aber hieß das Ergebnis 0:0.

          Der Erfolg war mit einer hübschen Stange Geld erkauft

          Das klingt geradezu märchenhaft. Ist aber alles andere als ein Wunder. Die für Fußballromantiker bittere Wahrheit lautet, dass der Erfolg von langer Hand geplant war. Und mit einer hübschen Stange Geld erkauft wurde.

          Anfang des Jahrtausends nämlich war Island ein Boom-Land. Nicht der Walfang war dafür verantwortlich, auch nicht die Schafzucht, sondern die Finanzindustrie. Vom allgemeinen Aufschwung profitierte auch der Sport: Überall auf der Insel wurden Kunstrasenplätze und Sporthallen gebaut, damit der Fußball auch im langen isländischen Winter rollen kann. Auch diesen Vergleich kann man aufmachen: In Bielefeld gibt es 60 Sportplätze, auf Island 180. Dort haben die Leute also dreimal so viele Möglichkeiten, aufs Tor zu schießen.

          Außerdem haben die Isländer vor allem für ihre Jugendmannschaften im großen Stil und auf hohem Niveau Trainer ausgebildet, die anders als die vielen Feierabendtrainer in Deutschland für ihre Arbeit sogar bezahlt werden. Und das Leistungszentrum, das der „Knattspyrnusamband“ aufgebaut hat, beschreiben Besucher aus dem Ausland regelmäßig als eine Offenbarung: Alles vom Feinsten, ein Paradies für Fußballer.

          Inzwischen sind die Banken längst zusammengebrochen, Island hat mit Mühe und Not einen Staatsbankrott abgewendet. Aber die vielen Kunstrasenplätze gibt es immer noch, die Trainer haben nichts verlernt, und die besten Spieler stehen längst bei Profiklubs im Ausland unter Vertrag. In der Weltrangliste des Fußballs hat sich Island innerhalb von fünf Jahren von Platz 133 auf Platz 34 vorgearbeitet. Geld schießt Tore, diese Regel gilt also auch auf Island.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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