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Kommentar : Ein Kopf für die EZB

Auch eine Hängepartie muß einmal ein Ende finden. Es ist Zeit, das Undenkbare zu denken: Muß der nächste EZB-Chef ein Franzose sein?

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          Auch eine Hängepartie muß einmal ein Ende finden. Daran sollten die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union denken, die sich auf ihrem bevorstehenden Gipfeltreffen über die heikle Frage unterhalten wollen, wer künftig die Europäische Zentralbank (EZB) führen wird. Die Ausgangslage ist unerfreulich. Der seit dem Jahre 1998 amtierende Präsident Wim Duisenberg besitzt zwar einen bis 2006 laufenden Vertrag, doch mußte der Holländer vor seinem Amtsantritt auf französischen Druck informell zusichern, schon nach rund vier Jahren zurückzutreten. Als Nachfolger Duisenbergs wurde seinerzeit Jean-Claude Trichet ausersehen, der Gouverneur der Bank von Frankreich.

          Nun will Duisenberg im Sommer gehen, doch scheitert die beabsichtigte Berufung Trichets zumindest vorerst wegen dessen Verwicklung in den Bilanzskandal der französischen Großbank Crédit Lyonnais. Das Urteil wird voraussichtlich erst Mitte Juni gesprochen. Weil niemand weiß, ob Trichet nach Frankfurt wechseln wird - eine Ernennung zum EZB-Präsidenten wäre im Falle eines Schuldspruchs undenkbar -, kursieren bereits Namen möglicher Ersatzkandidaten.

          Es lohnt sich, einmal der Frage nachzugehen, warum die Person des EZB-Präsidenten eigentlich so wichtig ist. Im extravaganten Modell des Nobelpreisträgers Milton Friedman bedarf die Geldpolitik überhaupt keines Kopfes, weil die Geldversorgung nach einer starren Regel von einem im Finanzministerium aufgestellten Computer vorgenommen wird. Nun sieht die Wirklichkeit anders aus als Friedmans Modellwelt, aber von der bemerkenswerten Ausnahme Alan Greenspans abgesehen, sind Notenbankchefs gewöhnlich keine Personen, nach denen sich beim Einkaufen die Köpfe der Passanten drehen. Die Deutsche Bundesbank ist mit Präsidenten politisch, fachlich und persönlich unterschiedlichen Zuschnitts über Jahrzehnte gut gefahren.

          Der Name ihres Präsidenten war deshalb nicht so wichtig, weil die Bundesbank im Ruf stand, dank der Anwendung strenger geldpolitischer Regeln - die in der Praxis gar nicht so streng waren - ihre Rolle als Währungshüterin zuverlässig wahrzunehmen. Bei einer Notenbank, die seit Jahrzehnten Vertrauen aufgebaut hat und ihre Geldpolitik an einer klaren Strategie ausrichtet, ist der Präsident immer noch eine wichtige Person. Aber er spielt keine so dominierende Rolle wie der Chef der amerikanischen Notenbank Fed, deren Geldpolitik sich nicht an einer nachvollziehbaren Strategie zu orientieren scheint. Auch hieraus erklärt sich die außerordentliche Aufmerksamkeit, die der "Magier" Greenspan seit vielen Jahren genießt.

          Die EZB befindet sich (noch) nicht in der glücklichen Lage der Bundesbank. Auf den Nachfolger Duisenbergs wartet vielmehr eine ausgesprochen schwierige Aufgabe. Die EZB hat nach Ansicht der meisten Beobachter in ihren ersten Jahren gute Arbeit geleistet, doch steht das Ansehen einer so jungen Notenbank verständlicherweise noch nicht auf sehr festem Grund. Die auf der Steuerung der Geldmenge und der Inflationsrate beruhende "Zwei-Säulen-Strategie" der EZB hat sich bislang alles in allem bewährt, benötigt aber dennoch eine kritische Überprüfung. Überdies muß die Notenbank wegen der absehbaren Vergrößerung der Euro-Zone durch die Aufnahme neuer Mitglieder in Osteuropa die Strukturen ihrer Führung ändern. Vom nächsten Präsidenten ist deshalb auch eine hohe Integrationskraft gefordert. Schließlich muß er mit der Öffentlichkeit, mit der Politik und mit den internationalen Finanzmärkten kommunizieren können.

          Mit der Berufung eines Nachfolgers für Duisenberg liegt vor den Staats- und Regierungschefs eine ausgesprochen wichtige Nominierung, die nicht von Klüngeleien beeinflußt werden sollte. Frankreich hält an seinem Anspruch fest, den nächsten EZB-Präsidenten zu stellen. Dagegen spricht im Grundsatz nichts. Doch falls Trichet, dessen persönliche und fachliche Kompetenz für die Chefposition in Frankfurt unbestritten ist, wegen eines ungünstigen Urteils nicht mehr in Frage käme, würde es für Paris eng.

          Offiziell hält Chirac an Trichet fest, aber der mit allen Wassern gewaschene Hausherr im Elysee-Palast hat natürlich längst nach einer anderen Lösung Ausschau gehalten. Christian Noyer, der frühere Vizepräsident der EZB, hat vor wenigen Wochen erklärt, seine frühere Tätigkeit in Frankfurt stehe einer Berufung zum Präsidenten nicht entgegen. Diese Argumentation bleibt unter Juristen, die das EZB-Statut geprüft haben, umstritten. Entscheidend ist jedoch, daß sich in Frankreich ein erfahrener Vertreter der Verwaltung wie Noyer niemals ohne politische Rückendeckung aus höchsten Kreisen öffentlich zu einer so heiklen Personalie äußern würde.

          Jenseits von Trichet und Noyer wird die Personaldecke dünn. Der Präsident der Großbank BNP Paribas, Michel Pébereau - keine offensichtliche, aber vielleicht auch gar keine schlechte Alternative -, hat angeblich bereits abgesagt. Der Generaldirektor der Osteuropa-Bank, Jean Lemierre, wird in Paris von vielen als zu leicht befunden. Damit bliebe noch Hervé Hannoun, der unauffällige, aber sehr kompetente Vizegouverneur der Bank von Frankreich. Der in der Öffentlichkeit kaum bekannte Hannoun genießt in der internationalen Fachwelt hohes Ansehen. Doch da er seine Karriere den Sozialisten verdankt, dürfte ihn der Neogaullist Chirac wohl kaum für die Präsidentschaft der EZB vorschlagen.

          Möglicherweise werden sich die Staats- und Regierungschefs um eine rasche Entscheidung drücken und Duisenberg bitten, so lange in Frankfurt zu bleiben, bis Klarheit über Trichets Zukunft besteht. Davon ginge die Welt nicht unter. Aber die EZB braucht Klarheit über ihre künftige Führung. Falls Trichet ausfallen sollte, könnte man durchaus auch einmal das Undenkbare denken: Es steht nirgendwo geschrieben, daß der nächste Präsident ein Franzose sein muß.

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