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Kommentar : Ein Internet für China, eines für den Rest?

  • -Aktualisiert am

Datenspeicher: Kommt es zur Separierung im Netz? Bild: dpa

Der Schaden, den Amerikas Cyber-Spione für westliche Tech-Konzerne angerichtet haben, ist unübersehbar. Allerorten suchen Staaten nach Alternativ-Produkten. China versucht, schnell unabhängig von amerikanischen Konzernen zu werden. Das Internet droht zu zerfallen.

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          Wie schießt eine Regierung Ihrer innovativsten Industrie am schmerzhaftesten ins Knie? Indem sie deren Dienste und Produkte für geheimdienstliche Aktivitäten nutzt. Mehr und mehr breitet sich das Misstrauen gegen amerikanische Konzerne für Software, Hardware und Internet aus. Besonders vorsichtig sind die Chinesen geworden, deren eigene Cyber-Spionageattacken vor der Snowden-Affäre die Welt zunehmend geärgert hatten.

          Wie hat sich die Lage geändert. Die Snowden-Enthüllungen haben auch dem letzten Unternehmen und der letzten Bezirksregierung klargemacht, dass die westliche Vormacht hemmungslos in den Datennetzen der Welt herumschnüffelt. Und zwar mit Hilfe - ob gewollt oder ungewollt - der heimischen Industrie.

          Nun hat eine weitere chinesische Provinzadministration den Kauf von Windows-Rechnern gestoppt. Offenbar auf Anweisung höchster Regierungsstellen stornierte die aufstrebende Provinz Jiangsu entsprechende Einkäufe. Im chinesischen Fernsehen warnen Wissenschaftler vor den Sicherheitsrisiken von Windows. Auch die Server von IBM werden derzeit regierungsamtlich untersucht. Sind sie sicher genug für das chinesische Finanzwesen - oder ein anderes Einfallstor für amerikanischen Dienste, das im Konfliktfall für Sabotageakte am Finanzsystem genutzt werden kann?

          Was wir heute erleben, ist erst der Anfang einer möglicherweise umfassenden Separierung im Tech-Bereich. Schon jetzt bauen die Chinesen ihre eigene Internet-Infrastruktur, ihre eigenen Online-Plattformen auf - und lassen sich die Investitionen dafür auch noch aus dem Westen finanzieren. Der machtvolle Online-Konzern Alibaba geht demnächst in den Vereinigten Staaten an die Börse, die Erträge sprudeln so reichhaltig, dass sich die chinesischen Internet-Manager - ganz nach westlichem Vorbild - schon eigene Sportteams zulegen.

          Wer hindert China, ein eigenes Internet-Protokoll zu entwickeln?

          Schon jetzt betreiben die Chinesen hinter der Great Firewall ihr Online-Universum nach zunehmend eigenen Regeln. Zensurbehörden bestimmen den Grad der Freiheit, andere staatliche Stellen helfen beim Zurückdrängen westlicher Unternehmen wie Google. Es sieht aber nicht danach aus, dass Chinesen in Zukunft mehr Einfluss auf zentrale Internet-Organisationen wie die ICANN bekommen werden. Der Westen seinerseits wird stets darauf bedacht sein, das Netz als Abbild der offenen Gesellschaft zu schützen. Deshalb gewinnen in China Überlegungen an Einfluss, eine Online-Struktur nach eigenen Gesetzmäßigkeiten zu schaffen.

          Wer hindert die Chinesen daran, eine eigenes und sogar moderneres Internet-Protokoll zu entwickeln. Und wer hindert sie daran, dieses von einem Tag auf den anderen einzuführen? Virtuelle Grenzübergänge einzurichten, die nur einen streng kontrollierten Datenübergang ermöglichen? Dem Westen bliebe dann nur die Möglichkeit, sich anzupassen - oder auf Dauer vom Zugang zum größten digitalen Wirtschaftsraum des 21. Jahrhunderts ausgeschlossen zu bleiben.

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