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Kommentar : Duell der Stahlgiganten

  • -Aktualisiert am

Mittal sucht den Marktzugang in Südamerika und Westeuropa Bild: AP

Mittal Steel will mit der „Konsolidierung“ der Stahlbranche seine Vormachtstellung ausbauen. Nicht nur der strategische Ansatz, auch das Finanzierungskonzept zeugt von Meisterhand.

          3 Min.

          Am 27. Januar ist die Stahlwelt eine andere geworden. Der seit Jahren zu beobachtende Konzentrationsprozeß tritt in eine neue Dimension: Mittal Steel will Arcelor übernehmen. Ein Duell der Giganten hat begonnen. Das Ergebnis steht noch nicht fest.

          Denn der in den ersten Stunden erstarrte Arcelor-Vorstand wird sich gewiß widersetzen. Schließlich war es der 2002 aus drei bedeutenden europäischen Stahlunternehmen gebildete, vorübergehend sogar weltmarktführende Konzern, der als erster den Blick auf eine völlig neu strukturierte Stahlbranche richtete. Bald nach dem Zusammenschluß hatte Arcelor-Chef Guy Dolle über seine Vision eines weltumspannenden Stahlkonzerns mit mehr als 100 Millionen Tonnen Rohstahlkapazität geplaudert.

          Damals hatte Dolle etwa zehn Jahre nach vorn geschaut und natürlich Arcelor als handelndes und nicht als gehandeltes Unternehmen gesehen. Nicht zuletzt die 2005 vollzogene Fusion aus Unternehmen des gebürtigen Inders Lakshmi Mittal und der nordamerikanischen Inlandsteel zum neuen Weltmarktführer hat aber gezeigt, daß noch andere Stahlunternehmer solchen Visionen anhängen. Dennoch ist die Stahlwelt auf Mittals Griff nach Arcelor nicht vorbereitet gewesen.

          Bietergefecht um Dofasco

          In den beiden vergangenen Jahren haben so viele Stahlunternehmen wie nie zuvor den Eigentümer gewechselt. Die Transaktionsvolumina addierten sich auf mittlere zweistellige Milliarden Euro. Doch ist es höchst mühsam und teuer, über viele Unternehmenskäufe in eine weltumspannende Dimension zu wachsen. Wie zuletzt das von Arcelor gewonnene Bietergefecht um den kanadischen Stahlkonzern Dofasco zeigt, müssen Käufer selbst für eher unbedeutende Stahlunternehmen einige Milliarden Euro hinblättern. Augenfällig war auch die Diskrepanz zwischen dem gebotenen Übernahmepreis und der davon so weit nicht entfernten Börsenkapitalisierung der weitaus größeren Bieter. Damit haben Arcelor und Thyssen-Krupp regelrecht Interesse auf sich gezogen.

          Mittal hat den einzig richtigen Schluß gezogen: Nicht mehr kleckern, sondern klotzen, lautet die preisgünstigere Strategie. Der Inder erweist sich einmal mehr als außerordentlich beherzt: Schon bei seiner mittel- und osteuropäischen Einkaufstour hat er sich an Unternehmen gewagt, die andere europäische Kaufinteressenten wie Thyssen-Krupp, Arcelor oder Corus mit vielen Wenn und Aber ziehen ließen. Bislang haben sich die kühnen Investitionen Mittals fast ausnahmslos gelohnt.

          Arcelor verspricht sein Meisterstück zu werden. Es gibt keine Stahlkonzerne, die so ideal zueinander passen. Beide ergänzen sich sowohl hinsichtlich der Produkte wie auch der internationalen Präsenz. Auf dem amerikanischen Kontinent zum Beispiel gehört Mittal im Norden zu den führenden Unternehmen. In Südamerika ist Arcelor als brasilianischer Marktführer sehr stark.

          Suche nach dem Marktzugang

          Das Produktionsprogramm beider Konzerne umfaßt die gesamte Stahlpalette. Aber Arcelor produziert überwiegend höherwertige Qualitäten. So sind die Luxemburger die mit Abstand größten Lieferanten hochwertiger Außenbleche für die Autoindustrie. Nur ein halbes Dutzend Unternehmen in der Welt - darunter Thyssen-Krupp, zwei große japanische Stahlerzeuger und die südkoreanische Posco - können vergleichbare Premiumbleche liefern. Damit könnte Mittal Steel als bisher schon größter Lieferant einfacherer Bleche in den Vereinigten Staaten seine Position nochmals erheblich stärken.

          Auch in Westeuropa sucht der Inder schon lange nach einem Marktzugang. Dem Vernehmen nach interessierte er sich deshalb im vergangenen Jahr außerordentlich stark für Salzgitter. Aber als ihm das Land Niedersachsen und der Vorstand ihre klare Ablehnung erklärten, soll Mittal bereits reservierte Salzgitter-Pakete weitergeleitet haben. Denn die in der Branche verpönte feindliche Übernahme war bislang auch nicht des Inders Stil.

          Nun liegt der Gedanke nahe, daß das jüngste Übernahmeobjekt selbst seinen Gesinnungswandel verursachte. Schließlich war es der Arcelor-Konzern, der im November gegen den Willen des Dofasco-Vorstandes dessen Aktionäre umwarb. Für Arcelor wird es angesichts des in ganz Europa breit gestreuten Aktienkapitals ohne große Paketbildung nicht einfach sein, ähnlich wie Dofasco den feindlichen Bieter wirksam fernzuhalten.

          Markt für „schweren“ Stahl

          Für Mittal birgt der Zusammenschluß enorme Chancen. Der seit einiger Zeit zu beobachtende Expansionsdrang der Stahlkonzerne zielt auf schnell wachsende Schwellenländer ab. Dort zieht insbesondere der Markt für „schweren“ Stahl an, wie er für Investitionen in der Bau- und Verkehrswirtschaft benötigt wird. Erst allmählich entsteht dann eine größere Nachfrage nach höherwertigen Stahlqualitäten für die Konsumgüter- oder die Verpackungsindustrie. Eine neue Mittal-Arcelor wäre für solche Entwicklungsphasen hervorragend aufgestellt.

          Nicht nur der strategische Ansatz, auch das Finanzierungskonzept zeugt von Meisterhand. Mit dem Arcelor angebotenen Mischpreis aus Aktien und Bargeld erreicht der Inder mehrere Ziele. Er will den bis zu seinem Übernahmeangebot geltenden Arcelor-Marktwert mit Mittal-Steel-Aktien zahlen. Damit würden die Kassen seines Unternehmens geschont und seine hohe Beteiligung an Mittal Steel - wie von ihm angekündigt - näher an 50 Prozent herangeführt.

          Sein Angebot an Thyssen-Krupp wiederum bietet gleich drei Vorteile. Wegen der Marktführung als Blechzulieferer für Autobauer würde die Wettbewerbsaufsicht mit Sicherheit die Abgabe der ebenfalls gut positionierten Dofasco verlangen. Statt dieses Unternehmen unter Druck verkaufen zu müssen, will sich Mittal nun den Barpreis für die Arcelor-Übernahme von Thyssen-Krupp holen. Der Inder zeigt, wie man sich in den Kreis der Reichsten in der Welt vorarbeiten kann.

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