https://www.faz.net/-gqe-499l

Kommentar : Die neue Apotheke der Welt

  • -Aktualisiert am

In der Pharmabranche läuft ohne den amerikanischen Markt nichts. Das zeigen auch die jüngsten Zahlen des Schweizer Konzerns Novartis. Nirgendwo werden mehr verschreibungspflichtige Pillen geschluckt, nirgendwo wird mehr Geld für die Gesundheit ausgegeben als in Amerika.

          3 Min.

          In der Pharmabranche läuft ohne den amerikanischen Markt nichts. Das zeigen auch die jüngsten Zahlen des Schweizer Konzerns Novartis. Nirgendwo werden mehr verschreibungspflichtige Pillen geschluckt, nirgendwo wird mehr Geld für die Gesundheit ausgegeben als in Amerika. Fünf der zehn größten Pharmakonzerne der Welt haben dort ihren Sitz. Das größte deutsche Unternehmen Boehringer Ingelheim schafft es noch nicht einmal unter die ersten zehn. Zwischen dem Marktanteil des Weltmarktführers Pfizer von 11 Prozent und dem von Boehringer von rund 1,4 Prozent klafft eine riesige Lücke. Die Amerikaner bestimmen aber noch aus einem anderen Grund das Geschehen. Denn kein ernstzunehmendes europäisches oder japanisches Unternehmen kann es sich leisten, auf diesem Markt, der zudem der wachstumsstärkste der Welt ist, nicht vertreten zu sein.

          Nur Amerika kann aus einem Medikament, das sich in Europa gut verkauft, einen "Blockbuster" machen, also ein Präparat, das seinem Hersteller im Jahr einen Umsatz von mehr als 1 Milliarde Dollar und damit auch einen hohen Gewinn bringt. Deshalb hat der Schering-Vorstand seinen Aktionären angekündigt, seinen auf Amerika entfallenden Umsatzanteil bis 2005 auf 30 Prozent steigern und damit binnen fünf Jahren verdoppeln zu wollen. Boehringer Ingelheim verkauft schon rund die Hälfte seiner Produkte nach Amerika. Auf Vertriebspartnerschaften und Entwicklungskooperationen mit amerikanischen Unternehmen will ebenfalls kein bedeutender Anbieter mehr verzichten.

          Die Stimmung könnte hier und dort kaum unterschiedlicher sein: Während in Deutschland eine Positivliste verschreibungspflichtiger Medikamente beschlossen worden ist, die umstrittene Präparate von der Erstattung durch die Krankenkassen ausschließt, freut sich Pfizer in den Vereinigten Staaten über die abschließende Genehmigung seines Kaufs von Pharmacia. Während in Deutschland darüber geklagt wird, die Positivliste sei unverantwortlich und schade gerade den so bedeutenden Mittelständlern der Branche, eröffnet die Schweizer Novartis für viel Geld ein neues Forschungshauptquartier in Cambridge in der Nähe von Boston.

          Die regelmäßig wiederkehrenden Diskussionen über den Kostenabbau im Gesundheitswesen sorgen dafür, daß die Pharmabranche in Europa zum Buhmann wird. Die Schweizer hingegen suchen mit ihrem neuen Labor geradezu die Nähe zur lebenswichtigen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA). Die Branche wird aber nicht nur von Politikern und Behörden in die Zange genommen. Auch die alternde Produktpalette und die Forschung und Entwicklung, in die alle Konzerne immer mehr Geld stecken, führen zu mancher Sorge. Einerseits fehlen neue Blockbuster, andererseits laufen die Patente für heutige Erfolgsmedikamente aus. Die FDA hat im vergangenen Jahr nur 17 neue Präparate zugelassen, in den fünf Jahren zuvor lag der Durchschnitt bei 31. In den kommenden fünf Jahren hingegen werden 150 Medikamente mit einem Umsatzvolumen von 50 Milliarden Dollar ihren Patentschutz verlieren. Das führt zu einer verkehrten Welt: Der Arzneimittelhersteller Schwarz Pharma zum Beispiel, der sich auf die Produktion von Nachahmermedikamenten spezialisiert hat, für die der Patentschutz abgelaufen ist, konnte wegen glänzender Geschäfte die Umsatz- und Gewinnerwartungen für das laufende Jahr kräftig erhöhen.

          Anderen Herstellern dieser sogenannten Generika geht es ebenfalls recht gut; mancher Pharmakonzern bietet zum Risikoausgleich sowohl Generika also auch selbstentwickelte Medikamente an. Gerade Novartis macht hiermit zur Zeit gute Geschäfte. Hingegen hat vor einigen Wochen allein der Antrag auf Aufhebung eines Patents für ein Blutverdünnungsmedikament in den Vereinigten Staaten die Aktien des deutsch-französischen Pharmakonzerns Aventis an einem Tag um fast sieben Prozent absacken lassen. Die Börse weiß, daß es zwischen fünf und zwölf Jahren dauert, bis ein neuentwickeltes Medikament auf den Markt gebracht werden kann. Zudem kostet die Entwicklung und Markteinführung eines einzigen neuen Präparats schnell mehr als 800 Millionen Dollar. Die Kosten sind ein Grund, warum sich Pharmakonzerne immer häufiger zu Kooperationen entschließen. Die Entwicklungsschwierigkeiten motivieren zudem die großen Übernahmen, die die Branche in den vergangenen Jahren erlebt hat.

          Oft genug und auch bei Pfizer hat sich jedoch gezeigt, daß Größe allein noch keinen Forschungserfolg garantiert und kleine Pharmakonzerne in der Nische durchaus erfolgreich arbeiten können. Bayer wiederum mußte erleben, daß der Gang nach Amerika mit erheblichen Gefahren verbunden sein kann. Der Cholesterinsenker Lipobay mußte wegen seiner Nebenwirkungen vom Markt genommen werden, womit Bayer ein Blockbuster-Medikament für immer verlorengegangen ist. Die öffentliche Erregung in den Staaten über den Fall setzte Bayer hart zu. Daran werden auch für das Unternehmen weiterhin erfreuliche Gerichtsentscheidungen in den Schadenersatzprozessen rund um Lipobay nichts mehr ändern.

          Die Dominanz der amerikanischen Nachfrager auf dem Pharmamarkt verstärkt noch eine weitere negative Entwicklung, die für die Branche zum Teufelskreis werden kann: Da sich gerade in Amerika besonders viel Geld mit Präparaten zur Behandlung chronischer Krankheiten verdienen läßt, wird die Entwicklung von Medikamenten für akute Notfälle vernachlässigt. Menschen, die älter als 65 Jahre sind, schlucken eben dreimal so viele Pillen wie junge Leute. Zudem wird diese Bevölkerungsgruppe immer größer. Damit ergeben sich einerseits Wachstumschancen, andererseits vergrößert sich so aber auch die Last, die die Gesundheitssysteme tragen müssen. Sollte deshalb irgendwann auch in Amerika, der neuen Apotheke der Welt, stärker regulierend in den Markt eingegriffen werden, wäre das für die Pharmaindustrie eine bittere Pille.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Bahn-Chef Richard Lutz (rechts) und der bisherige Finanzvorstand Alexander Doll

          Führungschaos bei der Bahn : Höchste Eisenbahn

          Zuletzt hatte es noch Hoffnung geben, die Bahn könnte ihre Probleme hinter sich lassen. Doch nun tobt ein Führungschaos in der Chefetage. Das erste Opfer: Finanzvorstand Alexander Doll. Aber der eigentliche Skandal liegt woanders.

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.