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Kommentar : Die Mafia als Wirtschaftsfaktor?

Illegale Aktivitäten wie Drogenhandel fließen nun in die Wirtschaftsleistung ein. Das Konzept des Bruttoinlandsprodukts wird dadurch angreifbar.

          Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. So reagieren viele, wenn sie hören, dass illegale Aktivitäten wie Drogenhandel nun in die Berechnung der Wirtschaftsleistung einfließen. Wird die Mafia offizieller Wirtschaftsfaktor? Indem die neue EU-Richtlinie vorschreibt, dass die „Wertschöpfung“ durch Drogenschmuggel oder Prostitution in allen Ländern bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) berücksichtigt werden muss, wird das Konzept angreifbar.

          Das Bruttoinlandsprodukt enthält die Summe aller in einem Jahr produzierten Waren und Dienstleistungen – ob diese nun moralisch anstößig sind oder nicht. Die Befürworter der neuen Statistik sehen den Verkauf illegaler Drogen oder käuflichen Sex nüchtern als Geschäfte, die in den Indikator einfließen müssen. Das erhöhe die Vergleichbarkeit, denn in einigen Ländern seien etwa bestimmte Drogen legal erhältlich. Die Kosten für die Behandlung Drogensüchtiger oder für die Polizisten, die die Beschaffungskriminalität bekämpfen, werden übrigens auch in die Rechnung einbezogen.

          Problematisch ist, dass die grauen Wirtschaftsbereiche, ob die Schattenwirtschaft auf dem Bau oder der schwarze Handwerker und die schwarze Putzfrau im Haushalt, nur mit unsicheren Schätzungen einfließen können. Deshalb sollten die Statistiker diese Bereiche sehr konservativ berechnen, sonst setzen sie sich Manipulationsverdacht aus (wie einst Griechenland, das den Schattensektor um ein Viertel aufblähen wollte). Umstritten war bei der Neuberechnung der Punkt, ob Rüstungsausgaben als „Investitionen“ zu werten sind. Das deutsche Statistikamt war dagegen, Raketen und Panzer so zu zählen, aber es setzte sich mit seiner Position nicht durch.

          Mit Drogen, Sex und Waffen werden Milliardenumsätze gemacht, doch werden sie im BIP nur wenige Zehntel Prozentpunkte ausmachen. Einen größeren Effekt bringt, dass Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Unternehmen nicht mehr als Vorleistung, sondern als Investitionen verbucht werden. Die Statistikbehörde Eurostat schätzt, dass die neue Rechnung die Wirtschaftsleistung einmalig um 2,3 Prozent erhöht, wovon 1,9 Prozent auf das Konto des F&E-Effekts gehen. Der angenehme Nebeneffekt für die Finanzminister ist, dass durch ein höheres BIP die Staatsschuldenquote sinkt. Die Frage bleibt, was die Quote aussagt, wenn sie durch das Hereinrechnen illegaler Aktivitäten gedrückt wird, die nicht zu besteuern sind.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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