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Kommentar : Die Mär vom armen Ostrentner

Ostdeutsche Rentner bekommen weniger als westdeutsche? Wer das behauptet, verschweigt ein wichtiges Detail.

          Auf den ersten Blick ist es eine schreiende Ungerechtigkeit. Ein westdeutscher Rentner bekommt vom Staat im Schnitt bloß 713 Euro monatlich überwiesen, ein ostdeutscher Rentner hingegen stolze 839 Euro – schmale Hinterbliebenen- und Invalidenrenten jeweils mitgerechnet. Da sollte, 25 Jahre nach der deutschen Einheit, dringend eine Angleichung her. Das einzig Merkwürdige an dieser Forderung ist, dass sie just von Politikern aus Ostdeutschland erhoben wird: Halten sie es wirklich für wählerwirksam, den eigenen Landsleuten die Altersbezüge zu kürzen?

          Kaum eine Bevölkerungsgruppe profitierte von der Wiedervereinigung so sehr wie die ostdeutschen Rentner. Die mittleren Altersgruppen verloren oft ihren Job, die Jüngern mussten für die neuen Chancen hart kämpfen. Die Älteren brauchten bloß ein Formular auszufüllen, schon bekamen sie vom ersten Tag an auskömmliche Renten in harter D-Mark, die sich an ihrer Erwerbsbiographie orientierten.

          Der Rentenpunkt ist im Osten weniger wert

          Da in der DDR fast alle Frauen arbeiteten und Arbeitslosigkeit offiziell unbekannt war, lagen die Bezüge – zu Recht – oft höher als im Westen. Das führte in manchen strukturschwachen Gegenden zu der skurrilen Situation, dass die Bevölkerung fast nur noch aus vergleichsweise wohlhabenden Rentnern und darbenden Hartz-IV-Empfängern bestand.

          Folglich argumentieren die Anwälte der vermeintlich benachteiligten Ostrentner nicht mit konkreten Lebenslagen, sondern mit einer abstrakten Größe: dem „Rentenwert“. Was ein Rentenpunkt, den man im Erwerbsleben angesammelt hat, in Euro und Cent wert ist – das bemisst sich in Ost und West gleichermaßen an der Summe der Löhne und Gehälter in der jeweiligen Volkswirtschaft. Das ist ja die Idee des Umlagesystems. Verteilt werden kann nur, was von den Beitragszahlern zur gleichen Zeit erarbeitet wird.

          Über die Jahre haben die Gehälter im Osten zwar aufgeholt, bislang erreichen sie aber erst rund 87 Prozent der westdeutschen Vergütungen. Ausgeglichen wird das zum Teil durch den höheren Anteil von Erwerbstätigen an der ostdeutschen Gesamtbevölkerung, der übrigens auch das Gejammer über die hohe Arbeitslosigkeit relativiert: Weil noch immer mehr Frauen arbeiten und die Ausbildungszeiten etwas kürzer sind, liegt die gesamte Lohnsumme immerhin schon bei 94 Prozent des westdeutschen Niveaus. Also ist ein Rentenpunkt im Osten sechs Prozent weniger wert. Das ist die Lücke, die ostdeutsche Politiker schließen möchten.

          Ost-Rentner haben viel mehr Rentenpunkte angesammelt

          Dabei unterschlagen sie bewusst, dass die Senioren im Osten viel mehr dieser Rentenpunkte angesammelt haben – und zwar mit kräftiger Nachhilfe durch den Staat: Jeder Euro, den ein ostdeutscher Arbeitnehmer in die Rentenkasse einzahlt, ist bei der Berechnung der Anwartschaften satte 15 Prozent mehr wert. Weil die individuellen Löhne und Gehälter im Westen um diese 15 Prozent höher liegen. Durch diesen großen Vorteil verwandelt sich der kleine Nachteil, den die Ostdeutschen beim Rentenwert haben, unter dem Strich in ein sattes Plus.

          Natürlich spricht 25 Jahre nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik überhaupt nichts gegen ein einheitliches Rentensystem. Im Gegenteil: Schließlich werden die Renten für Münchener und Gelsenkirchener ja auch nach gemeinsamen Maßstäben berechnet, trotz unterschiedlicher Lohnsummen und Gehaltsniveaus. Wer vermeintliche Diskriminierungen abschaffen will, muss im Gegenzug allerdings auch die Privilegien kappen. Alles andere wäre Rosinenpickerei.

          Das wird nicht ohne Übergangsfristen gehen, weil gleich hoch bewertete Renten sofort Geld kosten, gleich niedrig bewertete Beiträge aber erst zukünftig Geld sparen – übrigens in einer Zeit ohnehin schmaler werdender Altersbezüge, weil dann die hohe Arbeitslosigkeit nach der Wende aufs Rentenniveau durchschlägt. Wenn es so weit ist, werden sich deshalb viele Rentner wundern, was ihre angeblichen Interessenvertreter da versprochen haben.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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