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Deutsche Bank : Die große Entfremdung

Ganz konzentriert: Co-Bankchef Anshu Jain mit Knopf im Ohr auf der Hauptversammlung Bild: Frank Röth

Die Furcht existiert, dass die Deutsche Bank den Investmentbankern dauerhaft in die Hände fällt. Nicht nur deswegen ist das Ansehen in der deutschen Öffentlichkeit ramponiert. Eine Analyse.

          Die Sprachlosigkeit zwischen der Führung der Deutschen Bank und vielen ihrer deutschen Aktionäre verdeutlichte sinnbildlich der Auftritt Anshu Jains auf der Hauptversammlung. Der Ko-Vorstandsvorsitzende sprach zur Begrüßung wenige Sätze auf Deutsch und wechselte dann in die ihm geläufigere englische Sprache. Von diesem Moment an war Jains Stimme in der gut gefüllten Frankfurter Festhalle überhaupt nicht mehr zu vernehmen, sondern nur noch die Stimme eines deutschen Übersetzers. Die Szene wirkte, als spiele Jain die Hauptrolle in einem mäßig synchronisierten Film.

          Die Hauptversammlung wirkte stellenweise, als habe man dort ein großes Missverständnis entdeckt. Die nunmehr 25 Jahre andauernde Expansion der Deutschen Bank in die Welt des angelsächsisch geprägten Investmentbankings stand von Beginn an aus deutscher Warte unter zwei Vorbehalten: Erstens durfte die Kontrolle der Deutschen Bank niemals ganz in die Hand der Investmentbanker fallen. Und zweitens durften die Investmentbanker in London und New York sehr wohl in Hosenträgern herumlaufen und selbst viel Geld einstecken, solange sie gleichzeitig die Bank und die Aktionäre reich machten.

          Applaus für scheidenden Vorstand Neske

          Heute ist das Unbehagen groß. Die Furcht existiert, dass die Bank den Investmentbankern dauerhaft in die Hände fällt, die Investmentbanker aber ihr Ertragsversprechen vor allem gegenüber sich selbst und nicht gegenüber der Bank und ihren Aktionären einlösen. Im Applaus der Hauptversammlung für den scheidenden Privatkundenvorstand Rainer Neske drückte sich nicht nur Anerkennung für ein Vierteljahrhundert guter und loyaler Arbeit aus, sondern auch Wehmut angesichts des von Neske verlorenen Machtkampfs gegen die Investmentbanker. Und natürlich ist die Frage erlaubt, warum die Postbank vor einem Jahr als Bestandteil der Deutschen Bank gerühmt wurde und heute als Fremdkörper beschrieben wird.

          Es existiert die Furcht, dass eine Bank, die in 7000 Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist und unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, nicht nur schlecht geführt wird, sondern auch ihr in fast 150 Jahren aufgebautes Ansehen verspielt. Und es existiert die Furcht – nicht nur bei Aktionären, auch in vielen Unternehmen und selbst in anderen deutschen Banken –, dass die Deutsche Bank die versprochene Wende zum Besseren vielleicht nicht schafft. Das Interesse an einer gut geführten, erfolgreichen und auch international etablierten Deutschen Bank ist weit verbreitet. Wer jedoch mit Menschen aus dem Wirtschaftsleben über die jüngere Vergangenheit und den aktuellen Zustand der Deutschen Bank spricht, hört häufig zwei Fragen: Warum nur? Wie konnte es so weit kommen?

          Dabei könnte diese Bank erfolgreich arbeiten. Wer sich das rein operative Ergebnis ohne alle Sondereinflüsse anschaut, sieht mindestens ordentliche Zahlen, die sich im Zuge einer Kostenoptimierung wohl noch verbessern ließen. Aber wie will die Bank solche Botschaften kommunizieren, wenn sie nach einer monatelang in der Öffentlichkeit ausgetragenen Strategiediskussion weitere Zeit braucht, um die neue Strategie, die vom Wegfall der Postbank abgesehen, im wesentlichen die alte Strategie ist, vorzustellen?

          Der Aufsichtsrat baut auf Jain

          Es ist durchaus möglich, dass die Deutsche Bank derzeit einen Tiefpunkt durchschreitet und sich die Zukunft in geschäftlicher Hinsicht besser gestaltet. Der Aufsichtsrat baut vor allem auf Jain, der nunmehr auch für die Umsetzung der Strategie verantwortlich ist – eine Entscheidung, die Jain gegenüber dem anderen Ko-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Fitschen de facto aufwertet. Sie ist aber auch konsequent, weil die Verantwortung für die Strategie vom Vorstandsvorsitz wahrgenommen werden sollte und Jain voraussichtlich länger an Bord bleiben wird als Fitschen, dessen Vertrag im Jahr 2017 ausläuft.

          Wer nach der deutschen Zukunft in der Führung der Bank sucht, muss nicht verzagen. Der Aufsichtsrat hat mit Christian Sewing einen jungen und unverbrauchten Mittvierziger als Nachfolger Neskes mit der Leitung des Privatbankgeschäfts betraut. Sewing trat 1989 als Auszubildender in die Deutsche Bank ein, wo er eine tadellose Karriere absolvierte, die ihn zu Jahresanfang als Vorstand für Rechtsangelegenheiten in das höchste Führungsgremium brachte. Zudem übernimmt mit Markus Schenck ein Manager den Finanzvorstand, dem es an Tatendrang und Entscheidungsfreude nicht mangelt.

          Bessere Jahresergebnisse und ein höherer Aktienkurs werden jedoch nicht genügen, um die Entfremdung zwischen der Deutschen Bank und eines nicht geringen Teils der deutschen Öffentlichkeit zu überwinden. Die Reputation der Bank und ihrer Führung muss sich verbessern und dies kann nicht schnell gehen. Dafür wurde in den Doppeltürmen an der Frankfurter Taunusanlage zu viel Porzellan zerschlagen. Eine entscheidende Frage wird sein, ob die Öffentlichkeit Anshu Jain, dessen fachliche Qualifikation als Banker niemand bestreitet, als den richtigen Mann für diese Aufgabe betrachtet. Für viele Aktionäre auf der Hauptversammlung ist er es nicht.

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