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Kommentar : Die Bahn im Zugzwang

  • -Aktualisiert am

Bahnchef Rüdiger Grube baut den Konzern komplett um. Und geht dabei so radikal vor wie noch nie. Was soll das ganze eigentlich?

          So radikal ist Bahnchef Rüdiger Grube bisher noch nie vorgegangen. Er schickt Vorstandskollegen in die Wüste – darunter die einzige Frau im Gremium. Er lässt ganze Geschäftsbereiche überprüfen und verunsichert die Beschäftigten. Er baut den Transportkonzern, der noch von den Börsengang-Planungen seines Vorgängers Hartmut Mehdorn geprägt ist, komplett um. Und er scheint nur noch vier Adjektive zu kennen: schlanker, schneller, effizienter und kundenorientierter. Ganz abgesehen von der Frage, ob es zu „kundenorientiert“ überhaupt eine Steigerung gibt: Was soll das ganze eigentlich?

          Der Vorstandsvorsitzende, der sich bislang so kumpelhaft, kooperativ und kümmernd gab, hat bemerkt: So geht es nicht weiter mit Deutschlands wichtigstem Transportunternehmen. Im Güterverkehr ist kaum mehr ein Gewinn übrig, im Fernverkehr wechseln die Kunden scharenweise zur billigen Linienbuskonkurrenz, und im Regionalverkehr schnappen die Tochtergesellschaften ausländischer Bahnanbieter der DB die Aufträge weg.

          Bahngewinn stark geschrumpft

          Dazu kamen Orkane und – vielleicht noch schlimmer – die GDL. Die Lokführerstreiks haben einen wirtschaftlichen Schaden von rund einer halben Milliarde Euro angerichtet. Und das sorgt für erheblichen Druck in der Bilanz: Der Bahngewinn ist im ersten Halbjahr 2015 stark geschrumpft: um fast 40 Prozent.

          Schuld ist letztlich immer der Vorstand. Da der 63 Jahre alte Rüdiger Grube seinen Job liebt und noch sehr lange Bahnchef bleiben will, steuert er jetzt drastisch dagegen. Sein Sechs-Punkte-Programm umfasst vor allem Änderungen in Organisation und Management. Von den Kunden ist darin wenig die Rede. Was heißt also „kundenorientierter“?

          Schon im März hat die Bahn eine Fernverkehrsinitiative angekündigt. Damals wurde sie als „größte Angebots- und Kundenoffensive in der Geschichte der Bahn“ gepriesen. Den damals zuständigen Vorstand hat Grube zwar inzwischen gefeuert, aber die Planung bleibt, und erste Auswirkungen sind schon heute spürbar: Mit 19-Euro-Tickets und mit neuen Bahncard-Angeboten für junge Erwachsene und kurzfristig entschlossene Kunden will das Unternehmen neue Fahrgäste in die Züge locken. (Bus-)Wettbewerb wirkt also: Die Kunden dürfen sich freuen. Sie muss es ja nicht kümmern, dass dem Unternehmen unruhige Zeiten bevorstehen.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

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