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Kommentar : Deutsche Börse im Abseits

  • -Aktualisiert am

Privatpersonen und auch Unternehmern kommt es nur selten in den Sinn an die Börse zu gehen Bild: dpa

Der Dax klettert seit März 2009 immer weiter nach oben - und steht jetzt so hoch wie nie. Trotz hoher Aktienkurse zieht es jedoch kaum inhabergeführte Unternehmen an die Deutsche Börse.

          Der deutsche Aktienmarkt haussiert, aber kaum einer geht hin. Der Dax ist seit März 2009 von weniger als 4000 auf mehr als 8000 Punkte geklettert - so hoch wie nie. Die meisten Deutschen bekommen vom Wertzuwachs und den Dividendenzahlungen der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften nichts mit. Das Deutsche Aktieninstitut ermittelt seit Jahren fast konstant 4,2 Millionen Aktienanleger in Deutschland, nicht einmal 7 Prozent der Bevölkerung. Und auch Unternehmern kommt selten in den Sinn, die Börse zu nutzen, um dort ihre Firma zu verkaufen oder neues Eigenkapital einzusammeln.

          Dabei ist seit Oktober 2012 der Markt für Börsengänge wieder offen. Damals verkauften mit Talanx, Hess und Telefónica Deutschland erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise in einem Monat drei größere Unternehmen öffentlich angebotene Aktien und vollzogen so den im Finanzjargon kurz IPO genannten Börsengang. Seither haben nur Finanzinvestoren den Markt genutzt. Im ersten Halbjahr 2013 stießen sie Aktien von LEG Immobilien, Kion, Evonik und Deutsche Annington durch ein IPO ab. Auch wenn das Aktienangebot bei Evonik und Deutsche Annington verringert werden musste, so spielten diese vier Aktien-Neuemissionen doch immerhin 2,5 Milliarden Euro ein. Investmentbanker sprechen von 2013 als dem besten IPO-Jahr seit 2008.

          Fremdkapital ist oft die verlockendere Variante

          Allerdings erhielt nur Kion eine nennenswerte Kapitalerhöhung. Anlässlich der drei anderen Börsengänge trennten sich allein die Eigner, fast ausnahmslos professionelle Beteiligungsgesellschaften, von Aktien. Diese Private-Equity-Fonds nutzen die gestiegenen Aktienkurse, um zu akzeptablen Preisen vor der Finanzkrise gekaufte Unternehmensbeteiligungen zumindest teilweise wieder zu verkaufen. Für das zweite Halbjahr, in dem die Saison im September beginnt, sind der Armaturenhersteller Grohe und das Chemieunternehmen H.C. Starck für ein IPO im Gespräch. Auch sie gehören Beteiligungsgesellschaften.

          Der DAX-Kurs am 02.09.2013 - seit März 2009 ist der Dax von 4000 Punkten auf mehr als 8000 geklettert

          Selten aber fassen in Deutschland inhabergeführte Unternehmen einen Börsengang ins Auge. Viele Firmenkassen sind voll. Wenn für Investitionen zusätzlicher Kapitalbedarf besteht, dann ist Fremdkapital im Vergleich zu Eigenkapital angesichts der niedrigen Zinsen oft die verlockendere Alternative. Doch das Misstrauen gegenüber der Aktienbörse sitzt tiefer: Familienunternehmen scheuen die Informationspflichten, die eine Börsennotierung verlangt. Sie fürchten auch, der Zwang zur Quartalsberichterstattung könnte einer kurzatmigeren Unternehmensstrategie Vorschub leisten. Auch die Vorstellung, dass die eigene Firma womöglich mehrheitlich ausländischen Anlegern gehört, verstört manche. Die meisten vererben ihr Unternehmen lieber an ihre Kinder, selbst wenn ihnen diese zur Geschäftsführung wenig geeignet erscheinen. Dabei ließen sich jetzt an der Börse gute Preise erzielen und der Fortbestand der Firma sichern.

          Allerdings ist fast ausgemacht, dass ein Unternehmen nach dem Börsengang in Deutschland mehrheitlich in ausländischen Händen ist. Die Deutschen haben mit Volksaktien wie der Deutschen Telekom und um die Jahrtausendwende mit dem Neuen Markt besonders schlechte Erfahrungen gemacht. Zuletzt haben die Finanzkrise und das Familienunternehmen Hess die Anleger verstört, als es nur wenige Monate nach seinem Börsendebüt in die Insolvenz ging. Bei Hess hatten sich ausgerechnet viele Sparkassenkunden engagiert.

          Lieber Investmentzertifikate und Indexfonds als Aktien

          Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon ist einer der wenigen, der sich für die Aktienanlage einsetzt. Die Deutsche Börse dagegen, die als Marktbetreiber an einem florierenden Kapitalmarkt das größte Interesse haben sollte, ist von Frankfurt nach Eschborn abgetaucht. Ihr Chef Reto Francioni hat wenig Ambitionen, deutschen Sparern und Unternehmen die Aktienbörse näherzubringen. In den vergangenen Jahren konzentrierte sich die Deutsche Börse vielmehr darauf, ausländische Unternehmen vom Börsengang in Deutschland zu überzeugen. Gekommen sind oft mittelmäßige chinesische Unternehmen ohne nennenswertes Geschäft in Deutschland. Ihre meist desaströse Kursenwicklung untergräbt die Aktienkultur in Deutschland weiter.

          Selbst kapitalmarktaffine Anleger kaufen oft lieber Investmentzertifikate und Indexfonds als Aktien. Das hat auch mit der Direktanlagen benachteiligenden Abgeltungsteuer und den lästigen Beratungsprotokollen zu tun, die Bankberater wie Anleger tunlichst vermeiden. Und viele Aktienfondsgesellschaften wie Deka und Union leiden unter Mittelabflüssen. Damit gibt es immer weniger Anleger, die gezielt nach unterbewerteten Unternehmen Ausschau halten.

          Dies zeigt sich besonders auf dem IPO-Markt. An deutsche Fonds gehen selten mehr als 10 Prozent einer Aktien-Neuemission. Den Großteil der deutschen IPOs kaufen Anleger aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten, wo Aktienfonds anders als in Deutschland einen wichtigen Teil der staatlich geförderten Altersvorsorge ausmachen. Solange sich daran nichts ändert, wird der deutsche Aktienmarkt von ausländischen Anlegern dominiert werden. Sie haben in diesem Jahr mit drei von vier deutschen Börsengängen gutes Geld verdient.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

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