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Kommentar : Betriebsrente in Gefahr

  • -Aktualisiert am

Gang in eine ungewisse Zukunft: Ob die Unternehmen die versprochenen Betriebsrenten später tatsächlich zahlen können, ist nicht in Stein gemeißelt. Bild: dpa

Wegen der ultraniedrigen Zinsen gerät auch die Betriebsrente in Misskredit. Die Pläne der Bundesregierung, sie auszubauen, werden kaum durchsetzbar sein.

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          Eigentlich ist eine Betriebsrente eine überzeugende Idee. Wenn viele Arbeitnehmer zusammen über ihren Arbeitgeber sparen, wird das viel günstiger als alleine. Am Ende bekommen alle eine höhere Rente ausbezahlt und die Rückgänge in der gesetzlichen Rente tun nicht mehr so weh. Der Arbeitgeber freut sich, weil er ein Mittel an der Hand hat, Fachkräfte mit einer attraktiven Ausgestaltung der Betriebsrente anzulocken. Im harten Wettbewerb um solche Mitarbeiter kann das zum entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz werden.

          Jedenfalls in normalen Zeiten. Doch derzeit sind die Zeiten alles andere als normal. Die ultraniedrigen Zinsen stellen alles auf den Kopf. Sparer haben sich frustriert daran gewöhnen müssen, fast keine Zinsen mehr auf dem Sparbuch zu bekommen. Neidisch schauen sie auf die wenigen Anleger, die in Deutschland in Aktien investieren und sich über ständig neue Dax-Rekorde freuen. Und ärgern sich, dass sie nicht dabei sind. Aber alles halb so schlimm, immerhin gehören sie zu denen, die eine Betriebsrente bekommen. Das tröstet.

          Spürbar negative Folgen

          So dachten sie bisher. Doch die außergewöhnlichen Zeiten greifen zunehmend auch die Betriebsrenten an. Die niedrigen Zinsen verdonnern die Unternehmen dazu, immer mehr Milliarden in die Pensionsrückstellungen zu stecken, um die Verpflichtungen aus der Vergangenheit später erfüllen zu können. Denn mit dem Zins werden diese künftigen Zahlungen auf die Gegenwart abgezinst. Je niedriger der ausfällt, desto höher die Rückstellungen. Hinzu kommen höhere Beiträge an den Pensionssicherungsverein (PSV), der im Notfall einspringen soll, wenn ein Unternehmen die Betriebsrenten nicht mehr bezahlen kann.

          Der Anstieg der Verpflichtungen ist dramatisch: Bei den 30 Dax-Unternehmen erhöhten sie sich allein im vergangenen Jahr um ein Viertel auf 372 Milliarden Euro. Noch schwerer zu stemmen sind die Lasten für die vielen kleinen Mittelständler.

          Das hat überall negative Folgen. Für die Unternehmen, deren Gewinne dadurch angeknabbert werden. Dadurch bleibt weniger Geld für Investitionen in der Kasse, was wiederum der Volkswirtschaft schadet. Geht die Niedrigzinsphase noch viele Jahre weiter, könnte es die ersten Unternehmen geben, die die Lasten nicht mehr tragen können. Dann muss der Sicherungsverein einspringen, die Beiträge würden vermutlich weiter zu Lasten aller steigen.

          Springt die Wirtschaft an, steigen auch die Zinsen wieder

          Die Betriebsrente als kluger Vorsorgeweg gerät zunehmend in Misskredit. Die Pläne der Bundesregierung, sie auszubauen, werden so kaum durchsetzbar sein. Und die Unternehmen können immer weniger mit einer attraktiven Betriebsrente locken. Es sei denn, sie stocken sie freiwillig auf. Doch das hat entsprechende finanzielle Folgen für die Unternehmen.

          Am meisten leiden aber die Betriebsrentner selbst. Die, die vor Jahren noch feste Leistungszusagen bekommen haben, müssen hoffen, dass die Unternehmen oder zur Not der Sicherungsverein das auch tatsächlich stemmen können. Sicher ist das nicht. Aber selbst wenn: Auf jeden Fall werden die niedrigen Zinsen dazu führen, dass die Firmen immer weniger solcher festen Rentenzusagen geben. So trägt der Arbeitnehmer zunehmend das Zinsrisiko. Damit leidet er nicht nur beim Blick auf das Sparbuch, sondern auch, wenn er von seinem Arbeitgeber die Benachrichtigungen über den Stand seiner Betriebsrente bekommt.

          In diesem Umfeld reagieren die Beteiligten stereotyp: Arbeitgeber und Gewerkschaften fordern Steuerhilfen vom Staat als Ausgleich. Das hat natürlich gerade einen besonderen Charme, weil der Bundeshaushalt derzeit von den niedrigen Zinsen enorm profitiert. Aber es ist ein Herumdoktern an den Symptomen. Der Kern des Problems sind die niedrigen Zinsen. Und die rühren aus der Wirtschaftsschwäche Europas. Die zu beenden, darauf sollte sich die Politik konzentrieren. Durch Reformen und nicht durch Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank. Wenn die Wirtschaft wieder anspringt, steigen auch wieder die Zinsen. Dann kann die Betriebsrente wieder zu der attraktiven Vorsorgesäule werden, die sie einmal war.

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