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Kommentar : Avantgarde an die Macht?

  • -Aktualisiert am

Mitt Romney wurde als „Heuschrecke“ reich - nun will er Präsident werden Bild: REUTERS

Mitt Romney war eine Heuschrecke. Jetzt will er Präsident von Amerika werden. Geht das in Ordnung?

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          Nehmen wir an, Josef Ackermann hätte einen deutschen Pass und würde sich, nach Auslauf seines Jobs als Vorstandschef der Deutschen Bank, für die Kanzlerkandidatur bei der CDU bewerben. „Undenkbar“ wäre noch das Zahmste, was ihm nicht nur vom Arbeitnehmerflügel entgegenschallen würde. Spätestens die ersten Umfragen hätten deutlich gemacht, dass die Konservativen in kürzester Zeit das heutige Niveau der FDP unterschreiten würden. Und dann müsste es doch wieder Angela Merkel richten.

          Mitt Romney, jener gutaussehende Mann mittleren Alters, der derzeit die besten Chancen hat, Herausforderer von Barak Obama zu werden, ist, an deutschen Maßstäben gemessen, schlimmer als Ackermann: Er ist eine „Heuschrecke“. In den achtziger Jahren hat Romney das Privat-Equity-Unternehmen „Bain Capital“ gegründet, das sich, durchaus branchenüblich, darauf spezialisierte, mehr oder minder marode Firmen mit Kredit zu übernehmen, zu restrukturieren und dann weiterzuverkaufen oder an die Börse zu bringen: Für Bain und seine Anleger war das häufig eine profitable Angelegenheit.

          Wer Leute entlässt, kann nicht Präsident werden

          Für Romney selbst auch: Sein Vermögen bezifferte der Mann kürzlich mit einer Spanne zwischen 85 und 270 Millionen Dollar. Destruktivität, ein „kreativer Zerstörer“ zu sein im Sinne des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter, ist für Romney nach eigenem Bekunden kein Schimpfwort, sondern ein Ehrentitel.

          „Gier ist gut“, heißt bekanntlich der letzte Satz der Rede Gordon Gekkos im legendären Film „Wall Street“ von 1987. Wer eine Karriere wie Mitt Romney hinlegt, dem kann Gier als Triebfeder des Erfolgs nicht fremd sein, auch wenn er sich im Wahlkampf hüten wird, das Wort zu benutzen.

          Man muss das schon für Amerikaner, aber erst recht für Kontinentaleuropäer Provozierende in der Biographie des republikanischen Angreifers herausstreichen, um die politisch und ethisch entscheidende Frage zu stellen: Ist es wünschenswert oder gut, dass so ein Mann womöglich an der Spitze eines demokratischen Gemeinwesens steht, des nach wie vor mächtigsten Landes der Welt?

          Keinesfalls, tönt es aus einer großen Gruppe seiner Gegner, die sich längst nicht nur auf die Demokratische Partei eingrenzen lassen. Paul Krugman, Ökonomienobelpreisträger des Jahres 2008, ist einer ihrer Wortführer. Krugmans stärkstes Argument: Wirtschaftsleute, mögen sie die besten Sanierer sein, haben nicht den geringsten Schimmer davon, was es heißt, ein Land wieder auf die Beine zu bringen. Wer ein Unternehmen zu führen versteht, ist nicht prädestiniert, eine Volkswirtschaft gut zu steuern.

          Krugman schwächstes, wenngleich populärstes Argument: Private Equity vernichtet Arbeitsplätze, und wer Leute entlässt (Romney ist sogar stolz darauf), handelt unmoralisch und kann deshalb nicht Präsident werden. Aus diesem vermeintlichen Versagen lässt sich für die Pro-Argumentation sogar seine ökonomische und moralische Stärke begründen, kann es doch nötig sein, Leute zu entlassen, um ein Unternehmen und seine Arbeitsplätze zu retten.

          Die Erfindung von Private Equity bedeutete für Amerika in den achtziger Jahren eine Innovation, (fast) vergleichbar mit den gleichzeitigen Neuerungen im Internet. Private Equity hat aus Managern Eigentümer gemacht und sie an ihre Verantwortung für Shareholder und Belegschaft erinnert. Niemand zählt die Arbeitsplätze, die verschwunden wären, hätte es Private Equity nicht gegeben.

          Wenn sich also das moralische Problem am Ende neutralisiert, dann bleibt die ungleich schwierigere Frage, ob man einem Schumpeterschen Avantgardisten politische Macht geben soll. Sie gleicht der Frage, ob ein Künstler ein Land regieren kann.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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