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Kommentar : Aufgabe der Heimatländer

Erschwerte Integration: Ein Roma wärmt sich in Berlin an einem offenen Feuer. Bild: Reuters

Auf dem Balkan werden Roma diskriminiert. Deswegen kehren sie ihrer Heimat massenhaft den Rücken. Dagegen muss etwas getan werden - aber nicht durch mehr Freizügigkeit in Deutschland.

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          Unter den Flüchtlingen aus dem Westbalkan sind besonders viele Roma. Das weiß man, weil sie diese Zugehörigkeit als einen Asylgrund angeben. In ihren Herkunftsländern werden sie weder offen politisch verfolgt, noch müssen sie um ihr Leben fürchten. Deshalb haben sie nach deutschem Recht keinen Asylanspruch. Unbestritten ist aber auch, dass ihnen in der Heimat Diskriminierung, Ausgrenzung und Feindseligkeit entgegenschlagen. Ihr Lebensstandard liegt unter dem ihrer Landsleute, viele Wege in die Ausbildung und Arbeitswelt sind verbaut, die Perspektiven für ihre Kinder sehen düster aus.

          Doch das zu ändern ist Aufgabe der Heimatländer, etwa Serbiens, unter dessen Flüchtlingen 90 Prozent Roma sind. Dort müssen die Bedingungen dafür geschaffen werden, dass die Roma eine lebenswerte Zukunft haben. Deutschland, das hier eine besondere historische Verantwortung hat, und die EU sollten dabei nach Kräften helfen. Nicht zuletzt können sie auf Serbien, Mazedonien oder Montenegro in den EU-Beitrittsverhandlungen Druck ausüben, damit sich die Regierungen mehr um die Minderheiten kümmern. In Bulgarien und Rumänien wurde das versäumt. Dort sind die Roma nach wie vor marginalisiert. Das ist ein Grund dafür, dass seit Beginn der vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit 2014 der Auswanderungsstrom in die anderen EU-Länder anschwillt, vor allem nach Deutschland. Niemand weiß, wie viele der Ankömmlinge wirklich Roma sind. Aber in einzelnen Gemeinden, zum Beispiel in Berlin-Neukölln, wird angenommen, dass sie die Mehrheit der Bulgaren und Rumänen stellen. In Berlin wird auch klar gesagt, dass die Integration der Roma äußerst schwer fällt.

          Das bestätigt ein Blick auf gesamtdeutsche Statistiken. Wiederum kann man die Bulgaren und Rumänen dort nicht mit den Roma gleichsetzen. Aber unter diesen Herkunftsländern ist ihr Anteil vergleichsweise hoch. Es fällt auf, dass in der Gegenüberstellung mit anderen osteuropäischen EU-Mitgliedern die Menge der geringfügig Beschäftigten besonders hoch ist. Gleiches gilt für den Anteil der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger unter Bulgaren und Rumänen.

          Zu Recht warnt der Zentralrat deutscher Sinti und Roma vor Pauschalisierungen. Aber die Diskussion muss gestattet sein, ob die deutschen Arbeitsmärkte von der weiteren Öffnung für Flüchtlinge aus dem Westbalkan wirklich profitieren könnten.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

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