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Pharmakonzern Novartis : Arzneimittel aus der Lostrommel

Bild: Reuters

Novartis verlost ein teures Medikament gegen eine heimtückische Krankheit. Die Empörung dagegen ist groß. Der Pharmakonzern wird als Schurke geschmäht, dabei hat er viel richtig gemacht.

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          Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Dieser eingängige Satz von Erich Kästner ist wahr, aber er ist nicht die ganze Wahrheit. Es kommt auch darauf an, wie und warum man das Gute tut.

          Das muss gerade der Pharmakonzern Novartis erfahren. Das Unternehmen hat angekündigt, ein teures Medikament voraussichtlich hundertmal gratis abzugeben, um Kindern in aller Welt im Kampf gegen eine heimtückische Krankheit zu helfen. Die Eltern und Ärzte der Kinder können sich nun darum bewerben. Dann entscheidet das Los. Für alle Patienten, heißt es, reichten zurzeit die Produktionskapazitäten nicht aus.

          Die Empörung gegen das Vorgehen ist groß. Novartis wird nicht als Wohltäter gepriesen, sondern als Schurke geschmäht. Dabei hat der Konzern viel richtig gemacht. Erstens ist seinen Forschern eine Sensation gelungen. Sie haben ein Medikament für Kinder entwickelt, die wegen eines Gendefekts von Geburt an unter Muskelschwund leiden. In den schlimmsten Fällen lernen die Kinder nie zu sitzen und zu gehen; die Krankheit führt innerhalb weniger Jahre zum Tod, wenn sie nicht behandelt wird. Das trifft in Deutschland etwa 50 Neugeborene im Jahr.

          Der neue Therapieansatz, der seit vergangenem Mai in Amerika offiziell zugelassen ist, wäre vor wenigen Jahren noch als Science-Fiction abgetan worden. Die Forscher haben herausgefunden, wie sich das Stückchen Erbgut, um das es geht, künstlich herstellen und in den Körper der Patienten einschleusen lässt. Je kleiner die Kinder, desto besser funktioniert das; nach dem zweiten Geburtstag wird das Mittel nicht mehr eingesetzt. Nach allem, was bisher bekannt ist, genügt eine einzige Spritze, um den Muskelschwund aufzuhalten. Ein Segen für die Betroffenen.

          Zwei Millionen Dollar je Einzeldosis

          Zweitens hat Novartis die Preisverhandlungen in Amerika geschickt geführt. Rund zwei Millionen Dollar je Einzeldosis kostet das Medikament dort, es ist das teuerste Medikament der Welt. Pharmakritiker halten das für obszön. Aber wie sonst soll es sich lohnen, solche Therapien für so wenige Patienten zu entwickeln? Erst recht, wenn das Medikament nur ein einziges Mal verabreicht werden muss. Auf lange Sicht ist das vermutlich günstiger als das einzige in seiner Wirkung vergleichbare Konkurrenzprodukt, das ein ganzes Leben lang immer wieder verabreicht werden muss.

          Ein Problem entsteht dort, wo die Behörden das Medikament noch nicht zugelassen haben, zum Beispiel in Europa. Hier müssen die Krankenkassen es nicht bezahlen, und die Eltern sind damit überfordert. Deshalb hat sich Novartis die Verlosung ausgedacht. Ökonomen können diesem Verfahren zur Verteilung knapper Güter viel abgewinnen. Eine Alternative dazu wäre, die Patienten nach Bedürftigkeit zu sortieren. Aber wer legt da die Kriterien fest? Wer überprüft jeden Fall bis ins Detail? Wie geht das unter Zeitdruck, bis zum zweiten Geburtstag der Kinder? Und wer garantiert, dass einzelne Bewerber nicht doch aus sachfremden Gründen bevorzugt werden?

          Trotzdem ist die Verlosung in diesem Fall eine schlechte Idee. Das Leben an und für sich ist Lotterie genug: Wo wir geboren werden, ob unsere Eltern reich sind oder arm, ob unser Erbgut Fehler hat, das liegt nicht in unserer Hand. Manche sind bevorzugt, andere benachteiligt. Die Menschheit hat es sich zu einer ihrer edelsten Aufgaben gemacht, die Folgen dieser Lotterie für die Benachteiligten zu dämpfen. Medizinischer Fortschritt ist eines der wichtigsten Mittel dabei. Ihn ausgerechnet in einer Lotterie zu verteilen höhlt diesen Grundgedanken aus.

          Es gibt eine Ausnahme von dieser Regel. Wenn es um Leben und Tod ginge, dann wäre es unverantwortlich, auch nur einem einzigen Kind die Behandlung zu verwehren, nur weil die Vorräte nicht für alle anderen Patienten reichen. Ein gradueller Unterschied in der Behandlungsqualität zu einem erprobten Präparat, das ausreichend verfügbar ist, rechtfertigt das Losverfahren hingegen nicht. In ein paar Monaten wird das neue Mittel voraussichtlich auch in Europa zugelassen, dann sollen auch die Produktionsanlagen ausgebaut sein. Es wäre besser gewesen, darauf zu warten.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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