https://www.faz.net/-gqe-72ya5
Carsten Knop

Kommentar : Apple und das gute Gefühl

  • -Aktualisiert am

Vor dem New Yorker Apple Store campieren Kunden und warten auf den Verkaufsstart des neuen iPhone. Bild: AFP

Der Mythos Apple lebt. Millionen Menschen werden noch am ersten Wochenende das neue iPhone kaufen. Das liegt vor allem daran, dass Apple ganz gewöhnlichen Menschen die Möglichkeit gibt, sich mit der Aura der Kreativen zu umgeben - obwohl die Produkte längst von sehr vielen genutzt werden.

          3 Min.

          Am 5. Oktober jährt sich der Todestag von Steve Jobs. Der Mythos Apple hat seinen Tod überdauert. Das Unternehmen fasziniert die Menschen noch immer. Millionen gieren nach dem jeweils neuesten Produkt. Die jüngste Evolution auf dem Mobilfunkmarkt, das iPhone 5, wollten innerhalb der ersten 24 Stunden, in denen das Gerät vorbestellt werden konnte, zwei Millionen Menschen haben. Am Freitag kommt das Gerät in den Handel; vor den Apple-Geschäften campieren schon jetzt die ersten Fans. Insgesamt werden am ersten Wochenende wohl 6 Millionen Geräte verkauft werden. Und es sind nur deshalb keine 8 Millionen, weil Apple so viele Telefone vermutlich dann doch nicht vorproduziert haben wird.

          Eine Aura der Kreativen und Individualisten

          So mag Steve Jobs tot sein, aber sein Unternehmen lebt. Ein Ausdruck dessen ist der Aktienkurs: Er steigt und steigt, in Amerika haben die Papiere von Apple die Kursmarke von 700 Dollar durchbrochen. Wertvoller war die wertvollste Gesellschaft der Welt nie.

          Der Frage, was den Mythos Apple ausmacht, sind seit dem Tod von Jobs viele Menschen nachgegangen. Die einen sagen, es liege an den Produkten, die für Bedürfnisse entwickelt worden seien, von denen die Käufer von iPod, iPhone und iPad zunächst gar nicht gewusst hätten, dass sie diese Bedürfnisse haben würden. Andere bezeichnen Apple als „sexy Mädchen“, als energetisch und cool, als Objekt der Begierde, das die Blicke auf sich zieht. Die Wahrheit ist wohl, dass Apple ganz gewöhnlichen Menschen die Möglichkeit gibt, sich mit der Aura der Kreativen zu umgeben, von Individualisten, die es sich leisten können, eines der im Konkurrenzvergleich überteuerten Produkte der Marke zu kaufen.

          Konkurrenz verdient weniger oder bleibt erfolglos

          Bisher haben es die Apple-Manager geschafft, diesen Nimbus zu erhalten, obwohl ihre Produkte längst von beinahe jedermann genutzt zu werden scheinen - also auch von vielen, die sie sich eigentlich nicht leisten können. Dem Glanz hat das keinen Abbruch getan. Neu ist höchstens, dass selbst Kinder auf dem Schulhof schräg angeschaut werden, wenn sie kein neueres iPhone-Modell vorzeigen können. Bei anderen Unternehmen würde man vermuten, dass das nicht mehr lange gutgeht, dass die Marke ihren Zenit bald überschritten haben wird. Denn längst ist schwergewichtige Konkurrenz auf den Plan getreten, verkaufen andere mehr Telefone, die fast genauso aussehen wie das iPhone. Doch entweder sie verdienen mit jedem einzelnen Telefon viel weniger Geld als Apple, so wie zum Beispiel Samsung, oder sie bleiben von vornherein erfolglos, so wie bisher Nokia.

          Zum Mythos Apple gehört ein weiteres Phänomen. Diejenigen, die das Unternehmen aus beruflichen Gründen begleiten, zum Beispiel als Analyst einer Bank oder auch als Journalist, fragen sich bei jedem neuen Produkt, ob der Konzern aus Kalifornien dieses Mal nicht vielleicht doch eine Enttäuschung aus dem Hut gezaubert hat. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen will niemand als derjenige dastehen, der als Letzter erkannt hat, dass sich bei Apple die Zeiten zum Schlechten wenden. Zum anderen will man, trotz aller - wegen des großen Leserinteresses zwingend notwendigen - Apple-Berichterstattung natürlich als neutraler Beobachter wahrgenommen werden.

          Das iPhone wurde zur Mobilfunkrevolution

          So kommt es, dass das erste iPhone dafür kritisiert wurde, dass es nicht in damals schnellsten Mobilfunkstandards funken konnte, dass man zunächst nicht wusste, was die Menschen mit dem iPad überhaupt anfangen sollten, und dass es bei der Vorstellung neuer iPhone-Generationen zumeist heißt, die Konkurrenz habe das eigentlich alles schon. Die Kunden indes scheren sich darum wenig. Das iPhone wurde zu einer Mobilfunkrevolution, das iPad wiederholte dieses Phänomen auf dem Markt für Tabletcomputer. Nur die Apple-Käufer erwarten gar nicht, dass es diese Revolutionen nun jedes Jahr gibt.

          Obwohl man es kaum glauben mag, gibt es trotz allen Erfolgs schließlich immer noch genug Menschen, die noch nie ein iPhone besaßen. Und es gibt auch genug Kunden, die gerne jedes Jahr ein neues Modell kaufen, weil sie eben immer das neueste haben wollen. Solche Phänomene hat es irgendwann auch einmal in der Autoindustrie gegeben. Das ist lange her; und doch kann man sich dem Mythos Apple auch mit einem Vergleich aus dieser Branche nähern.

          Technisch vorn, aber nicht immer führend

          Denn Apple hat es geschafft, dass seine Produkte wie eine Mischung aus VW Golf und BMW 3er-Reihe wahrgenommen werden. Das sind Autos, die in den Augen vieler aus der Masse, dessen Teil sie gleichwohl sind, herausstechen. Es sind Fahrzeuge, die technisch vorn, wenn auch nicht zu jeder Zeit führend sind. Und es sind Autos, mit denen man daheim vorfahren kann, ohne sich beim Nachbarn rechtfertigen zu müssen. Im Gegenteil kann man ein anerkennendes Nicken erwarten. Dafür zahlt man gerne etwas mehr als bei der Konkurrenz. Zurück bekommt man die Sicherheit, nicht das Falsche gekauft zu haben. Das ist in Zeiten voller Ungewissheiten ein Wert an sich.

          Apple gibt den Menschen in der schnelllebigen Welt der Elektronik dieses Gefühl der Sicherheit. Die Kunden fühlen sich gut. Das nächste iPhone kann kommen.

          Carsten Knop
          Herausgeber.

          Weitere Themen

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Topmeldungen

          Traum oder Alptraum: das Eigenheim

          Die fünf größten Fehler : Wenn der Hausbau zum Fiasko wird

          Auf dem Weg in die eigenen vier Wände lauern zahlreiche Gefahren. Welche die fünf häufigsten Fehler sind, die beim Hausbau passieren – und wie sie sich vermeiden lassen.
          Schnitt des Unheils: Ein Gärtner am 11. August 2017 im Rosengarten vor dem Weißen Haus.

          Rosengarten vor Oval Office : Gebrochenes Versprechen

          Wenn Gartengestaltung zum Politikum wird: Eine Petition in den Vereinigten Staaten fordert, die Umgestaltung des Rosengartens vor dem Oval Office durch Melania Trump rückgängig zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.