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Kommentar : Anwälte im Ethikfieber

Einigen Advokaten fürchten um die Verfassung ihres ganzen Berufsstandes Bild: dpa

Umfragen bestätigen: Es gibt kaum jemanden, der nicht schon einmal schlechte Erfahrungen mit Juristen gemacht hat. Diese nehmen sich die Kritik durchaus zu Herzen. Unter dem Deckmantel von „Ethikrichtlinien“ droht nun jedoch eine Verschärfung der Berufsregeln.

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          Die Anwaltschaft sorgt sich um ihr Image. Grund dafür liefern Studien über das geringe Ansehen des Berufsstandes im Vergleich zu Ärzten, Hochschullehrern oder Pfarrern. Auch eine stichprobenartige Umfrage im näheren Umfeld erhärtet den Befund: Kaum jemand, der nicht schon einmal schlechte Erfahrungen mit Juristen gemacht hat – oder mit Horrorgeschichten aus dem Familienkreis aufwarten kann. Astronomische Rechnungen, verschwurbelte juristische Ausführungen, erniedrigendes Abwimmeln durch die genervte Sekretärin – kaum eine Missachtung der einfachsten Servicegrundsätze fehlt in der Aufzählung.

          Die Juristen nehmen sich die Kritik durchaus zu Herzen. Zum schwammigen Begriff der „Anwaltsethik“ hat die Bundesrechtsanwaltskammer daher jüngst eigens eine europäische Tagung organisiert. Und auch der Deutsche Anwaltverein lädt auf seinem 62. Deutschen Anwaltstag in Straßburg an diesem Freitag zur Diskussion über „Anwaltliche Berufsethik – Diskursethik oder Ethikkodex“.

          Sich mit dem eigenen Berufsbild auseinanderzusetzen und den hehrem Anspruch mit der bitteren Wirklichkeit zu konfrontieren, ist notwendig. Bis hin zum Bundesgerichtshof müssen sich Richter immer wieder mit anwaltlichem Fehlverhalten beschäftigen, selbst der Vizepräsident einer regionalen Anwaltkammer sah sich mit unangenehmen Vorwürfen konfrontiert. Jüngst stutzte das Oberlandesgericht Frankfurt eine Anwaltsrechnung zusammen, in der seine Kanzlei Reisekosten in Rechnung gestellt hatte, die erkennbar nicht durch das Mandat entstanden waren. Auch die Arbeit von Rechtsreferendaren sollte üppig entlohnt werden – obwohl die Vergütungsvereinbarung diese gar nicht umfasste.

          Die Bedürfnisse der Mandanten scheinen kaum eine Rolle zu spielen

          Die Liste anderer anwaltlicher Regelverstöße ist lang: Richter rügen Fristversäumnisse, fehlgeleitete Faxe, mangelhafte Büroorganisation oder schlicht Missmanagement. Regelmäßig entziehen die Kammern Anwälten die Zulassung mit der harschen Begründung „Vermögensverfall“. Vielfach bleibt schlechte Beratung aber ungerügt. Der Mandant wendet sich frustriert ab und schwört sich: „nie wieder.“

          Es ehrt die Anwälte, dass sie solche Fälle aus eigenem Antrieb seit geraumer Zeit offen diskutieren. Doch besteht die Gefahr, dass es manchem engagierten Standesvertreter letztlich um etwas anderes geht: Unter dem Deckmantel von „Ethikrichtlinien“ betreibt mancher die Wiedereinführung strenger Berufsregeln, die auch den Zweck haben, Wettbewerb zu beschränken. Mittlerweile ist es fast ein Vierteljahrhundert her, seit das Bundesverfassungsgericht für eine Revolution im anwaltlichen Berufsrecht sorgte, indem es die angestaubten Standesregeln kippte. Inzwischen sind noch viele andere Vorschriften gefallen, die aus heutiger Sicht fast undenkbar scheinen. Doch nicht alle sind froh über die Liberalisierung: Der Wunsch nach strengen Restriktionen in der Werbung oder der anwaltlichen Vergütung hält sich wacker. Einigen Advokaten sind die „Dumping-Preise“ ihrer Kollegen so sehr ein Dorn im Auge, dass sie um die Verfassung ihres ganzen Berufsstandes fürchten.

          Die gerühmte Diskretion der Anwälte wirkt auf Nicht-Juristen eher abschreckend

          Die Bedürfnisse der Mandanten scheinen dabei kaum eine Rolle zu spielen. Diese wissen nämlich sehr genau, mit welchen Rechtsstreitigkeiten sie zum „Discount-Anwalt“ um die Ecke gehen können, und welche Fällen sie besser einem ausgewiesenen Fachmann anvertrauen. Statt unerfahrene Kunden abzuschrecken, können Billigangebote auch das Gegenteil bewirken: Sie senken die Einstiegshürde für die anwaltliche Beratung deutlich ab. Wenn sich ein Rechtsstreit zu lohnen scheint, kann in Zweifelsfragen auch noch eine zweite Meinung eingeholt werden. Auch hier bereinigt der Markt Fehlverhalten schnell: Die Kanzleikette Juraxx, von Beginn an das Schmuddelkind der deutschen Anwaltsbranche, musste schon nach einigen Jahren Insolvenz anmelden. Allerdings nicht, weil die Kunden ausblieben, sondern weil das schnelle Wachstum für den Gründer nicht mehr zu kontrollieren war. Viele der Ladenlokale machen inzwischen unter einem anderen Namen weiter.

          Mandanten setzen oft lieber auf „weiche Kriterien“ wie Transparenz, schnelle Bearbeitung und Erreichbarkeit als auf Messingschilder und dunkle Holzvertäfelung. Auch die gerühmte Diskretion der Anwälte wirkt auf Nicht-Juristen eher abschreckend: Sie wollen klare Aussagen, Referenzen und Erfahrungsberichte, um sich schon im Vorfeld ein eigenes Bild zu machen.

          Inhaltlich sind derartige Ethikrichtlinien deshalb fragwürdig. Auch fragt sich, welches Gremium solche verpflichtenden Regelungen für die mehr als 155.000 Anwälte aufstellen – und durchsetzen – soll. Denn darüber, welches Verhalten eine Grenzverletzung ist, dürfte es erhebliche Meinungsverschiedenheiten geben. Jede Ethikdiskussion, die sich an den Bedürfnissen der Mandanten orientiert und sie als Kunden ernst nimmt, ist willkommen. Auf die Debatte über kodifizierte „Ethikrichtlinien“, die das Korsett der Anwälte nur wieder enger zurren und auch der Abschottung dienen, sollten die Juristen jedoch keine Zeit verschwenden.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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