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Kommentar : 10.000 Punkte, na und?

  • -Aktualisiert am

Der Dax steigt auf mehr als 10.000 Punkte und keiner macht mit. Dabei muss man kein Millionär sein, um Aktien zu kaufen. Sie sind ideal für die Altersvorsorge.

          Das große Feuerwerk ist ausgeblieben. Keine Bilder von spontanen Partys auf der Straße. Niemand, der „An Tagen wie diesen“ anstimmt. Nicht einmal von gediegenen Feiern im privaten Rahmen wurde etwas bekannt. Der Dax steigt auf mehr als 10.000 Punkte und keiner macht mit. 7 Prozent der Deutschen im Alter ab 14 Jahren halten nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts direkt Aktien, 93 Prozent nicht. Sie jammern lieber über die niedrigen Zinsen. Die Mehrheit der Dax-Aktien liegen in ausländischer Hand.

          Elisabeth Noelle-Neumann, Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach, hat die Theorie der Schweigespirale entwickelt. Demnach traut sich eine Minderheit immer weniger laut ihre Position zu vertreten, bis die öffentliche Meinung komplett von der Mehrheitsmeinung dominiert wird. Deshalb wird ein Daxhoch auch nicht öffentlich gefeiert, denn man hat eben keine Aktien zu haben. Das steht für Reichtum, Oberklasse und dazu noch Gier. Das steht auch für skrupellose Hedgefonds, Zocker und soziale Kälte. Für eiskalte Kapitalisten, für Rationalisierungen und Entlassungen. Letztlich zahlt der kleine Mann die Zeche dafür, dass ein elitärer Kreis aus Reichen noch reicher wird und sich mit Dividenden die Taschen voll macht.

          Die Einstiegshürde für Aktien liegt durch diese Vorurteile hoch. Zumal die vergangenen Jahre nicht besonders hilfreich waren. Millionen Deutsche haben mit der „T-Aktie“ ihre ersten Gehversuche am Kapitalmarkt gemacht. In der dritten Tranche wurden die Aktien zu rund 66 Euro an Millionen Privatanleger verkauft. Aktuell kostet eine Aktie der Deutschen Telekom 12,50 Euro. Dazu kamen viele Betrüger rund um die Exzesse am Neuen Markt. Später folgte eine Finanzkrise, die das Ansehen der Finanzbranche auf absehbare Zeit ruiniert und den Aktienkursen einen weiteren Genickschlag versetzt hat.

          Aktien von vorneherein als Teufelszeug auszuschließen, wäre töricht

          Gleichwohl sollte sich niemand von dem schlechten Image der Aktie oder dem Sonderfall Telekom abhalten lassen, sein Geld vernünftig anzulegen. Dabei ist nicht jeder blöd, der keine Aktien kauft. Es gibt gute Gründe, keine Aktien zu haben. Wer sein Geld braucht, um ein Eigenheim zu finanzieren, seine Familie zu ernähren oder in seinen letzten Lebensjahren nichts mehr riskieren will, der handelt richtig.

          Wer aber für das Alter vorsorgen will oder Geld zur langfristigen Anlage übrig hat, für den ist die Aktie eine ideale Anlageform – zumindest für einen Teil seiner Ersparnisse. Sie von vorneherein als Teufelszeug auszuschließen, wäre töricht. Ja, ein Aktienkurs kann fallen. Und nein, eine eingebaute Garantie für Kursgewinne gibt es nicht. Aber mit einer Durchschnittsrendite von 8 Prozent im Jahr sind Aktien die rentabelste Anlageform. Sie ist zudem transparent und günstig. Banken und Berater verdienen daran fast nichts. Mit dem Kauf einer Aktie wird der Anleger Miteigentümer eines Unternehmens. Er kann dessen Geschicke mitbestimmen, auf der Hauptversammlung das Wort ergreifen und er partizipiert am Wohl und Wehe des Unternehmens. Deswegen muss ein wenig Zeit auf die Auswahl der Unternehmen verwendet werden, von denen ein Anleger Aktien erwirbt. Wer dazu keine Lust und Zeit hat, der findet in Indexfonds (Exchange Traded Fund, ETF) eine günstige und einfache Möglichkeit, sich an der Entwicklung von Aktienindizes zu beteiligen. Dazu muss man kein Millionär sein.

          Ein paar altbekannte Dinge sollten gleichwohl beherzigt werden. Zum Beispiel nicht nur eine Aktie kaufen – wie im Fall der Telekom oft geschehen –, sondern das Risiko streuen. Auch nicht alles Hab und Gut den Risiken des Aktienmarktes aussetzen. Traditionsreiche Privatbanken wie das Bankhaus Metzler haben viele tiefe Krisen durch eine Mischung aus Anleihen und Aktien überstanden.

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          Wo der Dax in einem Jahr steht, kann niemand sicher wissen. Wer aber das Zutrauen hat, dass die deutschen Großunternehmen vernünftig wirtschaften, kann grundsätzlich von steigenden Kursen ausgehen. Aktuell steht der Dax trotz seiner 10.000 Punkte nicht überbewertet da. Ohne Dividenden verbleiben gut 5000 Punkte im Dax-Kursindex und damit weniger als zu den Hochs im Jahr 2000 (gut 6000 Punkte) und vor der Finanzkrise im Jahr 2007 (5300 Punkte). Die in Daxpunkte umgerechneten Unternehmensgewinne betrugen im Jahr 2000 indes nur knapp 300 Punkte, 2007 waren es 600 Punkte und für dieses Jahr werden mehr als 700 Punkte erwartet. Die Kurse sind also besser durch unternehmerische Erfolge unterfüttert. Zudem ist die Aktie gegenüber anderen Anlageformen relativ attraktiv. Die Geldpolitik hat das Zinsniveau auf Rekordtiefs gedrückt. Die Anleiherenditen vieler Dax-Unternehmen betragen mittlerweile im Durchschnitt der Laufzeiten weniger als 1 Prozent und liegen damit deutlich unter den durchschnittlichen Renditen allein aus der Aktiendividende von etwa 3 Prozent. Eine Garantie für weitere Rekordhochs ist das nicht, die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Kurseinbruchs lässt sich daraus aber auch nicht ablesen.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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