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Kohle in Schwellenländern : Nach uns die Sintflut

Klimaaktivisten in Brisbane Bild: EPA

Asien kann von der Kohle nicht lassen. Der Westen wird nicht umhinkommen, die Asiaten umzustimmen. Das wird teuer und schmerzhaft, für beide Seiten.

          3 Min.

          Menschen legen sich auf Bahngleise, ketten sich an Züge. Was Deutschland im Hambacher Forst durchlebte, spielt sich nun am anderen Ende der Welt ab: An der Ostküste Australiens kämpfen Kohlegegner und Klimaschützer gegen das Öffnen einer der größten Kohleminen der Erde. Dass die schwarze Exportware über das vom Klimawandel stark bedrohte Weltnaturerbe Barrier Reef nach Indien verschifft wird, lässt die Wut der Demonstranten noch wachsen.

          Sie kämpfen ohne Aussicht auf Erfolg. Australiens Regierungen werden keinen Deut nachgeben. Und auch der Betreiber der Mine, der indische Adani-Konzern, wird nicht einknicken. In seinem Kielwasser werden australische Bodenschatzkonzerne weitere Vorkommen in dem riesigen Kohlegebiet öffnen. Sie tun dies, weil Kohle begehrt ist.

          Das wird sie auf lange Zeit bleiben, denn 40 Prozent der Energieversorgung Asiens stammt aus dem „schwarzen Gold“. Die Schwellenländer dort stehen für 75 Prozent des Anstiegs des Kohleverbrauchs bis 2050. Der Weg aus der Armut – die in der Corona-Krise wieder wächst – führt zu steigendem Strombedarf. Wer im pakistanischen Moloch Karachi lebt und dank der von Chinesen gebauten Kohlekraftwerke in der Wüste Thar erstmals Strom aus der Steckdose hat, wird nicht für das Abschalten plädieren. Im Gegenteil: Er wird die Regierung, die ihm die Energie bescherte, wiederwählen. „Kohle“ heißt deshalb das Rezept aller Regierungen. Beispiel Vietnam: Ministerpräsident Pham Minh Chinh versprach, sein Land werde „proaktiv“ den Ausstieg vorantreiben. Tage später erklärte seine Regierung im „Strom-Entwicklungsplan 8“, die Kohleverstromung bis 2030 zu verdoppeln. Und so grün Oberkommunist Xi Jinping seine Worte auch einfärbt: Chinas Anteil an neuen Kohlekraftwerken stieg im vergangenen Jahr auf 76 Prozent. 2019 lag er noch bei 64 Prozent.

          COP26 hat den großen Durchbruch nicht gebracht

          Weiterhin sichern Politiker dank Kohle ihren Einfluss und ihr Einkommen, wenn auch auf Kosten der Zukunft. Angesichts der Unwetter des Klimawandels bekommt die Losung „Nach uns die Sintflut“ damit eine ganz neue Bedeutung.

          Wie auch in den Industrieländern ist der Klimadruck trotz immer schneller getakteter Katastrophen noch zu abstrakt, um Massen zur Abkehr vom bisherigen Wachstumspfad zu bringen. Noch bewegen das Versalzen der Felder, das Sterben der Riffe oder das Husten der Kinder in der verpesteten Luft Neu-Delhis zu wenige Entscheider zum Kursschwenk. Mit Energie aus Kohle lassen sich in Asien mehr Stimmen fangen als mit vorausschauender Klimapolitik.

          Zwar beten alle in Asiens Führungsetagen das Mantra von Sonnenstrom, Windenergie und Wasserstoff herunter, schon um sich Anerkennung und Fördermittel des Westens zu sichern. Die sauberen Energien werden ausgebaut. Ersetzen aber werden sie Kohle auf Jahrzehnte nicht. Gleiches gilt für die Atomenergie. Neue Meiler, in Deutschland gebannt, könnten einen Engpass möglicherweise lösen. Ihre Sicherheitsrisiken im Betrieb unter unverlässlichen Regierungen und die ungelöste Entsorgung sprechen gegen sie.

          Hoffnung machen einzig die nackten Zahlen: Die amerikanische Regierung schätzt, dass der Preis einer Megawattstunde Strom aus Kohle 2025 mehr als 90 Dollar kosten werde, während der für Wind bei 63 Dollar und aus Sonnenkraft bei 48 Dollar liegen werde. Kohle kann sehr teuer werden, wenn die Logistik klemmt oder Minen – ironischerweise im Stark- regen des Klimawandels – volllaufen: Im vergangenen Sommer kostete die Tonne mit 269 Dollar mehr denn je.

          Dennoch ist der Preis der Kohleverstromung immer noch nicht hoch genug, um kurzfristig denkende Politiker umzustimmen. Die Klimakonferenz COP26 in Glasgow hat den großen Durchbruch nicht gebracht. Die neue, grün geprägte Regierung in Berlin will nun die Ökologie auch in der Außenwirtschaftspolitik stärken. Es wird sich zeigen, ob Freihandelsverträge mit Nachhaltigkeitszwängen für Asiaten akzeptabel sind, wenn Peking drohende Lücken immer gerne füllt.

          Da der Grenzgewinn weiterer Ersatzinvestitionen für Kohle in den Industriestaaten aber abnimmt, bleiben auf Dauer nur Druck, Transferzahlungen und Technologietransfer, um Schwellenländern beim Kursschwenk zu helfen. Dort wird man Forderungen als Neokolonialismus geißeln, hier über höhere Steuerlasten meckern. Doch lässt sich das Erdklima nicht allein im Westen retten. Liegen die warnenden Wissenschaftler beim Klimawandel so richtig wie bei Corona, sollte die Politik besser auf sie hören. Denn auch das Klima kennt keine Grenzen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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