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Kodak vor dem Abgrund : Filmriss in der Fotobranche

Große Erfinder: George Eastman (l.) und Thomas Edison (r.) auf einem Foto in den späten zwanziger Jahren Bild: dapd

Mit Kodak steht ein einst großes Unternehmen der Fotobranche im Abseits, Amerika verliert eine seiner bedeutenden Marken. Firmen aus Japan waren einfach schneller.

          Andreas Kaufmann hat die Kurve mit dem deutschen Kamerahersteller Leica gerade noch gekriegt; Antonio Perez von der amerikanischen Eastman Kodak hat sie verpasst. Der einstmalige Primus der Fotobranche scheint mit voller Kraft ins Insolvenzverfahren zu steuern. Denn während heute die japanischen Anbieter Canon und Nikon an der Spitze der Branche ihre Kreise ziehen, während Sony, Panasonic und Samsung sich zu neuen Großanbietern aufgeschwungen haben, während Fuji und Fujifilm neue Wege und Casio sowie Pentax starke Partner fanden, sind in der Fotoindustrie die Karten neu gemischt und die Marktanteile neu verteilt worden.

          Alle großen Marken auf einen Blick
          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kodak ist dabei auf der Strecke geblieben. Amerika verliert eine seiner großen Marken, die Branche den in die Tage gekommenen Schrittmacher. Filmriss. Gründe für den Niedergang sind die radikale Elektronisierung und Digitalisierung der gesamten, nach Angaben der Marktanalysten von IDC knapp 90 Milliarden Euro großen Industrie, die Kodak zwar erst angestoßen, dann aber verpasst hat. Ohne Chips geht heute in der Branche nichts mehr. An die Stelle von Filmen, Spulen und ausgetüftelten optischen Mechaniken traten digitale Speicher- und Steuerbausteine, große und kleine Bildschirme, Computer und USB-Sticks sind die Fotoalben von heute. Einfache Mobiltelefone machen mit ihren stecknadelkopfgroßen Linsen so gute Bilder wie einstmals eine ordentliche Mittelklassekamera.

          Vom Pionier zum Verlierer

          Kodak hatte während der siebziger Jahre die Forschung und Entwicklung der Digitalfotografie zwar vorangetrieben, als es aber Anfang der achtziger Jahre um deren Einführung auf den Massenmärkten ging, ließen die Amerikaner den Japanern den Vortritt. Ein Fehler. Die Japaner hatten zuvor schon der einst blühenden deutschen Fotobranche schwer zugesetzt und wenig von ihr übrig gelassen. Nun nahmen sie die Amerikaner ins Visier. Heute kann Kodak mit seinen Chips und Kameras, mit seinen Dienstleistungen und Sonderangeboten, mit seinen Preisen und technischen Novitäten den Asiaten kaum noch Paroli bieten. So droht der 1881 von Henry Strong gegründete Konzern, Unternehmen wie Agfa, Orwo oder Polaroid zu folgen - ehemals große Marken, die heute keine oder nur noch kleine Geschäfte mit der angestammten Fotografie machen.

          Leica-Chef Andreas Kaufmann

          Der aus Spanien stammende Kodak-Chef Antonio Perez hatte seit seinem Amtsantritt als Vorstandsvorsitzender 2005 mit aller Kraft die Drucker-Sparte vorantreiben wollen. Hier war er aber im eigenen Haus auf technische Schwierigkeiten und draußen auf dem freien Markt auf mächtige Wettbewerber wie Hewlett-Packard, Canon, Samsung, Kyocera oder Brother gestoßen. Heute macht Sony die besseren Kamerachips, Canon und Nikon die besseren Kameras, Zeiss die besseren Objektive, Samsung die preiswerteren Kleinbildgeräte. Klassische Filme entwickeln nur noch Profis mit einem Hang zur Nostalgie. Das hat nach Berechnung der Marktbeobachter der japanische Nikkei-Gruppe allein den früher mehr als 10 Milliarden Euro großen Filmmarkt seit Anfang 2000 im Jahresdurchschnitt um 25 Prozent sinken lassen.

          Zahlreiche Ausweichstrategien

          Anders als Perez von Kodak hat Shigetaka Komori, Vorstandschef von Fujifilm, den Konzern über Jahre hinweg fit für Neues gemacht. Er baute die ganz auf Chemie beruhende alte Fotosparte um und setzt heute auf Biotechnologie, Pharma sowie Kosmetik. Fotoapparate stellt Fujifilm auch noch her. Aber die Umsatzbringer sind andere. Der Kamerahersteller Olympus setzte neben dem klassischen Fotogeschäft seit seiner Gründung nach dem Ersten Weltkrieg auf Medizininstrumente, heute ist er weltgrößter Anbieter von Endoskopen. Pentax ging 2007 in der japanischen Hoya-Gruppe auf. Konica und Minolta fusionierten 2003, verkauften 2006 ihre Kameraherstellung an Sony und setzten nun ganz auf Bürotechnik. Sony baute mit der Konica-Technik 2007 eine erfolgreiche Digitalkameralinie auf und schwang sich nach Canon und vor Nikon zum zweitgrößten Anbieter in einer Branche auf, wo der Chip den Klick macht.

          Kodak-Chef Antonio Perez

          Den hat nun auch Andreas Kaufmann im Ohr. Der österreichische Milliardär brachte Leica wieder ins Spiel. Als er vor sieben Jahren die Mehrheit der deutschen Traditionsmarke übernommen hatte, steuerte die Gesellschaft geradewegs auf den Abgrund zu. Die Fotopioniere aus Solms hatten einen großen Namen, doch wie Kodak oder Polaroid kaum eine tragbare Strategie für das Digitalzeitalter. Als die Konkurrenten Nikon und Canon Mitte der achtziger Jahre zu digitalen Kameras übergingen, war Leica noch ganz in der analogen Technik verwurzelt; die Wettbewerber wuchsen, von der großen deutschen Fotoindustrie sollte nicht viel übrig bleiben. Zeiss machte nach wie vor erstklassige Objektive, Leica Spitzenkameras, doch das große Geschäft machten die Japaner.

          Leica geht neue Wege

          Kaufmann, der noch Ende der neunziger Jahre mit einer Canon-Kamera seine Fotos gemacht hatte, kaufte 2003 seine erste Leica, zwei Jahre später besaß er das ganze, finanziell angeschlagene Unternehmen. Sein Ziel: den technischen Anschluss an die Japaner gewinnen. Dafür beschritt er neue Wege und folgte den Spuren von Ryuzaburo Kaku, der Canon Mitte der achtziger Jahre auf Digitalfotografie eingeschworen und neue Horizonte eröffnet hatte. Die nahm 20 Jahre später auch Kaufmann in den Blick. Er setzte auf Digitalisierung und füllte so den alten Namen mit neuem Leben.

          Shigetaka Komori, der Chef von Fujifilm

          Das zahlte sich aus. Während der einstige Branchenprimus Kodak immer tiefer in den Schlamassel rutschte, seine liquiden Mittel und Marktanteile schwanden sah, arbeitete sich die kleine Leica AG wieder nach oben. Jetzt will Kaufmann mit Hilfe neuer kapitalkräftiger Anteilseigner expandieren und Leica am oberen Ende des Marktes in einer kleinen feinen Nische blühen lassen.

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