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Tourismus in der Krise : Sorgen und Hoffen im Hotel Alpenpark

Monika Angermann und ihre Familie vor dem Familienhotel Alpenpark in Kochel am See Bild: Rüdiger Köhn

Am Kochelsee in Bayern ist von Urlaubern keine Spur. Die Familie von Monika Angermann bangt um ihr Sommergeschäft – so wie zehntausende Hotelbetreiber in Deutschland.

          3 Min.

          Es ist still geworden im Altjoch. Wanderer, Spaziergänger, Biker, Kletterer oder Paraglider fehlen im kleinen Ortsteil von Kochel am Fuße von Jochberg und Herzogstand; dort, wo die Alpen beginnen. Auf dem Kochelsee findet sich kein Kajak- und kein Stehpaddler; von Urlaubern sowieso weit und breit keine Spur. Wo sonst der Ansturm aus nah und fern auf das Erholungsgebiet im bayerischen Oberland nicht mehr zu kontrollieren ist, herrscht nun die reinste Idylle.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Die trügt, zumindest für Monika Angermann. Ihr Hotel Alpenpark, in Wurfweite vom Kochelsee, ist verwaist. „Von Gründonnerstag bis diesen Sonntag wären wir komplett ausgebucht gewesen“, sagt sie. Am 4. April hat für sie die Saison begonnen, würde nahezu durchgehend bis Ende Oktober laufen. Nach Ostern wäre fließend der Übergang zu Gästen gekommen, die über den 1. Mai, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam Urlaub machen; daran schließe fast ohne Übergang die Feriensaison mit den ersten Gästen aus den norddeutschen Bundesländern an. Im Juli und August hat Angermann so gut wie alle Zimmer beziehungsweise Apartments vermietet.

          Buchungen für Juni, Juli und August stehen noch

          Die 55 Jahre alte Geschäftsfrau, die das Alpenpark 1999 eröffnet hat, schwankt zwischen Zuversicht, Gelassenheit, Sorge – und quälender Ungewissheit. Sie schildert eine Stimmung, die vielen Hotelbetreibern Angst macht. Das Alpenpark ist ein klassischer Familienbetrieb: Tochter Yvonne, 34 Jahre, und Christian Hinz, 46 Jahre, Lebensgefährte von Monika Angermann, helfen im „Nebenberuf“ mit. Mit den Ausgangssperren ist der gelernten Hotelfachfrau der wichtige Auftakt zu Ostern weggebrochen. Im Mai ist Besserung kaum zu erwarten, da Hotels in der Priorität der Lockerungen nicht gerade oben stehen.

          Doch Angermann hofft. Die vor langem eingegangenen Buchungen für Juni, Juli und August stehen; alles Reservierungen für mindestens eine Woche. Niemand der Gäste, größtenteils Stammkunden aus ganz Deutschland, habe storniert. „Sie wollen alle kommen“, sagt sie. „Ein Paar würde auch auf das Frühstücksbuffet verzichten, Hauptsache, sie könnten kommen“, hätten sie ihr geschrieben. Gerade hat sie sogar für Juli eine Buchungsanfrage erhalten. Der Optimismus ist groß, dass bis dahin Deutschland wieder geöffnet ist. „Wenn die Beschränkungen aufgehoben sind, werden wir überflutet“, lacht Christian Hinz, für den der Drang in die Natur nach wochenlangem Homeoffice groß sein wird.

          70.000 Betriebe gefährdet

          Monika Angermann zerbricht sich den Kopf, wie es nach der Öffnung weitergeht. Wie sieht es mit der nötigen Distanz zu den Gästen aus? Müssen sie alle Mundschutz tragen? Kann man das Frühstücksbuffet für Früh- und Spätaufsteher im Zwei-Schicht-Betrieb fahren? Sollten kleine Häuser schneller geöffnet werden als große, Unterschiede also, wie sie im Einzelhandel gemacht werden? Kleine Hotels seien wegen der überschaubaren Gästezahlen da sicherlich nicht so kritisch zu betrachten. „Die sind doch keine Brutstätten, warum sollen sie geschlossen bleiben?“, fragt sie. „Wir brauchen endlich Klarheit“, mahnt sie an. Man spürt ihre Unruhe. Es fehle das Planbare.

          Es sind gerade die kleinen Häuser, die um ihre Existenz fürchten. Am vergangenen Wochenende hat der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Alarm geschlagen. Bis Ende April, so Dehoga, habe das Hotel- und Gaststättengewerbe schon 10 Milliarden Euro Umsatz verloren. Ohne zusätzliche Hilfen vom Staat seien bis zu 70.000 Betriebe, damit jeder Dritte in der Branche, gefährdet.

          Handwerker dürfen unterkommen

          Das Alpenpark versucht, den Schaden zu begrenzen. Wohnen auf Zeit und monatsweises Vermieten bietet Angermann schon in der Nichtsaison zwischen November und April an, um die laue Wintersaison zu überbrücken. Das geht erst einmal so weiter. Geschäftsleute haben sich vereinzelt eingemietet. Eine Mitarbeiterin des Pharmaunternehmens Roche, das im nahe gelegenen Penzberg ein großes Biotech-Zentrum betreibt, habe soeben angerufen und ein Apartment angefragt. Monteure oder Handwerker gehören zu den Gästen.

          Die darf sie unterbringen, nicht aber diejenigen, die in der Abgeschiedenheit Homeoffice machen wollen, auch nicht einen Professor, der sich einnisten wollte, um ein Buch zu schreiben. „Kein zwingender Grund, um hier zu wohnen“, sagt Angermann. In anderen Bundesländern können Hotels Zimmer als Homeoffice anbieten. Abgeblitzt ist auch ein Ehepaar, das mit zwei Kindern vorübergehend von München in die sichere Abgeschiedenheit flüchten wollte.

          Die Überbrückung hilft indes wenig. „Wir leben von den Feriengästen“, sagt Angermann. Ihr Hotel gehört nicht zu den kritischsten Fällen, die die Dehoga schildert. Lange kann sich aber auch der Familienbetrieb im Altjoch nicht über Wasser halten. Ein Polster habe sie, Erspartes und Rücklagen. Aber die reichten im Ernstfall bestenfalls für eine ausgefallene Saison. „Wir haben schließlich Investitionen zu tätigen, für die wir die Rücklagen benötigen“, sagt Christian Hinz. „Da fehlt dann das Geld.“ Selbst wenn es losgehen sollte, bleiben die Probleme vorerst. „Wir können die Zimmer nur einmal vermieten; anders als eine Fabrik, die drei Schichten fahren kann“, sagt sie.

          Selbst wenn Monika Angermann sich nicht in akuter Not befindet, hat sie Corona-Soforthilfe über 9000 Euro für Kleinstbetriebe mit weniger als fünf Beschäftigten beantragt. Wahrscheinlich werde sie auch einen Kredit in Anspruch nehmen müssen, als zusätzliches Polster. „Woher soll ich denn heute wissen, wie lange das alles noch dauert?“

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