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F.A.Z. exklusiv : Klöckner will Lebensmittelabfälle halbieren

Sammeltonnen mit Obst-, Gemüse- und andere Lebensmittelabfälle stehen in der Aufbereitungsanlage der Biogasanlage der Stadtreinigung in Hamburg. Bild: dpa

Supermärkte, Restaurants und Verbraucher sollen weniger Essen wegschmeißen, sagt die Ernährungsministerin. Das ist leichter gesagt als getan.

          2 Min.

          109 Kilogramm: So viele Lebensmittel wirft der deutsche Durchschnittshaushalt im Jahr laut einer GfK-Analyse weg, insgesamt 4,4 Millionen Tonnen. Rechnet man noch die Lebensmittelabfälle von Supermärkten, Restaurants und Kantinen dazu, landen jedes Jahr schätzungsweise 11 bis 18 Millionen Tonnen Essen im Müll. Das will Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ändern. Kommenden Mittwoch stellt sie im Kabinett ihre „Strategie zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung“ vor. Wird das Papier wie geplant beschlossen, kommt auf Unternehmen und Verbraucher viel Arbeit zu: Bis zum Jahr 2030 soll sich die Menge der Lebensmittelabfälle halbieren.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Klöckner appelliert in ihrer Strategie, deren Entwurf der F.A.Z. vorliegt, einerseits an Gastronomen, Handel und Verbraucher, bewusster einzukaufen. Auch sollen „flexiblere (häufigere) Warenlieferungen“ dafür sorgen, dass weniger Lebensmittel verderben. Die Unternehmen sollen zudem intelligente Verpackungen „zügig zur Marktreife bringen“, die zeigen, ob ein Produkt noch genießbar ist oder nicht. Klöckner schließt aber auch Gesetzesänderungen nicht aus. Es sei zu prüfen, „ob der bestehende rechtliche Rahmen (z. B. Kreislaufwirtschaftsgesetz) sowie das Instrument der freiwilligen Selbstverpflichtung ausreichen oder ob gegebenenfalls weitere gesetzliche Regelungen (z. B. im Bundesimmissionsschutzgesetz) erforderlich sind“, heißt es in dem Papier.

          Die Bundesregierung hat sich das 50-Prozent-Ziel nicht selbst ausgedacht, vielmehr steht es seit dem Jahr 2015 in einer Agenda der Vereinten Nationen zum Thema Nachhaltigkeit. Klöckner ahnt, dass es nicht leicht wird, tatsächlich eine Halbierung zu erreichen. „Jeder von uns muss sich bewusst sein, dass sein Verhalten Auswirkungen nicht nur für sich selbst hat“, sagte sie der F.A.Z. „Lebensmittel werden oft zu schnell weggeworfen, vielleicht auch, weil sie zu billig sind.“ Dies sei eine Verschwendung wertvoller Ressourcen wie Wasser, Boden und Energie. „Angesichts von über 800 Millionen hungernder Menschen weltweit ist das eine nicht tragbare Realität.“ In fünf „Dialogforen“ will das Ministerium mit Unternehmensverbänden und Verbraucherschützern konkrete Ziele ausarbeiten. Den Beginn macht am Mittwoch eines zum Thema „Außer-Haus-Verpflegung“.

          „Schauen, riechen, schmecken hilft“

          Doch die Beteiligten sind skeptisch. „Der größte Mangel ist, dass alles auf freiwilliger Basis sein soll“, kritisiert Frank Waskow von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Er findet auch, dass die öffentliche Hand selbst zu wenig tut. An Schulen in Nordrhein-Westfalen habe sich gezeigt, dass im Schnitt ein Viertel der gekochten Speisen weggeschmissen werde. „Keiner weiß, wie viele Schüler gerade auf Projekttag oder im Zoo sind“, sagt Waskow. Sein Vorschlag: „Einfach mal 30 Prozent weniger kochen.“

          Der Handelsverband Lebensmittel wiederum verweist darauf, dass Supermärkte schon viel täten, um Abfälle zu vermeiden, die Verbraucher aber nun mal auch kurz vor Ladenschluss noch eine große Auswahl frischer Waren erwarteten. Solche Zielkonflikte würden zu wenig gewürdigt, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme zu Klöckners Strategie. Auf Kritik stößt auch, dass es noch keine einheitliche Datenbasis gibt, wo wie viele Lebensmittel weggeworfen werden.

          Hinzu kommt, dass es von Bundesland zu Bundesland andere Regelungen gibt. Immer wieder gibt es zum Beispiel Streit über öffentliche Kühlschränke, in die jeder Lebensmittel stellen oder herausnehmen kann. In manchen Bundesländern gilt dieses „Foodsharing“ als Weitergabe unter Privatleuten, andernorts stufen Behörden die Kühlschränke als Lebensmittelbetriebe ein und fordern Verantwortliche, die auf die Einhaltung der Hygienevorschriften achten. Die Ministerin wirbt für einen pragmatischen Ansatz. „Schauen, riechen, schmecken hilft, ein Lebensmittel zu überprüfen, ob es noch genießbar ist“, sagt sie. „Wir müssen auch wieder mehr unseren eigenen Sinnen vertrauen.“

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