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Klimawandel : Großbritannien verbietet neue Benzin-Autos ab 2030

Strammes Ziel: Ab 2030 sollen im Vereinigten Königreich keine neuen Verbrenner mehr zugelassen werden. Bild: AP

Die Regierung Johnson ruft eine „Grüne Industrielle Revolution“ aus. Verbrennungsmotor-Autos sollen in gut neun Jahren nicht mehr zugelassen werden. Zudem wird sie neue Atomkraftwerke bauen.

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          In rund neun Jahren schon, von 2030 an, soll der Verkauf von neuen Benzin- und Diesel-Autos in Großbritannien verboten werden. Damit zieht die Regierung von Boris Johnson ihr bisheriges Ziel um fünf Jahre vor. Hybridfahrzeuge sollen von 2035 an nicht mehr neu zugelassen werden und Lastkraftwagen mit Dieselantrieb schrittweise ausgesondert werden.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Um den Übergang zu Elektro- und Wasserstofffahrzeuge zu beschleunigen, werden neue E-Ladestationen finanziert und eine halbe Milliarde für die Entwicklung von Wasserstofftechniken bereitgestellt. Der Verband der britischen Autoindustrie nannte die neue Frist bis 2030 „eine immense Herausforderung“.

          Die Maßnahmen sind Teil eines „10-Punkte Plan für eine Grüne Industrielle Revolution“, den Johnson am Mittwoch verkündet hat. Zu dem Paket gehören auch neue milliardenschwere Investitionen in Windkraft- und Solaranlagen. Das Königreich soll „das Saudi-Arabien des Windes“ werden, so Johnson, und bis 2030 genug Offshore-Kapazität mit Windrädern auf dem Meer haben, um alle Haushalte so mit Strom zu versorgen. Zudem will die Regierung Bäume pflanzen, ab 2025 jährlich auf einer Fläche von 30.000 Hektar, um Kohlendioxid (CO2) zu binden. Bis 2050 will Großbritannien das „Netto-Null“-Ziel eines CO2-freien Landes erreichen.

          Die britische Regierung setzt dabei auch auf neue große Kernkraftwerke sowie Mini-Atomkraftwerke, dafür sollen mehr als eine halbe Milliarde Pfund zusätzlich ausgegeben werden. Insgesamt will Johnson 12 Milliarden Pfund (13,2 Milliarden Euro) für die „Grüne Industrielle Revolution“ bereitstellen. Damit würden 250.000 Arbeitsplätze „geschaffen oder unterstützt“, hieß es vage vom Premier. Seine Strategie zielt auch darauf, die wirtschaftlich zurückgebliebenen altindustriellen Städte und Regionen in Nordengland neu zu beleben, die zudem unter der Corona-Krise besonders leiden.

          Bis Oktober knapp 76.000 E-Autos verkauf

          Wirtschaftsverbände begrüßten die Ankündigungen des Premiers überwiegend. „Dieser Plan ist eine klare Absichtserklärung der Regierung. Er gibt ein Sprungbrett für riesige Chancen für landesweite Investitionen und grüne Jobs“, sagte Josh Hardie, Generaldirektor des Unternehmensverbands CBI.

          Das Verbot von Verbrennungsmotor-Autos schon ab 2030 erregt in der Autoindustrie jedoch Unmut. Schon als im Februar ein Verbot von Neuzulassungen ab 2035 angekündigt wurde, gab es Proteste. Der Verband der Automobilindustrie SMMT nannte die Verkürzung der Fristen damals „extrem beunruhigend“.

          Die Autohersteller stünden zwar „voll hinter einer Null-Emissionen-Zukunft“, wie sie die Regierung ab 2050 festgelegt hat, und sie hätten schon 64 Elektro-Modelle im Angebot und weitere 32 würden dieses Jahr dazukommen, betonte Mike Hawes von der Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT). Was aber fehle, sei die Nachfrage nach den immer noch teuren Elektroautos.

          Die Zahl der verkauften E-Autos steigt, doch ist sie immer noch sehr gering. In diesem Jahr wurden auf der Insel bis Oktober knapp 76.000 E-Autos verkauft, das war ein Marktanteil von 5,5 Prozent laut SMMT. E-Autos kosten durchschnittlich etwa 10.000 Pfund mehr als ein vergleichbares Benzin- oder Diesel-Auto.

          So groß ist der Preisabstand beispielsweise zwischen einem VW-Golf und dem ID3, dem günstigsten E-Auto von Volkswagen. Der Staat zahlt einen Zuschuss von bis zu 3000 Pfund für den Kauf eines E-Autos, das nicht mehr als 50.000 Pfund kosten darf. Für Vans gibt es maximal 8000 Pfund Zuschuss. Die Industrie ruft kaum verhohlen nach mehr Subventionen.

          Der Vizechef von Honda Europa, Ian Howells, hat kürzlich davor gewarnt, dass bei einer Politik, die ausschließlich noch auf teure Elektroautos setze, Autofahren zu einem Privileg für die Wohlhabenden werde. Ähnlich klingt das marktliberale Institute of Economic Affairs. Die Londoner Denkfabrik beklagte zu hohe Kosten für Verbraucher und Steuerzahler und spricht von einem zweifelhaften ökologischen Nutzen der Elektroautos, die in der Herstellung viele Ressourcen und Energie verbrauchten. Das erzwungene Umstelldatum würde gerade ärmere Autokäufer hart treffen. Es sei falsch, dass Premier Johnson so stark auf Verbote und so wenig auf Marktkräfte setze, moniert das IEA.

          Eine neuere Studie von Analysten der Bank UBS hat indes in Aussicht gestellt, dass die Extra-Kosten der Produktion von Elektroautos rasch sinken. Schon 2022 könnten die Mehrkosten nur noch knapp 2000 Dollar betragen und 2024 könnten sie ganz verschwinden. Ein entscheidender Kostenblock sind bislang die teuren Batterien, die zum Großteil aus Asien kommen, etwa vom koreanischen LG Chem, von Panasonic aus Japan oder dem chinesischen Konkurrenten CATL.

          In Britannien gibt es eine mittelgroße Autoindustrie. Größter Hersteller ist Jaguar Land Rover, größere Werke haben auch Nissan, Honda und Toyota sowie BMW-Mini. Die Autoindustrie beschäftigte inklusive Zulieferern vor der Corona-Krise knapp 170.000 Menschen auf der Insel.

          Mit seinem neuen Zieldatum für Elektroautos würde sich Großbritannien in Europa verglichen mit den anderen großen Ländern an die Spitze setzen. Frankreich hat sich das Ziel bis 2040 gesetzt. Die norwegische Regierung hat 2025 als Ziel ausgegeben, danach sollen keine neuen Benziner und Diesel mehr verkauft werden. Einzelne Städte, vor allem Paris, gehen aber weiter. Die Hauptstadt will von 2024 an alle Dieselautos aus der Stadt verbannen. Von 2030 an will Paris auch alle Benziner draußen halten.

          Wie diese Ziele erreicht werden soll beziehungsweise was geschieht, falls es nicht erreicht wird, ist nicht entschieden. Ein Verbot ist unwahrscheinlich, eher wird es mehr Elektro-Förderung oder höhere Kraftstoff-Steuern geben.

          Kein festes Datum in China

          In Deutschland ist die Forderung nach einem Verbot für die Neuzulassung von Verbrennungsmotoren hoch umstritten. Grüne Politiker verweisen gelegentlich auf China, den größten Automarkt der Welt, wenn dort einmal wieder über ein Verbot von Verbrennern diskutiert wird. Aber es gibt noch kein festes Datum in China. Zwar hat das Industrieministerium mehrfach Gesetzentwürfe über ein baldiges Verbot vorgelegt, aber solche Entwürfe gibt es oft und sie haben nicht viel Bedeutung.

          Chinas Autohersteller, besonders die großen Staatsunternehmen, sind einfach noch nicht weit genug um die Umstellung auf E-Motoren komplett zu stemmen. Das ist der Grund, warum ein Verbot immer wieder hinausgezögert wird. Auf der südchinesischen Insel Hainan mit etwa 8 Millionen Einwohnern soll ein Verbot ab 2030 kommen, dies wird als Experiment angesehen. Allein das zeigt, dass es für das ganze Riesenreich mit 1,4 Milliarden Einwohnern nicht so schnell gehen könnte. Staatschef Xi Jinpings hat angekündigt, dass China bis 2060 kohlenstoffneutral werden soll.

          Die Vereinigten Staaten haben derweil keinen Ausstiegsplan, aber der Bundesstaat Kalifornien. Der demokratische Gouverneur Gavin Newsom hat im September per Dekret verfügt, dass in Kalifornien von 2035 an keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr verkauft werden dürfen.

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