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Essen und der Klimawandel : Fleischverzicht ist kein Hexenwerk

Unser Autor würde dieses Kalb nicht essen. Bild: ZB

In Umfragen sagen die Deutschen gerne, sie wollen in Zukunft weniger Fleisch essen. Die Massentierhaltung finden sie sowieso schlimm. Warum handeln sie dann nicht entsprechend?

          Eines muss man Friedrich Ostendorf lassen: Eine Aufhebung des Mehrwertsteuerrabats für Fleisch in Zeiten von bestem Grillwetter zu fordern, zeugt von einem guten Gespür für die mediale Aufmerksamkeitsspirale. Wobei der grüne Agrarpolitiker damit wohl auch im tiefsten Winter durchgedrungen wäre. Das Thema Fleisch bewegt die Deutschen. Seine Partei weiß das nur zu gut; Stichwort „Veggie Day“.

          In Sachen Steuer herrscht erst einmal wieder Ruhe. Nun ist es aber kein Geheimnis, dass zu viel Fleisch nicht gerade förderlich für die Gesundheit ist. Vor den Klima-Folgen eines übermäßigen Fleischkonsums haben zuletzt die Autoren des IPCC-Berichts nachdrücklich gewarnt.

          Trotzdem sind Vegetarier und Veganer in Deutschland nach wie vor eine kleine Minderheit. Nur ein Prozent der Deutschen lebt vegan, vegetarisch ernähren sich sechs Prozent – auch wenn das bei der immer mal wieder aufkeimenden Aufregung um eine einsame vegane Kita oder den Höhenflug von Börsenstar Beyond Meat gerne mal vergessen wird. Der Fleischkonsum pro Kopf dagegen hält sich recht beständig bei um die 60 Kilogramm im Jahr.

          Der Esser ist selbst gefragt

          Das ist erst einmal nicht verwerflich – jeder möge selbstverständlich essen, was er will – aber irritiert einen doch etwas, wo sich die Deutschen gerade betont klima- und tierbesorgt geben. Wer die Massentierhaltung derart anrüchig findet, kann ohne viel Mühe darauf verzichten, Fleisch zu verzehren, bei dessen Produktion die Haltungsbedingungen für ihn oder sie nicht zu vertreten sind. Die Politik aber wird dieses Dilemma so schnell nicht lösen – wenn überhaupt. Hier ist der Esser selbst gefragt.

          Siegel helfen bei der Orientierung, wobei man sich auch bei diesen erst einmal zurechtfinden muss. Ob es einem das Schwein dankt, statt Fleisch mit dem Label „Stallhaltung“ (mindestens 0,75 m² Platz pro Tier) oder „Stallhaltung Plus“ (mindestens 0,825 m²)  zu kaufen, darf bezweifelt werden. Mehr verlangt das EU-Bio-Siegel. Die Anforderungen der Anbauverbände wie Bioland, Demeter und Co. sind noch einmal strenger. Fleisch mit dieser Herkunft kostet freilich auch deutlich mehr, was sich naturgemäß nicht jeder leisten kann.

          Fleischverzicht ist kein Hexenwerk

          Viele wollen es aber offensichtlich auch gar nicht: Umfragen zeigen zwar, dass die Verbraucher durchaus mehr Geld für Fleisch aus besserer Haltung zahlen würden, bis zur Kasse vergessen die meisten diesen guten Vorsatz jedoch schnell wieder. So wichtig scheint ihnen das Tierwohl dann doch nicht zu sein.

          Dabei ist es wahrlich kein Hexenwerk weniger oder gar kein Fleisch zu essen, wenn es einem ernst damit ist. Dass die Auswahl in vielen Restaurants und Kantinen auf einmal zusammenschrumpft, muss man eben verkraften, ebenso wie unglaublich komische Kommentare von Freunden, Verwandten oder Kollegen („Fleisch ist mein Gemüse!“). Irgendwann legt sich das – und an wunderbaren vegetarischen Gerichten besteht wahrlich kein Mangel. 

          Böse Kommentare bringen Nichts

          Am Ende mag es bequemer sein, auf der Grillparty eben doch das Steak mit vermeintlich zweifelhafter Herkunft zu essen, als hart zu bleiben und sich mit dem Gemüsespieß oder Beilagen zufrieden zu geben. Nur sollte man sich beim Verspeisen dann nicht über die böse Massentierhaltung beklagen. Ähnlich wenig helfen übrigens vernichtende Blicke und böse Kommentare von übereifrigen Vegetariern oder Veganern, die eher eine Trotzreaktion, anstatt Reue zur Folge haben.

          Vielleicht entwickelt sich aus Friedrich Ostendorfs Vorstoß  ja tatsächlich eine halbwegs sachliche Debatte über unseren Fleischkonsum. Davon jedenfalls würden alle profitieren: Mensch, Tier und das Klima.

          Unser Autor Jakob Strobel y Serra ist bekennender Fleischesser und schreibt hier, warum er nicht darauf verzichten will.

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