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Klimaschutz : Größter Staatsfonds der Welt plant Kohle-Boykott

Nicht mehr so gern gesehen: Energiegewinnung aus Kohle Bild: AFP

Norwegen will mit seinen Geldanlagen Klimaschutzpolitik betreiben. Der Staatsfonds des Landes soll nicht mehr in klimaschädliche Kohleunternehmen investieren.

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          Umweltschutzaktivisten feiern, und Finanzmanager werden nachdenklich: Der norwegische Staatsfonds, der zu den größten Investoren der Welt zählt, soll nach dem Willen der Parlamentarier in Oslo nicht mehr in klimaschädliche Kohleunternehmen investieren. Von dem geplanten Anlageboykott könnten nach Schätzung von Finanzministerin Siv Jensen zwischen 50 und 75 Unternehmen betroffen sein. Darunter seien nicht nur Bergbauunternehmen sondern voraussichtlich auch große Erzeuger von Kohlestrom wie die beiden deutschen Energieversorger Eon und RWE, sagten norwegische Politiker.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Der Finanzausschuss des norwegischen Parlaments hat parteiübergreifend beschlossen, der Fonds solle sich von Beteiligungen an Unternehmen trennen, die bei mehr als 30 Prozent ihres Geschäfts von der Kohle abhängig sind. „Investitionen in Kohleunternehmen sind sowohl ein Risiko für das Klima als auch ein künftiges Wirtschaftsrisiko“, heißt es in der einstimmigen Erklärung des Ausschusses. Das Parlament insgesamt muss dieser noch zustimmen. Kohle ist der mit Abstand klimaschädlichste fossile Brennstoff.

          Bei dem Boykott geht es zwar nur um einen kleinen Bruchteil der Gesamtanlagen des Fonds. Voraussichtlich werden Beteiligungen im Wert von umgerechnet rund 4,5 Milliarden Dollar verkauft, während der weltgrößte Staatsfonds insgesamt rund 900 Milliarden Dollar verwaltet. An Eon und RWE hält der Staatsfonds jeweils rund 2 Prozent der Aktien. Doch die Signalwirkung ist groß: Immer mehr Großanleger überdenken ihre Investitionen in fossile Brennstoffe wie Kohle und Erdöl – ob aus moralischen Gründen oder weil ihnen diese finanziell zu riskant werden. So hat der norwegische Staatsfonds schon im vergangenen Jahr Aktien von Kohleminen verkauft und dies damit begründet, dass die Branche längerfristig mit geschäftsschädigenden Klimaschutzauflagen rechnen müsse.

          Klimaschützer schwärmen: „Ein Meilenstein“

          Norwegen setze mit der Entscheidung „einen Meilenstein“, sagte Samantha Smith, die Leiterin des Bereichs Klimawandel der Umweltschutzorganisation WWF. „Die Anleger haben eindeutig verstanden, dass Kohle nicht nur ein unethisches, sondern auch ein finanziell schlechtes Investment ist“, glaubt Smith. Vergangene Woche gab schon der französische Versicherungskonzern Axa bekannt, nicht mehr in Kohleminen zu investieren. Großbanken wie Crédit Agricole und die Bank of America haben angekündigt, ihre Kreditvergabe an Kohleförderer einzuschränken. Selbst die milliardenschweren Erben des legendären amerikanischen Ölmagnaten John D. Rockefeller wollen kein Geld mehr in fossile Brennstoffe investieren.

          Für Eon und RWE wäre ein ökologisch motivierter Rückzug des skandinavischen Großinvestors ein weiterer Schlag, denn beide Konzerne kämpfen ohnehin um ihr Ansehen. RWE erzeugt rund 60 Prozent des Stroms in Kohlekraftwerken. Allerdings sei bisher unklar, an welchen Kennzahlen sich die neue Anlagepolitik der Norweger festmache, sagte ein Sprecher. Bei Eon gibt man sich gelassen. Der Konzern stehe schon seit Februar mit dem Staatsfonds im Dialog über mögliche neue Investitionsbedingungen. Man sei zuversichtlich, dass die norwegischen Investoren an Bord blieben, sagte ein Sprecher. Der Kohleanteil an der Stromerzeugung lag 2014 bei knapp 27 Prozent.

          Die Eon-Zahlen haben aber nur noch eine sehr begrenzte Halbwertszeit. Im kommenden Jahr ist die heutige Eon SE der Kohle-Sorgen ledig, weil sie die gesamte konventionelle und nukleare Stromproduktion in eine eigenständige Gesellschaft namens Uniper auslagern will. Die große Frage ist, ob Uniper dann den neuen Öko-Test der Investoren bestehen wird oder sich daraus eine weitere Hypothek für den Börsengang entwickelt.

          Bürgerbewegungen machen Druck

          Die Methode, mit dem Abzug von Anlagegeldern umweltschädliche Branchen zu stigmatisieren, ist mittlerweile zu einem globalen Phänomen geworden. „Das Thema lässt sich nicht mehr ignorieren“, sagt Marco Scherer, Fondsmanager in der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank. Einen generellen Anlageboykott lehnt das größte deutsche Kreditinstitut aber ab. „Wer verkauft, kann keinen Einfluss mehr nehmen“, gibt Scherer zu bedenken.

          „Desinvestitionen sind nicht die einzige Antwort auf die Herausforderungen des Energiesektors“, sagt auch Karsten Löffler, Geschäftsführer im Bereich Climate Solutions beim weltgrößten Versicherer Allianz. „Ein Investor kann auch durch den Dialog mit einzelnen Unternehmen Verantwortung übernehmen“. Auch die Fondsgesellschaft Union Investment und der Rückversicherer Munich Re haben derzeit keine konkreten Pläne, ihr Geld aus fossilen Brennstoffen abzuziehen.

          Allerdings machen in vielen Ländern Graswurzel-Bürgerbewegungen immer mehr Druck: Ein führendes Aktionsbündnis ist die Organisation 350.org, die im Jahr 2007 von dem amerikanischen Autor Bill McKibben gegründet wurde und mittlerweile Unterstützer in rund 190 Ländern hat. Allein in Deutschland ist die von 350.org initiierte Klimaschutzkampagne „Fossil Free“ binnen anderthalb Jahren in 19 Städten aktiv geworden. Die lokalen Gruppen werben dafür, dass örtliche Kommunen und Universitäten kein Geld mehr in fossilen Brennstoffen anlegen.

          Die wachsende Popularität von Organisationen wie 350.org sei beispiellos, sagt der britische Umweltökonom Ben Caldecott. Der Wissenschaftler von der Universität Oxford hat das Phänomen der Öko-Boykotteure in einer Studie mit ähnlich angelegten früheren Kampagnen verglichen – etwa mit den Investitionsboykotten gegen das südafrikanische Apartheid-Regime oder die amerikanische Tabakindustrie. „So schnell wie diese Bewegung ist zuvor keine andere gewachsen“, sagt er. Nicht zuletzt soziale Medien wie Facebook und Twitter machten solche Kampagnen heute viel schlagkräftiger als früher.

          Caldecott sagt voraus, dass weniger der Kapitalentzug als solcher, sondern viel mehr die indirekten Auswirkungen der Boykottaufrufe Wirkung zeigen werden. So könnte es für Kohlebergbau- und Ölkonzerne schwerer werden, gute Mitarbeiter zu gewinnen. Ihr Lobbyeinfluss auf Politiker könnte schwinden. „Es geht nicht so sehr darum, dass Investoren ihre Geld abziehen. Die damit einhergehende Stigmatisierung dürfte sehr viel effektiver sein“, sagt er.

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