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Klimaschutz : Größter Staatsfonds der Welt plant Kohle-Boykott

Die Eon-Zahlen haben aber nur noch eine sehr begrenzte Halbwertszeit. Im kommenden Jahr ist die heutige Eon SE der Kohle-Sorgen ledig, weil sie die gesamte konventionelle und nukleare Stromproduktion in eine eigenständige Gesellschaft namens Uniper auslagern will. Die große Frage ist, ob Uniper dann den neuen Öko-Test der Investoren bestehen wird oder sich daraus eine weitere Hypothek für den Börsengang entwickelt.

Bürgerbewegungen machen Druck

Die Methode, mit dem Abzug von Anlagegeldern umweltschädliche Branchen zu stigmatisieren, ist mittlerweile zu einem globalen Phänomen geworden. „Das Thema lässt sich nicht mehr ignorieren“, sagt Marco Scherer, Fondsmanager in der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank. Einen generellen Anlageboykott lehnt das größte deutsche Kreditinstitut aber ab. „Wer verkauft, kann keinen Einfluss mehr nehmen“, gibt Scherer zu bedenken.

„Desinvestitionen sind nicht die einzige Antwort auf die Herausforderungen des Energiesektors“, sagt auch Karsten Löffler, Geschäftsführer im Bereich Climate Solutions beim weltgrößten Versicherer Allianz. „Ein Investor kann auch durch den Dialog mit einzelnen Unternehmen Verantwortung übernehmen“. Auch die Fondsgesellschaft Union Investment und der Rückversicherer Munich Re haben derzeit keine konkreten Pläne, ihr Geld aus fossilen Brennstoffen abzuziehen.

Allerdings machen in vielen Ländern Graswurzel-Bürgerbewegungen immer mehr Druck: Ein führendes Aktionsbündnis ist die Organisation 350.org, die im Jahr 2007 von dem amerikanischen Autor Bill McKibben gegründet wurde und mittlerweile Unterstützer in rund 190 Ländern hat. Allein in Deutschland ist die von 350.org initiierte Klimaschutzkampagne „Fossil Free“ binnen anderthalb Jahren in 19 Städten aktiv geworden. Die lokalen Gruppen werben dafür, dass örtliche Kommunen und Universitäten kein Geld mehr in fossilen Brennstoffen anlegen.

Die wachsende Popularität von Organisationen wie 350.org sei beispiellos, sagt der britische Umweltökonom Ben Caldecott. Der Wissenschaftler von der Universität Oxford hat das Phänomen der Öko-Boykotteure in einer Studie mit ähnlich angelegten früheren Kampagnen verglichen – etwa mit den Investitionsboykotten gegen das südafrikanische Apartheid-Regime oder die amerikanische Tabakindustrie. „So schnell wie diese Bewegung ist zuvor keine andere gewachsen“, sagt er. Nicht zuletzt soziale Medien wie Facebook und Twitter machten solche Kampagnen heute viel schlagkräftiger als früher.

Caldecott sagt voraus, dass weniger der Kapitalentzug als solcher, sondern viel mehr die indirekten Auswirkungen der Boykottaufrufe Wirkung zeigen werden. So könnte es für Kohlebergbau- und Ölkonzerne schwerer werden, gute Mitarbeiter zu gewinnen. Ihr Lobbyeinfluss auf Politiker könnte schwinden. „Es geht nicht so sehr darum, dass Investoren ihre Geld abziehen. Die damit einhergehende Stigmatisierung dürfte sehr viel effektiver sein“, sagt er.

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