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Weltklimavertrag : Der globale Pakt

Dürre in Indonesien Bild: dpa

Nahezu alle Staaten haben sich in Paris auf den neuen Klimaschutz-Vertrag geeinigt. Auf keinem anderen Feld der Politik spricht die Welt so einhellig mit einer Stimme. Aber was ist das Papier wert, wenn der Alltag einkehrt? Eine Analyse.

          Das sind die Momente, die man in der Politik selten erlebt, in der Weltpolitik fast nie: Alle diplomatischen Hürden waren in dieser Stunde gefallen, sämtliche Blockaden auf einmal aufgelöst. Wann haben wir es schon einmal, dass muslimische, westliche, fernöstliche Länder, alles zusammen an die zweihundert Staaten – machtvolle und verarmte, progressive und antiquierte –, für einen Moment alle national-egoistischen Interessen vergessen und ihre Unterschrift unter einen verbindlichen Vertrag setzen, der sie dazu verpflichtet, ihre Systeme und Lebensweisen radikal infrage zu stellen? Eine andere Richtung einzuschlagen. Mehr noch: der sie quasi dazu auffordert, in kurzen Abständen immer wieder Rechenschaft abzulegen, die Wirtschaft und Politik des Landes auf ein Ziel auszurichten – die Bewahrung des Planeten vor einem Klimachaos.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Als vor sechs Jahren der Kopenhagener Klimagipfel gescheitert war, hätte kein Politiker der Welt – und was noch wichtiger ist: kein Wirtschaftsführer – einen Pfifferling auf die multilaterale Klimapolitik gegeben. Der Erdgipfel von Rio Anfang der neunziger Jahre, als das ökologische Bewusstsein zum ersten Mal als weltumspannendes Unternehmen erwachte und die noch sehr abstrakte Klimarahmenkonvention aus der Taufe gehoben wurde, war bloß noch ein Phantom.

          Nun, mehr als zwanzig Jahre später ist dieser Geist plötzlich wieder aufgetaucht, als hätte sich das grüne Unterbewusstsein bei vielen wieder gemeldet. Die tiefenpsychologische Massage hat die Welt der hohen Kunst der französischen Diplomatie um Außenminister Laurent Fabius zu verdanken, der genau diesen „Moment der Wahrheit“  vorausgeahnt und vorbereitet hat.

          Laurent Fabius

          Nach Kopenhagen hat sich die fiebrige Natur, die Fratze des Klimawandels, immer deutlicher zu erkennen gegeben. Die Anzeichen der drohenden Veränderungen sind immer sichtbarer geworden. Gleichzeitig hat sich der Druck bis Paris aus der Zivilgesellschaft drastisch erhöht. Alles, auch die Bereitschaft der Staaten, fast ausnahmslos eigene Klimaziele einzureichen, hat den Boden bereitet für das Pariser Ankommen, das schon deshalb historisch ist, weil sich in keinem anderen Politikgebiet die Welt so einhellig mit einer Stimme für eine Wende ausspricht. Bleibt die Frage: Was ist das Papier wert, wenn der Champagner darauf getrocknet ist und der Alltag einkehrt? Mit anderen Worten: Ist es nicht nur ästhetisch wertvoll, sondern kann es auch praktische Politik werden?

          Die Messlatte ist hoch gesetzt

          Die 1,5 Grad maximale Erwärmung, die man als ehrgeizigste Höchstgrenze formuliert hat, das lässt sich mit großer Sicherheit heute schon sagen, wird man nicht halten können. Jeder, der gestern im Pariser Freudentaumel gesprochen und die historische neue Marke erwähnt hat, weiß: Die heutigen und absehbaren Treibhausgasemissionen genügen, um mindestens zeitweise diese Marke zu überschreiten – was nach heutigem Wissen allerdings die Atmosphäre, die Ozeane, die Nahrungsmittelversorgung und die Ökosysteme nicht zusammenbrechen lassen dürfte.

          Ob man die zwei Grad Erwärmung halten kann, die alle Unterzeichnerstaaten nun mit Nachdruck zu unterbieten versuchen, hängt nun genau davon ab: Ob der Wendepunkt, die Abkehr von der Fossilwirtschaft schnell genug geschafft wird. Das Pariser Abkommen hat die Messlatte so hoch gesetzt, überraschend hoch, wie das niemand erwarten konnte. Ziele haben und Ziele verwirklichen sind freilich zweierlei. Bisher hatte man allerdings nicht einmal das: die Bereitschaft, sich neue klimaverträgliche Ziele zu setzen, die die Lebensgrundlage aller betrifft.

          Zum ersten Mal nun hat die Weltgemeinschaft sich also selbst den Auftrag gegeben und in dem Pariser Klimapakt die Instrumente dafür skizziert, etwas fast Unmögliches zu schaffen. Zum ersten Mal auch hat sie damit ein gemeinsames globales Ziel. Das ist weiß Gott mehr, als man nach dem quälenden Vorspiel des alljährlichen Klimazirkus erwarten durfte.     

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