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Klimawandel-Debatte : Feuer unterm Hintern

Feuerroden im tropischen Regenwald: Heizt sich der Klimastreit zwischen Politik und Forschung immer mehr auf? Bild: dpa

Das UN-Klimasekretariat hält die nationalen Klimaziele für einen großen Schritt nach vorne. Wissenschaftler sind viel skeptischer - sie warnen davor, dass sich das Drama einfach fortsetzen könnte.

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          „Historisch“ nannte Christiana Figueres, die Chefin des UN-Klimasekretariats, was da passiert war. Und sie meinte bei ihrem Auftritt vor der Bundespressekonferenz vergangene Woche nicht etwa die Angst vor einem historischen Versagen. Sie dachte vermutlich keinen Moment daran, wie oft dieser Begriff in den quälenden zwanzig Jahren davor gefallen war - konsequenzlos gefallen war. Sie war einfach nur selig. „Es ist eine sehr, sehr beeindruckende Bewegung“, sagte sie. Ausnahmslos alle Industriestaaten und drei Viertel aller Entwicklungs- und Schwellenländer hätten einen Monat vor dem Showdown von Paris ihre nationalen Klimaziele eingereicht und damit das Fundament gelegt für den Klimagipfel - jene politische Megaversammlung, die spätestens mit der Papst-Umweltenzyklika, dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel und den Überraschungsabkommen zwischen China und Obamas Regierung quasi in den Rang einer Neuauflage des Erdgipfels manövriert wurde. Die Weltrettung muss Ende des Jahres nur noch besiegelt werden.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 81 Prozent wird aber genau das nicht passieren. Wer das wissen will? Hans-Joachim Schellnhuber, einer der herausragenden Köpfe der Klimaforschung, hat die Rechnung in seinem Buch „Selbstverbrennung“ aufgemacht. Anfang der Woche ist die persönliche Bilanz seiner planetaren Systemsanierungsarbeit auf mehr als 700 Seiten erschienen. Was den Klimapolitpoker angeht, so Schellnhuber, sei die Fortsetzung der „Tragödie“ am allerwahrscheinlichsten.

          Christiana Figueres in Berlin
          Christiana Figueres in Berlin : Bild: AFP

          Nicht, dass er eine Lösung des gordischen Knotens für unmöglich hielte. Nur sind die Konstellationen für ihn so ungünstig, die Erfahrungen auf dem Diplomatenparkett so niederschmetternd und die „Amoral der Apparate“ so unabweisbar, dass er sich am Ende eher von einer „Weltbürgerbewegung“ den Ausweg verspricht als von dem herrischen Gezänk vor und hinter dem grünen Tisch. Die industrielle Umformung beginnt nicht am Kopf des Fischs, sie muss sich in der Bewegung des Schwarms zeigen.

          Richtige Richtung?

          Für Christiana Figueres hat sich der Schwarm schon in die richtige Richtung aufgemacht. „Die Frage ist jetzt, wie man aus den nationalen Beiträgen zum Klimaschutz, die nicht weniger als das Resultat vieler nationaler Interessen sind, einen Klimavertrag bastelt.“ Doch der betörende Optimismus der Klimakonventionsverwalterin kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Karren noch immer massiv festgefahren ist. Mehr als Verhandlungsmasse liegt nicht auf dem Tisch. Und die prognostizierten 2,7 Grad Erwärmung, die sich aus den nationalen Emissionsminderungszusagen rechnerisch rausquetschen lassen (sofern den Worten auch Taten folgen), sind gerade mal genug, um neue Unheilsvokabeln in der Klimagemeinde zu streuen: „3-Grad-Katastrophe“ ist so eine.

          Die Letzten aber, die die Flinte ins Korn werfen wollen, sind offenbar die Klimaforscher. Ihre Kommunikationskanäle laufen noch mal heiß, den wissenschaftlichen Spießrutenlauf wollen sie den Politikern nicht ersparen. Nichts bleibt unversucht - Projektionen, Analysen und auch noch so ferne, nicht selten widersprüchliche spieltheoretische Argumente, die den Weg zu einem verbindlichen globalen Klimaabkommen weisen sollen. Im Modell schwedischer Physiker, durchgespielt in „Nature Climate Change“, wird die Hoffnung auf Kooperation allerdings heftig gedämpft. Die Partikularinteressen der „politischen Eliten“ würden umso mehr zum Hindernis, je näher die „Klimakatastrophe“ rücke. Denn am Ende gehe es buchstäblich nur darum, die eigene Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Ein spieltheoretisches Modell nur. Aber nicht darauf kommt es an, sondern auf die Wirkung: Feuer machen unterm Hintern. Auch was Malte Meinshausen und seine Kollegen von Schellnhubers Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in einer „Nature Climate Change“-Veröffentlichung (doi: 10.1038/nclimate2826) durchspielen, zielt direkt in Richtung Klimagipfel: Was bis jetzt angeboten werde, reiche nicht für einen Durchbruch. Knackpunkt sind weiterhin unterschiedliche Philosophien. Die „historische Schuld“ der Industriestaaten, die etwa China und Indien berücksichtigt sehen wollen, steht der Einigung im Weg. Nur wenn einer der beiden großen alten Wirtschaftsblöcke, die EU oder Amerika, vorangehen und wenigstens einer seine Emissionsminderungszusagen quasi verdoppele, so Meinshausen, könne der Rest der Welt nachziehen und dem Ziel einer maximalen Erwärmung um zwei Grad folgen. Die Klimaspiele von Paris können beginnen.

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