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Reaktionen auf den Klimagipfel : „Unser Kopf bleibt über Wasser“

  • Aktualisiert am

Frankreichs Präsident Hollande umarmt UN-Klimachefin Figueres. Bild: AP

Die Einigung auf dem Klimagipfel in Paris wird weltweit gefeiert. Doch die ersten Reaktionen zeigen auch: Die eigentliche Arbeit im Kampf gegen die fortschreitende Erderwärmung müssen die Staaten erst noch leisten. 

          Jubel in Paris: Nach zweiwöchigen Verhandlungen haben sich nahezu alle Staaten der Welt auf einen historischen Klimaschutz-Vertrag geeinigt. Viele Delegierte, die jahrelang für das Abkommen gekämpft hatten, fielen einander am Samstagabend in Paris gerührt in die Arme. Das verbindliche Abkommen wurde weltweit überwiegend positiv aufgenommen.

          UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem „monumentalen Erfolg für die Völker des Planeten“. Der amerikanische Präsident Barack Obama sagte, der Vertrag sei die „beste Chance, den einen Planeten zu retten, den wir haben“. Das amerikanische Volk könne Stolz sein, sagte er in Washington. „In den vergangenen sieben Jahren haben wir die Vereinigten Staaten zum weltweiten Vorreiter im Kampf gegen die Klimaveränderung umgewandelt.“ Das Ergebnis sei „ein Tribut an die amerikanischen Führungsqualitäten“. Außenminister John Kerry sprach vor Ort in Paris von „einem Sieg für den ganzen Planeten und zukünftigen Generationen.“ Er fügte hinzu, das Abkommen werde eine „Botschaft an die internationalen Märkte“ senden. Investoren würden nun verstärkt auf erneuerbare Energien setzen.

          „Mit dem heute verabschiedeten Klimavertrag hat sich zum ersten Mal die gesamte Weltgemeinschaft zum Handeln verpflichtet“, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Ungeachtet der Tatsache, dass noch viel Arbeit vor uns liegt, ist dies ein Zeichen der Hoffnung, dass es uns gelingt, die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen auch in Zukunft zu sichern.“

          Einige Länder hatten vor dem Gipfel gewarnt, ihre Existenz wäre durch einen Anstieg des Meeresspiegels in Folge der Erderwärmung gefährdet. Die für Klimafragen zuständige Botschafterin des pazifischen Inselstaates Palau, Olai Uludong, lobte das Ergebnis am Samstag ebenfalls. „Unser Kopf bleibt über Wasser“, sagte sie.

          Geschichte geschrieben

          „Wir haben heute alle zusammen Geschichte geschrieben“, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Auch sie betonte, sie gehe davon aus, dass der Vertrag ein klares Signal an Investoren sei, nicht mehr auf fossile Energieträger zu setzen.

          Der Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, sprach von einem Rettungsring, dem die Welt zugeworfen bekommen habe. Das Abkommen sei „eine letzte Chance, den kommenden Generationen eine stabilere, gesündere Welt mit gerechteren Gesellschaften und blühenderen Volkswirtschaften zu übergeben“. EU-Umweltkommissar Miguel Arias Canete fasste die Stimmung nach dem Gipfel zusammen: „Heute feiern wir, morgen müssen wir uns an die Arbeit machen.“

          Auch viele Umweltschützer werteten den Vertrag als „starkes Signal“ zur Abkehr von den fossilen Energien. Sie hätten sich aber konkretere Verpflichtungen für die einzelnen Staaten und noch mehr Unterstützung für Entwicklungsländer gewünscht. Christoph Bals von Germanwatch meinte: „Dass sich alle auf einen Pfad zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas begeben, bedeutet einen Wendepunkt in der Klimageschichte.“

          Zentrales Ziel der 195 Länder ist es, die durch Treibhausgase verursachte Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen - und wenn möglich sogar auf 1,5 Grad. Allerdings werden die nationalen Klimaziele weiterhin von den einzelnen Ländern selbst festgelegt. Und bislang reichen die vorliegenden Zusagen nicht aus, um den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu begrenzen.

          Anders als bisher ist der Abbau von Treibhausgasen künftig Aufgabe aller Staaten und nicht nur der Industrieländer. Laut Vertrag soll der Ausstoß von Treibhausgasen möglichst bald sinken. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sollen dann nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden, als an anderer Stelle - zum Beispiel durch Neuanpflanzung von Wäldern - absorbiert werden können.

          Alle fünf Jahre Klimaschutzpläne vorlegen

          Umweltministerin Hendricks betonte, die Vertragsstaaten müssten ab 2020 alle fünf Jahre neue Klimaschutzpläne vorlegen, „die so ambitioniert wie irgend möglich sein müssen“. Außerdem müsse jedes Land über seine Emissionen berichten, „damit die Fortschritte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch der Realität entsprechen“. Die SPD-Ministerin betonte, die deutsche Delegation habe das Abkommen „entscheidend mitgeprägt“.

          Der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, sagte: „Deutschland hat sich sehr gut dargestellt.“ Er forderte, die Klimaziele müssten jetzt schnell freiwillig erhöht werden, und zwar auch in Deutschland und in der EU. Schellnhuber erklärte: „Wenn Ministerin Barbara Hendricks sagt, wir wollen das 1,5-Grad-Ziel unterstützen, dann muss sofort der deutsche Klimaschutzplan nachgebessert werden. Dann muss man alles darin noch mal auf den Prüfstand stellen.“

          Kritik kam vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Dessen Vorsitzender Hubert Weiger sagte, das Abkommen liefere keine angemessenen Antworten auf die Klimakrise. „Die Diskrepanz zwischen dem in Paris vereinbarten Temperaturziel und der tatsächlichen Klimapolitik der Staaten ist riesig.“

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