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Neue Ziele beim Klimagipfel : Noch ehrgeiziger – noch unrealistischer?

Protest der Eingeborenenvertreter in Le Bourget Bild: AP

Die Verhandler beim Klimagipfel in Paris werden nervös: Nur noch wenige Tage bleiben ihnen für eine Einigung. Und die deutsche Umweltministerin verkündet plötzlich noch ambitioniertere Ziele.

          3 Min.

          Langsam wird es hektisch in Le Bourget. Der Klimagipfel steht auf Messers Schneide. Das jedenfalls sagt jeder hier, den man trifft und fragt. Manche verziehen auch nur verkrampft das Gesicht und ziehen weiter. Die Saudis sieht man erst gar nicht, der freie Fall des Ölpreises führt in Le Bourget dazu, dass der Kongress-Stand der mächtigen Scheichs so gut wie unbesetzt bleibt und unsichtbar wird. Für die Bilderserien von Korallenriffen vor Saudi-Arabien interessiert sich hier niemand.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Sogar beim Mittagessen fangen die Leute an zu stopfen. Das französische Privileg, genussvoll in die Nachmittagsrunden zu starten, scheint außer Kraft gesetzt. Das „Restaurant Étoile“ in Halle 3, der Futtertrog der Delegationen, versprüht alles, nur kein Lebensgefühl mehr. Die Sterne stehen offenbar wirklich nicht gut an diesem Mittwoch. Die Herausgabe des überarbeiteten Vertragsentwurfs verzögert sich bis zum Nachmittag. Dabei ist noch gar nichts verloren; bis zum Wochenende ist noch genügend Zeit. Und wie schnell Fakten geschaffen sind, hat die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks Anfang der Woche gezeigt: Kurzentschlossen hat sie die alte klimapolitische Maxime, eine maximale Erwärmung von zwei Grad bis zum Jahrhundertende einzuhalten, über Bord geworfen und ein 1,5-Grad-Ziel daraus gemacht.

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          Ein Herz für die Kleinen

          Noch ehrgeiziger, noch ambitionierter – noch unrealistischer? Wir sind heute schon bei einem Grad Erwärmung angekommen, und der Bremsweg für den Klimawandel misst sich in Jahrzehnten. Vor der Abreise des Klimazugs von Berlin nach Paris hatte die Ministerin noch, ganz realpolitisch, die Marschroute ausgegeben: 1,5-Grad hat sowieso keine Chance. In Paris aber hat sie aber offenbar ihr Herz an die kleinen Inselstaaten verloren.

          1,5 Grad ist seit Jahren ihre Forderung – in der Hoffnung, dass das vom schmelzenden Polareis aufgedunsene Meer sie dann nicht verschlingen möge. Hendricks will, sagt man hier im Medienzentrum, wo dreitausend Journalisten wie auf Hühnerstangen brüten und spekulieren, den Boykott des Pariser Abkommens durch die neunundsiebzig Inselstaaten aus dem Pazifik, der Karibik und Afrika um jeden Preis vermeiden. Katzenjammer stattdessen bei den Umweltverbänden. Der Kampf für das berechtigte 1,5-Grad-Ziel könnte, so ihre Angst, das Aus für „Dekarbonisierung“ als langfristiges Ziel im Abkommen bedeuten. Die Saudis, Indien und ein paar andere hätten nur darauf gewartet, neue Schlupflöcher im Jahrhundertvertrag aufzureißen.

          „Wir wollen nur Respekt“ sagen die indigenen Völker

          Zwischendurch sieht man die deutsche Ministerin durch die Delegiertenhalle hetzen, immerhin: Die neue Partnerschaft mit den postkartenträchtigen Inselstaaten bereitet gute Laune. Sich auf die Seite der kleinen Völker zu schlagen, das hat die Ministerin schon vor der Abreise nach Paris erkennen lassen, ist ihr ausgesprochen sympathisch. So hat sie in Paris auch Ernst gemacht mit einer älteren Zusage: Hundertachtzig Millionen Menschen in mindestens sechsundzwanzig unterprivilegierten Staaten werden mit deutschen Steuermitteln gegen Naturkatastrophen versichert, zumindest für ein paar Jahre. Allerdings stößt der deutsche Einsatz für die kleinen Völker an Grenzen.

          Im Pavillon der Indigenen, außerhalb der „blauen Zone“, im farbenprächtigen und lauten Zelt der „Generation Klima“, hat man die deutsche Umweltministerin noch nicht gesehen. Hundertfünfzig Eingeborenenvertreter, von den finnischen und russischen Lappen bis zu den amerikanischen Indianerstämmen, kämpfen hier seit Tagen ums „Überleben“ im Klimavertrag. Vicky Tauli-Corpuz, die Berichterstatterin der Vereinten Nationen für die Rechte der indigenen Völker, ist völlig niedergeschlagen: „Wir wollen nur Respekt.“ Seit zwei Tagen versucht die philippinische Aktivistin vergeblich, die alte Präambel im Vertragsentwurf zu retten, in der die Notwendigkeit verankert war, die Rechte der Ureinwohner und die Menschenrechte zu achten.

          Verbündete, nicht Außenseiter

          Nicht zielführend für das Klimaabkommen, hatten die britischen, amerikanischen und die saudischen Verhandler offenbar vor ein paar Tagen befunden und die Passage ebenso wie den Verweis auf die Bedrohung indigener Lebensräume durch Kraftwerksprojekte gestrichen. Das war kurz nachdem eine Gruppe amerikanischer Wissenschaftler des Woods Hole Research Center zusammen mit ein paar Nichtregierungsorganisationen eine Karte vorgelegt hatten, aus der die Bedeutung der indigenen Lebensräume klar hervorgeht: Nahezu ein Fünftel des irdischen Kohlenstoffs ist in den Wäldern und in den Böden gespeichert, die von den Ureinwohnern verwaltet und geschützt werden. Indigene heißt das, sollten enge Verbündete im Kampf gegen den Naturverbrauch sein, nicht Außenseiter.

          Nach dem Stand von heute werden sie nicht einmal erwähnt im neuen Klimavertrag. Heute, am 10. Dezember, ist traditionell der Tag der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

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