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Klima und Ernährung : Grün essen ist gar nicht so einfach

  • -Aktualisiert am

Wenig Fleisch, viel Obst und Gemüse: Die Faustformel für eine ökologisch korrekte Ernährung Bild: dpa

Den Tisch ökologisch korrekt zu decken ist schwieriger, als viele denken: Zwar ist „Bio“ im Prinzip gut für die Natur, doch es stimmt nicht, dass Bio der Umwelt immer gut tut. Das Rind vom Ökobauern produziert mehr CO2 als das normale Vieh. Und Äpfel aus Übersee sind oft „grüner“ als das heimische Obst.

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          Es ist gar nicht so einfach, sich gesund zu ernähren. Noch schwieriger wird es aber, wenn man den Tisch auch noch ökologisch korrekt decken will. Schon jetzt verwirren Hunderte von Siegeln und Etiketten die Konsumenten. Zwar ist „Bio“ im Prinzip gut für die Natur, doch es stimmt nicht, dass Bio der Umwelt immer guttut.

          So ist Rindfleisch vom Öko-Bauern klimaschädlicher als konventionell erzeugtes Fleisch (siehe auch: Glückliche Hühner sind Klimasünder ), und Äpfel aus Übersee sind oft „grüner“ als das heimische Obst aus dem Kühlhaus (siehe auch: Wo der Kaffee wächst, stört das Klima nicht). Und wer mit einem Geländewagen zum Bio-Laden fährt, der vollbringt erst recht keine ökologische Großtat, sondern ist ein grüner Heuchler (siehe: Das richtige Fahrzeug rettet die Ökobilanz).

          Kommende Woche beginnt die Grüne Woche in Berlin. Diese Messe ist quasi die größte Lebensmitteltheke der Welt und bietet einen guten Blick auf Essgewohnheiten. Wer durch die endlosen Säle spaziert, erkennt bald, dass Öko noch immer ein Minderheitenthema ist. Denken die Deutschen ans Essen, so geht ihnen nicht der Klimaschutz durch den Magen, sondern sie lieben deftige und ökologisch völlig inkorrekte Köstlichkeiten.

          Eigentlich müsste Ministerin Aigner das vegetarische Leben preisen

          Agrar- und Verbraucherministerin Ilse Aigner will die Bürger auf dieser Grünen Woche ökologisch sensibilisieren und eine internationale Konferenz über Landwirtschaft und Klimawandel veranstalten. Wäre die Ministerin ehrlich, müsste sie auf dieser Konferenz vor allem das vegetarische Leben preisen – das in ökologischer Hinsicht das Beste wäre. Aber anstatt den Kunden den Appetit auf klimaschädliche Wurst zu vermiesen, will man eher abstrakt über die besonders hohen Treibhausgas-Emissionen in der Fleisch- und Milchproduktion debattieren.

          Bislang mussten sich Hersteller vor allem gegen den Vorwurf wehren, sie produzierten Dickmacher. Daher gibt es auf Packungen immer mehr Nährwertangaben, die den Appetit auf Süßes und Fettes drosseln sollen. Aber demnächst wird die Branche auch die Frage beantworten müssen, wie klimafreundlich ihre Produkte sind, wie groß also etwa der Kohlendioxid-Fußabdruck („carbon footprint“) oder der Wasserverbrauch eines Lebensmittels ist. Es droht eine neue Generation von Etiketten, die mehr verwirren als informieren.

          Zwar ist noch nichts entschieden, weder Frau Aigner noch die schwarz-gelbe Koalition haben sich bisher festgelegt. Julia Klöckner, Parlamentarische Staatssekretärin im Verbraucherministerium, ist gegen einen Schnellschuss: „Solange die methodischen Grundlagen nicht vereinheitlicht sind, ist es nicht sinnvoll, Verbraucher mit neuen Siegeln zu konfrontieren.“ Um die Orientierung im „Label-Dschungel“ zu erleichtern, wäre Frau Klöckner für eine Weiterentwicklung des deutschen Umweltzeichens „Blauer Engel“ zu einem „Klima-Engel“.

          Kaffee und Toilettenpapier mit Kohlendioxid-Fußabdruck

          Im Umweltbundesamt in Dessau ist man sicher, dass es bald ein „Klimasiegel“ gibt, wie es schon in etlichen Ländern existiert. Als Marketinginstrument wäre es auch höchst attraktiv, um die nach ökologischer Korrektheit strebenden Kunden in den Laden zu locken. Vorreiter des Siegels war vor drei Jahren der britische Handelskonzern Tesco. In der Schweiz gibt es ein derartiges Label bei Migros und Coop, ebenso in Schweden. Auch die französische Supermarktkette Casino will demnächst den Kohlendioxid-Fußabdruck von 3000 Produkten ermitteln.

          In Deutschland zögert die Wirtschaft noch. Aber zehn Unternehmen aus Industrie und Handel haben in einem Pilotprojekt schon einmal geübt, wie man den „Product Carbon Footprint“ (PCF) für Waren berechnet, die vom Toilettenpapier bis zum Kaffee reichten. Nun wartet man noch auf einen internationalen ISO-Standard, bevor ein Siegel eingeführt wird.

          Denn Öko-Bilanzen müssen notfalls vor Gericht bestehen, wenn Firmen gegen Konkurrenten vorgehen, die ihre Produkte ökologischer machen wollen und mit ihren grünen Botschaften womöglich das Blaue vom Himmel versprechen.

          Ein Fünftel der Treibhausgase entfallen auf die Ernährung

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