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Klimaschutz : Wie die Kohle von allein verschwindet

Bild: dpa

Ein festes Datum für den Ausstieg aus der Kohleverstromung ist überflüssig. Mit einem hohen CO2-Preis lohnen sich die Kraftwerke ohnehin nicht mehr.

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          Um nichts wurde auf dem UN-Klimagipfel in Glasgow so erbittert gerungen wie um den Kohleausstieg. Aus gutem Grund: Fachleute sind sich einig, dass die Welt keine Chance hat, den Klimawandel halbwegs einzudämmen, wenn der Klimafrevel der Kohleverstromung nicht rasch beendet wird. Aber große und energiehungrige Schwellenländer wie China und Indien decken damit eben gut zwei Drittel ihres Strombedarfs. Am Ende wurde in Glasgow ein Kompromiss gefunden, die Kohleverstromung soll nicht beendet, sondern nur „heruntergefahren“ werden, heißt es in der Abschlusserklärung, der auch Peking und Neu- Delhi zustimmten.

          Wenn der Druck auf die Schwellenländer wächst, auf die Kohle zu verzichten, muss sich dann nicht auch Deutschland mehr anstrengen und seine Kohlekraftwerke früher abschalten, um glaubwürdig zu bleiben? Nach den bisherigen Plänen wollen sich die Deutschen mit dem Kohleausstieg bis 2038 Zeit lassen. Das ist zu spät, wenn Europas größte Volkswirtschaft, wie angekündigt, noch vor der Jahrhundertmitte klimaneutral werden soll. So rechnen es nicht nur „grüne“ Denkfabriken wie Agora Energiewende vor, sondern auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der in einer kürzlich veröffentlichten Studie dafür wirbt, den Kohlestrom schon 2030 abzustellen.

          Die Berliner Ampelkoalitionäre, die sich anschicken, die nächste Bundesregierung zu bilden, wollen sich dagegen nicht festlegen. In ihrem Mitte Oktober veröffentlichten Sondierungspapier heißt es nur, es sei ein „beschleunigter Ausstieg aus der Kohleverstromung“ notwendig, der „idealerweise“ bis 2030 geschafft werden solle. SPD, Grünen und FDP bekamen für diese wenig entschlossen klingende Formulierung viel Kritik zu hören.

          Was nützen Absichtserklärungen?

          Tatsächlich aber führt die Forderung, die nächste Regierung müsse unbedingt ein früheres Datum für den Kohleausstieg dekretieren, in die Irre. Was wäre damit schon gewonnen? Eine weitere Absichtserklärung für ein Ziel, das erst in der übernächsten Legislaturperiode erreicht werden soll, mehr nicht.

          Das eigentliche Problem liegt woanders: Wenn es SPD, Grüne und FDP ernst meinen mit dem schnellen Kohleausstieg, dann müssen sie gesellschaftliche Mehrheiten für unpopuläre Maßnahmen gewinnen. Erstens sind höhere CO2-Preise nötig, damit der emissionsintensive Kohlestrom mit seinen wahren ökologischen Kosten belegt wird. Das birgt sozialen Sprengstoff, weil Geringverdiener erst einmal stärker belastet werden als Wohlhabende. Aber steigende Preise wirken. Großbritannien zum Beispiel hat 2013 eine CO2-Steuer eingeführt, die den damals extrem niedrigen Preis im Emissionshandel aufstockte. Der Anteil des Kohlestroms hat sich daraufhin binnen weniger Jahre drastisch verringert.

          Ein höherer CO2-Preis allein reicht jedoch nicht. Es braucht auch kostengünstige und klimafreundliche andere Stromquellen, und zwar in rauen Mengen. Schließlich müssen nicht nur die Kohlekraftwerke, sondern auch die Atommeiler ersetzt werden, die Deutschland schon Ende 2022 abschaltet. Kohle- und Atomstrom zusammen machten zuletzt mehr als ein Drittel der deutschen Stromerzeugung aus.

          Strombedarf wächst

          Zugleich wird der Strombedarf in den kommenden Jahren wegen des Klimaschutzes im Verkehr, beim Heizen und in der Industrie stark steigen. Manche Prognosen lauten, dass Deutschland bis Ende des Jahrzehnts 40 Prozent mehr Strom benötigen wird. Dafür wird es mehr Gaskraftwerke brauchen und vor allem sehr viel mehr Strom aus erneuerbarer Energie. Ihr Ausbau muss mindestens verdoppelt werden. Windräder und Solarparks sind jedoch bei vielen Bürgern hochgradig unbeliebt, jedenfalls dann, wenn sie vor der eigenen Haustür gebaut werden.

          Der Kohleausstieg wird also ungemütlich. Wer ihn will, der muss auch für höhere CO2-Preise sein, für mehr Windkraft und Solarenergie. Dann werden die Kohlekraftwerke schnell und von ganz allein verschwinden. Ein staatlich verordnetes Abschaltdatum ist wohlfeil und überflüssig.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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