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F.A.Z. exklusiv : Wichtige Wasserstoff-Allianz wackelt

Energiewende in Marokko: Windpark in der Nähe der Stadt Tanger Bild: Johannes Pennekamp

Die vielgepriesene Kooperation mit Marokko steht laut Auswärtigem Amt plötzlich „auf dem Prüfstand“. Erste Wirtschaftsvertreter stellen sich schon auf eine deutliche Verschiebung ein.

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          Deutschland wird auf dem Weg in die Klimaneutralität Stand jetzt deutlich mehr auf Ökostrombasis erzeugten, grünen Wasserstoff brauchen, als hierzulande produziert werden kann. Die Bundesregierung setzt deshalb auf Energiepartnerschaften mit dem Ausland. Für deren Aufbau sind in der nationalen Wasserstoffstrategie 2 Milliarden Euro vorgesehen.

          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Als großer Hoffnungsträger unter den künftigen Wasserstoff-Lieferanten gilt Marokko, das mit viel Wind und Sonne sowie geografischer Nähe punkten kann. Eine „Allianz“ hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Juni 2020 geschmiedet, die Pläne für den Bau eines ersten Hybridkraftwerks mitsamt Meerwasserentsalzungsanlage und 100-Megawatt-Elektrolyseur sind weit gediehen. Im März antwortete die Bundesregierung auf eine Grünen-Anfrage, die Umsetzung der „Referenzanlage“ in Marokko liege „im Zeitplan“.

          Plötzlich aber sind die Zweifel an der Realisierung groß. Gab es bislang skeptische Einwände, Marokko könne den kostbaren Energieträger auf dem Weg zur Klimaneutralität mittelfristig selbst brauchen, droht die deutsch-marokkanische Wasserstoff-Partnerschaft wegen diplomatischer Verstimmungen nun schon zu Beginn zu platzen.

          „Aufgrund der aktuellen Entwicklung auf dem Prüfstand“

          Grund ist die deutsche Haltung zur Westsahara: Berlin hatte die Entscheidung der Amerikaner, Marokkos Souveränität über das Gebiet anzuerkennen, kritisiert. Daraufhin hat das Königreich die Bundesrepublik der Feindseligkeit bezichtigt und Anfang Mai seine Botschafterin aus Berlin abgezogen. Die deutsch-marokkanische Zusammenarbeit in der Entwicklungspolitik wurde ausgesetzt. Ob die Wasserstoffproduktion wirklich wie geplant schon bald starten kann, ist fraglich.

          Das Auswärtige Amt bestätigt die Zweifel in einer Antwort auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion, die der F.A.Z. vorliegt. Darin heißt es: „Die deutsch-marokkanische Wasserstoffallianz gründet auf einer langjährigen, erfolgreichen Entwicklungszusammenarbeit und der deutsch-marokkanischen Energiepartnerschaft. Diese Kooperation bleibt aus Sicht der Bundesregierung in beiderseitigem Interesse, steht aber aufgrund der aktuellen Entwicklung auf dem Prüfstand.“ Und weiter: „Sollte sich die derzeitige Situation verstetigen, können nach Einschätzung der Bundesregierung negative Folgen für die Geschäftsanbahnung und die Attraktivität des Marktes nicht ausgeschlossen werden.“

          Deutsches Geld soll bis auf Weiteres keines fließen. „Mittel werden nur ausgezahlt, wenn der Partner seinen vertraglichen Verpflichtungen nachkommt“, stellt das Auswärtige Amt klar. Eine Sprecherin der KfW taxiert die Projektkosten für die Referenzanlage in Marokko auf 325 Millionen Euro. Geplant sei, einen „Großteil“ der Projektkosten durch Darlehen und Zuschüsse der Förderbank zu finanzieren. Doch auch vonseiten der KfW heißt es nun: „Aktuell werden laufende Projektaktivitäten verschoben. In welchem Umfang dies zu Verzögerungen bei der Umsetzung des Projekts führen wird, können wir derzeit noch nicht sagen.“

          „Marokko war immer ein Stabilitätsanker“

          Erste Wirtschaftsvertreter stellen sich schon auf eine deutliche Verschiebung ein. „Ich glaube nicht, dass die diplomatischen Verstimmungen mit Marokko kurzfristig ausgeräumt werden können“, sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Dafür gebe es aber in anderen afrikanischen Ländern Fortschritte.

          Dort entstehe derzeit eine Vielzahl neuer Projekte unter Beteiligung deutscher Unternehmen, die vor allem auf eine Abnahme des Wasserstoffs im Rahmen des H2global-Projekts des Bundeswirtschaftsministeriums setzen; im Unterschied zu der vom Entwicklungsministerium verantworteten Partnerschaft mit Marokko wird dabei auf kosteneffizientere Differenzverträge statt klassische Kredite gesetzt.

          „Das erscheint mir aussichtsreicher“, sagt Liebing. „Und wer weiß, ob ein marokkanisches Pilotprojekt in einem oder zwei Jahren noch große Bedeutung hat, wenn in anderen Ländern bereits Wasserstoff produziert und nach Deutschland geliefert wird.“

          Christoph Hoffmann, der entwicklungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, warnt indes davor, das nordafrikanische Königreich vorschnell abzuschreiben. „Eine Drohkulisse gegenüber Marokko aufzubauen und zu behaupten, die Projekte für grünen Wasserstoff seien gefährdet, ist nicht im Interesse Deutschlands“, sagt er. Schließlich brauche Deutschland für eine CO2-freie Zukunft dringend grünen Wasserstoff. „Marokko war immer ein Stabilitätsanker in Nordafrika, umso wichtiger wäre ein Besuch des Außenministers in Marokko, um die Wogen zu glätten“, meint Hoffmann.

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