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Start der Grünen Woche : Die Macht der Bauern

  • -Aktualisiert am

Proteste der Landwirte in Berlin Bild: dpa

Umweltschützer sagen: Wir haben es satt. Die Landwirte kontern: Wir machen euch satt. Die Landwirtschaft entzweit die Gesellschaft wie kaum ein anderes Thema. Es ist höchste Zeit für Veränderungen.

          3 Min.

          Pünktlich zum Beginn der Grünen Woche stehen sich die Befürworter und Gegner einer Agrarwende wieder unversöhnlich gegenüber. Die in Berlin stattfindende Landwirtschaftsmesse gilt als die größte Veranstaltung dieser Art weltweit. Und sie ist die perfekte Bühne sowohl für Bauern als auch für Naturschützer, um für ihre Interessen zu werben. Während am Samstag das Bündnis „Wir haben es satt“ ein weiteres Mal mit Tausenden Teilnehmern gegen die industrielle Landwirtschaft, die Massentierhaltung und die Überdüngung der Böden protestieren will, kontern die Landwirte, genervt von der Kritik an ihrer Arbeit: „Wir machen euch satt!“

          Die Landwirtschaft entzweit die Gesellschaft derzeit so sehr wie kaum ein anderes Thema. Angetrieben auch von der „Fridays for Future“-Bewegung haben sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) im Herbst auf ein Agrarpaket geeinigt, das unter anderem strengere Regeln für den Insektenschutz vorsieht und die Basis für ein staatliches Tierwohllabel schafft. Auch die Verschärfung der Düngeverordnung haben sie auf den Weg gebracht. In Regionen mit viel Nutztierhaltung soll künftig weniger Gülle auf die Felder. Den Bauern stinkt das, sie fühlen sich von Politik und Gesellschaft gegängelt. Ende November gipfelten die Proteste in einer Kundgebung am Brandenburger Tor, zu der Landwirte aus ganz Deutschland mit knapp 9000 Traktoren anrückten.

          Von Landwirten Veränderungen einfordern

          Seitdem wächst in Berlin die Sorge, dass aus dem Protest eine deutsche „Gelbwesten“-Bewegung werden könnte, die wie in Frankreich das Land lahmlegt und zu einer Gefahr für die ohnehin angeschlagene Bundesregierung wird. Wie groß die Nervosität ist, zeigt sich an der kommunikativen Wende, die die Landwirtschaftsministerin dieser Tage vollzieht. Zu Beginn ihrer Amtszeit war Klöckner anders als ihre Vorgänger noch demonstrativ auf Distanz zu den Landwirten gegangen. Als der Bauernverband im Sommer 2018 eine Milliarde Euro Dürrehilfe forderte, entgegnete die Ministerin, sie wolle erst mal sehen, wer wirklich in seiner Existenz bedroht sei. Neuerdings zielt ihre Kritik dagegen vor allem auf den Einzelhandel, der Fleisch zu „unanständigen“ Preisen anbiete, und auf die Verbraucher, die partout nicht mehr Geld für Lebensmittel ausgeben wollen. Die Lockvogelangebote sollen sogar Thema eines Spitzentreffens im Kanzleramt werden. Es wäre das zweite innerhalb weniger Monate zur Landwirtschaft.

          Der Wink in Richtung Verbraucher ist zweifellos richtig. Es gehört zu den Widersprüchlichkeiten des Alltags, dass die Deutschen zwar einerseits weniger Pestizide und mehr Platz für Schweine, Hühner und Rinder in den Ställen fordern, im Supermarkt aber weiter die billigeren Produkte aus der konventionellen Landwirtschaft kaufen. Von allen Fleisch- und Wurstwaren, die in Deutschland über die Theke gehen, stammen nicht einmal 2 Prozent aus Biobetrieben. Bei Obst und Gemüse liegt der Anteil zwar etwas höher, aber immer noch unter 10 Prozent. Auch die mittlerweile zahlreichen Hinweise auf regionale Lebensmittel ignorieren viele Verbraucher getrost, obwohl sie damit die heimischen Landwirte unterstützen könnten.

          Grundlegende Reform der Agrarsubventionen

          Doch bei aller berechtigten Kritik am Einkaufsverhalten der Deutschen sollte die Politik auch von den Landwirten Veränderungen einfordern. Das gilt allen voran für die Verschärfung der Düngeverordnung. Besonders in Regionen mit viel Tierhaltung sind die Nitratwerte im Grundwasser seit Jahren zu hoch, was vor allem für die Gesundheit von Kindern gefährlich ist. Das muss sich ändern, und zwar nicht, indem nun die Messstellen verlegt werden, wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kürzlich angedeutet hat – ein weiteres Beispiel, wie groß die Angst vor dem Zorn der Bauern ist. Vielmehr muss der Einsatz von Dünger in den belasteten Regionen sinken, womöglich auch die Zahl der Tiere auf einer bestimmten Fläche.

          Höchste Zeit ist es auch für eine grundlegende Reform der Agrarsubventionen. Zuletzt erhielten die deutschen Landwirte rund 6 Milliarden Euro im Jahr aus Brüssel. Der größte Teil bemisst sich allein nach der Fläche eines Hofes. Das verstärkt nicht nur den Trend zu immer größeren Betrieben, sondern treibt auch die Bodenpreise in die Höhe. Finanzinvestoren kaufen in großem Stil Ackerland auf. Das Nachsehen haben konventionell wirtschaftende Landwirte, die gerne auf Bio umstellen würden, dafür aber mehr Fläche benötigen. Dass dieses Fördersystem nicht mehr zeitgemäß ist, dass ein größerer Anteil an Nachhaltigkeitsziele geknüpft werden sollte, liegt auf der Hand. Der Autoindustrie hat die Politik zu lange suggeriert, alles könne so weitergehen wie gehabt. Diesen Fehler sollte sie bei den Landwirten nicht wiederholen.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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