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Versprechen von Shell : Gibt es klimaneutrales Tanken?

Mit besserem Gewissen tanken? Shell will das ermöglichen. Bild: dpa

Shell will grüner werden – und bietet den Kunden jetzt „klimaneutrales“ Tanken ohne schlechtes Gewissen an. Kritiker halten das für ein Ablenkungsmanöver.

          2 Min.

          Den dicken SUV oder den Sportwagen an der Zapfsäule volltanken – und trotzdem kein schlechtes Gewissen haben wegen des Klimawandels? Genau das verspricht jetzt Europas größter Mineralölkonzern Shell den deutschen Autofahrern: Ab dem Frühjahr sollen sie an allen Shell-Stationen im Land „klimaneutral“ konventionelles Benzin und Diesel zapfen können. Auch Kunden in Österreich und der Schweiz bekommen diese Möglichkeit.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und so soll das neuartige Angebot funktionieren: Der Kunde bezahlt zum regulären Kraftstoffpreis einen Zuschlag von gut einem Cent je Liter. Shell verpflichtet sich im Gegenzug, mit diesen Extraerlösen die Aufforstung von Wäldern etwa in Peru und Indonesien zu finanzieren. Die neugepflanzten Bäume sollen dieselbe Menge an Kohlendioxid aufnehmen, die durch das Verbrennen der Tankfüllung im Motor freigesetzt wird.

          Shell ist mit einem Marktanteil von 20 Prozent die Nummer zwei im deutschen Tankstellenmarkt, knapp hinter der BP-Sparte Aral. Jeden Tag werden an den fast 2000 deutschen Shell-Stationen mehr als eine Million Kunden bedient. Shell ist der erste große Ölkonzern, der seinen Kunden einen solchen CO2-Ausgleich an der Zapfsäule anbietet. Das Unternehmen hat ein ähnliches Programm auch schon in den Niederlanden gestartet. Dort zahlt derzeit etwa jeder sechste Kunde freiwillig einen Klimaschutzaufschlag. In Großbritannien bietet Shell den CO2-Ausgleich für alle Kunden ohne Aufpreis an.

          „Es hilft nicht, nichts zu tun“

          Ist das Klimaschutz-Tanken ein pragmatischer Beitrag oder bloß Augenwischerei und Ablasshandel? Der zuständige Shell-Manager Jan Toschka gesteht zumindest, dass man über diese Frage auch lange intern diskutiert habe. Seine Antwort: „Auch wenn die Vermeidung von CO2 sicherlich besser wäre, so hilft es nicht, nichts zu tun.“ Millionen von konventionellen Autos würden nun mal nicht über Nacht von den Straßen verschwinden.

          Shell argumentiert, dass im vergangenen Jahr weiterhin neun von zehn neu zugelassenen Fahrzeuge in Deutschland einen konventionellen Verbrennungsmotor unter der Haube hatten. Auch dieser großen Mehrheit der Autofahrer wolle man ein Angebot zum Klimaschutz machen. Parallel baue der Konzern sein Netz an Elektroladestellen aus, kündigte Toschka an. Die Zahl der geplanten „Ultraschnellladepunkte“ an deutschen Shell-Tankstellen solle auf 200 verdoppelt werden. An diesen könnten Besitzer von Elektroautos „mehrere hundert Kilometer Reichweite in wenigen Minuten aufladen“, verspricht Toschka.

          Es gibt aber auch Kritik an Shells Vorstoß: Während der Konzern versichert, es werde streng überprüft, dass die Aufforstungen tatsächlich die versprochene CO2-Speicherung erbringen, bleiben Fachleute skeptisch. In der Praxis funktioniere dies nur selten, sagt William Todts, Direktor der Umweltschutzorganisation Transport and Environment in Brüssel. Selbst wenn der CO2-Ausgleich gelinge, werde dadurch in erster Linie die Notwendigkeit verschleiert, dass alle ihre Klimagasemissionen senken müssten. „Bäume zu pflanzen lenkt nur von der eigentlichen Herausforderung ab, vor der Ölkonzerne wie Shell stehen“, warnt Todt. „Sie müssen ihr Geschäftsmodell grundsätzlich ändern.“ Das Unternehmen solle lieber sein Ladenetz für Elektroautos entschlossener ausbauen und neue klimaschonende Treibstoffe für Flugzeuge entwickeln.

          Dass die Aufforstung von Wäldern einen relevanten Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, darüber ist sich die Fachwelt zwar weitgehend einig. Wie groß genau dieses Potential ist, bleibt aber umstritten. Wissenschaftler der ETH-Zürich sorgten vergangenes Jahr international für Aufsehen, als sie prognostizierten, dass sehr große neue Wälder zwei Drittel der gesamten globalen Kohlenstoff-Emissionen seit Beginn der Industrialisierung speichern könnten. Andere Experten halten diese Schätzung für viel zu optimistisch.

          Shell hat Ende 2018 als erster großer Ölkonzern ein umfassendes Langfristziel zur Senkung seiner Klimagasemissionen ausgegeben. Bis 2035 sollen diese, relativ zur Produktionsmenge, um ein Fünftel und bis zur Mitte des Jahrhunderts um die Hälfte sinken. Das Besondere daran: In diesen CO2-„Fußabdruck“ rechnet der Konzern auch die Emissionen der Kunden mit ein – also den Ausstoß, der durch das Verbrennen der Kraftstoffe entsteht, die Autofahrer bei Shell zapfen.

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