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Öl-Riesen Saudi Aramco und BHP : Wie der Klimawandel den Öl- und Gassektor aufmischt

Vor dem Abschied von den flüssigen fossilen Brennstoffen: Ölplattform des Rohstoffkonzerns BHP Billiton im Golf von Mexiko Bild: VIA BLOOMBERG NEWS

Ein Milliardendeal nach dem anderen: Die ganze Ölindustrie stellt sich angesichts des Klimawandels neu auf. Manche wollen sich von fossilen Brennstoffen trennen – anderen setzen genau darauf.

          3 Min.

          Der Klimawandel mit seinen wachsenden Zwängen für die Unternehmen treibt einen immer schnelleren Umbau der Ölindustrie voran. In Australien haben der Bodenschatzriese BHP und Shell-Partner Woodside Petroleum am Montagmittag bestätigt, über eine Großtransaktion zu verhandeln. Zeitgleich spricht Saudi Aramco mit dem größten indischen Konglomerat, Reliance Industry des Multimilliardärs Mukesh Ambani, über einen Einstieg in dessen Öl- und Chemiegeschäft. Die Araber wollten rund 20 Prozent der Konzerneinheit für geschätzte 20 bis 25 Milliarden Dollar übernehmen, heißt es im Markt. Gerade erst haben sich Santos und die australische Oil Search auf deren Übernahme für 8,2 Milliarden australische Dollar (5,12 Milliarden Euro) geeinigt. Seit Jahresbeginn hat der Preis für Rohöl um rund 35 Prozent auf fast 70 Dollar je Fass (Barrel) zugelegt.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          BHP würde sich mit dem Weiterreichen seines gesamten Öl- und Gasgeschäfts vollständig aus den flüssigen fossilen Brennstoffen verabschieden und damit seine Klimabilanz sprunghaft verbessern. Der australische Ölkonzern Woodside würde in seinem Kerngeschäft einen wesentlich tieferen Marktzugang vor allem im Golf von Mexiko, Trinidad und in Australien gewinnen. Die Bank JP Morgan schätzt den Wert des Öl- und Gasgeschäftes von BHP auf rund 18 Milliarden Dollar. Nach einer Übernahme wäre Woodside der größte australische Öl- und Gaskonzern mit einer Marktkapitalisierung von geschätzten 40 Milliarden australische Dollar und einer der größten Flüssiggasproduzenten der Welt, mit Vorkommen in sehr risikofreien Fördergebieten.

          „Attraktive Renditen“?

          Die Transaktion wird von zwei Frauen ausgehandelt: Geraldine Slattery, die das globale Ölgeschäft von BHP aus dem amerikanischen Houston leitet, flog am Wochenende in das eigentlich für jede Einreise geschlossene Perth in Westaus­tralien, heißt es. Dort spricht sie mit Meg O’Neill, die Übergangsvorstandschefin von Woodside ist. Slattery war im Markt als eine der Kandidatinnen für die Rolle der Vorstandschefin von Woodside gehandelt worden, nachdem Vorstandschef Peter Coleman zurückgetreten war.

          Analysten begrüßten das Vorhaben am Montagnachmittag, auch weil Santos damit weiteren Zugriff auf die beiden Gasfelder North West Shelf und Scarborough vor der Küste Westaustraliens bekommt. Von hier aus wird nicht nur Australien zu Teilen, sondern auch Ostasien mit Flüssiggas versorgt.

          Nach dem Verkauf des Geschäftsbereichs Kraftwerkskohle käme der neue Vorstandschef von BHP, Mike Henry, dem eigenen Ziel näher, den fossilen Anteil seiner Fördermengen zu verringern. Ende 2019 hatte Slattery vor Investoren noch von „attraktiven Renditen“ bei Öl und Gas über viele Jahre geschwärmt. Allerdings spekuliert der Markt, BHP werde nach dem Verkauf an Woodside einen Anteil von rund 20 Prozent an dem westaustralischen Ölkonzern halten – und wäre damit immer noch im Ölgeschäft tätig, allerdings nur noch als Finanzbeteiligung.

          In einer Mitteilung von BHP heißt es, der Konzern prüfe verschiedene Wege, einer davon sei der Verkauf gegen Aktien an Woodside. Die Aktie des Konzerns aus dem westaustralischen Perth gab am Monat in Sydney um fast 4 Prozent an Wert nach. Das Papier von BHP, das vor der Bilanzvorlage am morgigen Dienstag um seinen Rekordstand pendelt, verlor knapp 0,3 Prozent. Woodside wird seine Halbjahreszahlen am Mittwoch vorlegen.

          Inder und Saudis in Gesprächen

          In Indien gewann die Reliance-Aktie am Montag rund 2,6 Prozent. Auch hier solle der Einstieg der Saudis mit Aktien bezahlt werden, heißt es. Gemessen an der Marktkapitalisierung der weltgrößten Ölgesellschaft in Höhe von rund 1,9 Billionen Dollar, könnte sich Reliance einen Anteil von etwa einem Prozent sichern.

          Wichtiger erscheint die sicherere Versorgung mit Öl für die Raffinerien der Inder. Im Juni hatte Ambani den Vorsitzenden des Verwaltungsrates von Aramco, Yasir Al-Rumayyan, in das eigene Aufsichtsgremium aufgenommen. Beide Unternehmen teilten schon mit, sie prüften eine gegenseitige Beteiligung. Die Verhandlungen sollen noch in diesem Jahr abgeschlossen werden.

          Kronprinz Muhammad Bin Salman hatte im April gesagt, Aramco sei in Gesprächen, ein Prozent an ein „führendes Energieunternehmen der Welt“ abzugeben. Einen Namen nannte er nicht. Zuvor hatte die saudische Regierung einen Anteil von 2 Prozent an Aramco für rund 30 Milliarden Dollar an die Börse gebracht.

          Mit etwa 60.000 Barrel jährlich verkaufen die Araber etwa ein Zehntel ihres Gesamtexports nach Indien. Das Ziel der Saudis ist, ihre eigene Raffineriekapazität zu erhöhen und so größere Margen in einem volatilen Ölgeschäft zu erzielen. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hatte noch am Sonntag angekündigt, den enormen Import fossiler Energieträger über die nächsten 25 Jahre deutlich verringern zu wollen und in Indien eine Wasserstoff-Wirtschaft aufzubauen.

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