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Krise der Windkraftbranche : Enercon plant drastischen Umbau

Teil einer Enercon-Windanlage von oben Bild: Reuters

Der Ausbau der Windkraft ist in Deutschland nahezu zum Erliegen gekommen. Darunter leidet Enercon. Aber auch hausgemachte Probleme belasten den Windanlagenhersteller. Jetzt will er weitere Stellen kappen.

          3 Min.

          Der Windanlagenhersteller Enercon steckt seit Monaten in einer Krise. Das verschwiegene Unternehmen aus Aurich in Ostfriesland, einer der größten Turbinenhersteller der Welt, hat eine zu komplexe Struktur und arbeitet zu teuer. In der aktuellen Lage, in der Corona den schwachen Markt für Windräder zusätzlich belastet, ist der Fortbestand des Unternehmens dadurch in Gefahr.

          Christian Müßgens
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Schon im vergangenen Jahr hatte der Konzern angekündigt, 3000 Arbeitsplätze streichen zu wollen. Jetzt treibt er seinen Umbau weiter voran, was noch mehr Stellen kosten wird. „Unsere Absatzmärkte werden sich stark verändern“, sagt der Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig. „Für diese Herausforderung muss Enercon sich rüsten, auch wenn es manchmal wehtut.“

          Auf dem Weg zu einer neuen Ausrichtung hat Enercon vor wenigen Tagen eine Zwischenetappe geschafft. Wie Kettwig und weitere Mitglieder des Managements am Mittwoch in einer Telefonkonferenz mit der F.A.Z. mitteilten, hat das Unternehmen sich mit einer Gruppe aus zehn Banken auf eine neue Finanzierung im Umfang von 1,15 Milliarden Euro geeinigt.

          Das Unternehmen will Auslandsmärkte ins Visier nehmen

          550 Millionen Euro entfallen auf die Verlängerung bestehender Darlehen. Den Rest bildet eine neue Garantielinie, die aus Sicht des Finanzchefs Thomas Cobet ein wichtiger Baustein des zukünftigen Geschäftsmodells ist. Sie helfe vor allem in der Internationalisierung, sagte er in dem Call. „Denn damit können wir auch die verschiedenen Arten von Garantien leisten, die in vielen Auslandsmärkten gerade bei Großprojekten gefordert werden.“

          Cobet zufolge will das Unternehmen, das stark von Deutschland abhängt, in Zukunft verstärkt Auslandsmärkte in Europa, aber auch in Asien oder Südamerika ins Visier nehmen. Da dies teilweise eine Fertigung vor Ort erfordert, mussten zuletzt mehrere Zulieferbetriebe in Deutschland, die eng mit Enercon assoziiert sind, den Betrieb einstellen. In den nächsten Monaten soll der Umbau weitergehen, wobei sich Enercon offenbar von dem Modell abkehrt, möglichst viel Wertschöpfung in der eigenen Hand zu behalten.

          „Wir werden im Zuge unserer Neuausrichtung einzelne Standorte und das damit verbundene Geschäft an externe Investoren abgeben“, kündigte der für die Restrukturierung ins Unternehmen geholte Manager Martin Prillmann an. „So können wir sicherstellen, dass Standorte erhalten bleiben und der Konzern gleichzeitig flexibler wird.“ Um einen weiteren Stellenabbau werde die Gruppe in diesem Zusammenhang „nicht herumkommen“, fügte er hinzu.

          „Das ist nötig, um unsere Kosten im Anlagenbau auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen.“ Wie viele zusätzliche Arbeitsplätze auf der Kippe stehen, sagte er nicht. In Summe beschäftigt das Unternehmen, das in den achtziger Jahren vom Ingenieur Aloys Wobben gegründet worden war, in seinen Gesellschaften rund 18.000 Mitarbeiter.

          Zum neuen Aufbau der Geschäfte gehört auch ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Energieversorger EWE aus Oldenburg, über das noch verhandelt wird. Konzernchef Kettwig gibt sich optimistisch, dass die Gespräche im Herbst, spätestens aber im Winter abgeschlossen und die Verträge unterschrieben werden.

          Hemmnisse in Deutschland haben das Geschäft abgewürgt

          In das Joint Venture will Enercon den Betrieb von Windparks und die Energievermarktung einbringen, ein Geschäft, das bislang eine zweite Säule neben dem Anlagenbau war. Kettwig beschreibt den Schritt als „Zellteilung“, die eine Konzentration auf Turbinenproduktion ermöglicht. „Wir können nicht auf zwei Hochzeiten tanzen in einer Zeit, in der sich die ganze Industrie neu ausrichten muss.“

          Vor allem in Deutschland waren zuletzt die Schwierigkeiten gewachsen, nachdem der Zubau aller Hersteller wegen Bürgerprotesten, komplexer Genehmigungen und anderer Hemmnisse hierzulande fast zum Erliegen gekommen war. Im Offshore-Markt will die Bundesregierung das Geschäft mit neuen Zielvorgaben in Schwung bringen, wie am Mittwoch bekanntwurde.

          Auch für Parks im Binnenland, auf die sich Enercon konzentriert, sollen die Bedingungen besser werden. Kurzfristig bleibe das Geschäft aber gedämpft, erwartet Kettwig. „Ich gehe davon aus, dass sich der deutsche Markt im laufenden Jahr nicht viel besser entwickelt als im Jahr 2019.“ Mindestens bis 2022 werde die Durststrecke weitergehen.

          Die fortgesetzte Flaute in der Bundesrepublik ist einer der Gründe, warum Enercon weiter Verluste schreibt, nachdem vergangenes Jahr ein Minus in dreistelliger Millionenhöhe zu Buche schlug. „Wegen der schwierigen Marktentwicklung und weiterer Kosten für unsere Restrukturierung werden wir auch im laufenden Jahr Verlust machen“, sagt Finanzchef Cobet. „Das Minus wird aber im Vergleich zum Vorjahr deutlich niedriger ausfallen.“

          Die neuen Vorstöße dürften die Gewerkschaften alarmieren, die schon lange mit Enercon auf Kriegsfuß stehen. Hintergrund ist der Umgang mit Betriebsräten, die der längst aus dem Tagesgeschäft ausgeschiedene Gründer Wobben stets auf Abstand halten wollte, eine Strategie, die die IG Metall dem Unternehmen auch heute noch vorwirft. Sanierungsfachmann Prillmann weist die Vorwürfe zurück.

          „In den Gesellschaften, in denen es Betriebsräte gibt, werden die Arbeitnehmervertreter selbstverständlich in die Planung für unseren Umbau eingebunden. Das wurde immer so gemacht.“ Vertreter der Belegschaft sehen hingegen Defizite, deren Gründe auch in der verschachtelten Konzernstruktur liegen.

          Der nach außen hin einheitlich auftretende Maschinenbauer Enercon ist ein weit verzweigtes Netzwerk aus Tochtergesellschaften im In- und Ausland. Diese gehören zum Teil der Unternehmensholding UEE mit Sitz in Aurich, die wiederum von der Aloys Wobben Stiftung kontrolliert wird. Dieser schwer durchschaubare Aufbau diene dem Zweck, Mitbestimmung zu verhindern, sagt die IG Metall. Enercon bestreitet das.

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