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Energiewende in Deutschland : 800.000 Fachkräfte für die Klimaneutralität gesucht

In luftiger Höhe hängt ein Wartungsmonteur an einem Rotorblatt einer Windenergieanlage nahe Sieversdorf (Brandenburg). Bild: ZB

Für die CO2-Neutralität werden Hunderttausende zusätzliche Beschäftigte gebraucht – in Berufen, wo jetzt schon die Leute fehlen. Wie also Abhilfe schaffen?

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          Deutschland könnte für die Energiewende nicht nur der nötige Ökostrom fehlen, sondern auch das Personal. Damit Wirtschaft, Verkehr, Gebäude und Energiegewinnung klimaneutral werden, sind zwischen 2015 und 2050 Schätzungen zufolge Investitionen von 2150 Milliarden Euro erforderlich. Für die Herstellung dieser Investitionsgüter entsteht ein erheblicher Bedarf an Arbeitskräften: Allein im Jahr 2030 werden es 439.000 sein und 2035 rund 767.000. Davon müssen dann 58 Prozent Fachkräfte sein. Das ist das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Kurzstudie im Auftrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, die der F.A.Z. vorliegt.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Als besonders herausfordernd gilt, dass 40 Prozent des Arbeitskräftebedarfs für die Klimaneutralität auf Berufsgruppen entfallen, in denen die Bundesagentur für Arbeit schon jetzt einen Mangel an Fachkräften, Spezialisten und Experten festgestellt hat. Der größte Teil betrifft die Rohstoffgewinnung und Fertigung, gefolgt von Architektur, Vermessungs- und Gebäudetechnik. Ein weiteres Fünftel der relevanten Arbeitsplätze soll in Digitalisierungsberufen entstehen.

          Zu den wichtigsten „Klimaberufen“ überhaupt zählen der Studie zufolge Bürotätigkeiten, Maschinenbau- und Betriebstechnik, Hochbau, Unternehmensstrategie und Logistik. Zur Entschärfung empfehlen die Autoren einen Berufs- oder Branchenwechsel, doch brauche es dafür umfangreiche Qualifizierungsprogramme. Wünschenswert seien auch mehr Zuwanderung sowie eine steigende Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren.

          70 Milliarden Euro Investitionen pro Jahr

          Das Papier orientiert sich beim Mittelbedarf an Untersuchungen der Boston Consulting Group und des Instituts Prognos, wonach jedes Jahr rund 70 Milliarden Euro aufgewendet werden müssen. „Bei der Umsetzung dieser Investitionen für ein klimaneutrales Deutschland könnte es zu Engpässen an Arbeitskräften kommen“, warnen die Autoren Jürgen Blazejczak und Dietmar Edel, die früher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW gearbeitet haben. Demzufolge wird das meiste Geld in die wachsende Umweltverträglichkeit von Haushalten, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen fließen, knapp 690 Milliarden Euro oder 32 Prozent der Gesamtaufwendungen. Es folgen der Verkehr mit 655 Milliarden Euro vor, die Energie mit 580 und die Industrie mit 229 Milliarden Euro bis 2050.

          Die Grünen als Auftraggeber der Studie erwarten, dass der Arbeitskräftebedarf noch höher liegen wird, weil die Berechnungen die Landwirtschaft, den Forst und den Abfall nicht berücksichtigten. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Oliver Krischer erwartet weit mehr als eine Million Arbeitsplätze. Der Klimaschutz werde oft negativ gesehen, er sei aber nicht zuletzt ein Jobmotor und gebe einen Modernisierungsschub. Man müsse jetzt die Weichen dafür im Handwerk und an den technischen Hochschulen stellen: „Sonst haben wir in 15 Jahren einen hohen Bedarf an Fachkräften, aber nicht die entsprechend qualifizierten Leute.“

          Gerhard Zickenheiner, in der Fraktion für Nachhaltigkeit zuständig, spricht von neuen beruflichen Perspektiven: „Klimaschutz braucht neben guten Konzepten auch Fachkräfte, die diese in die Tat umsetzen.“ Um die richtige Aus- und Weiterbildung zu betreiben, brauche es möglichst früh Planungssicherheit und ausreichend Geld. „Wir wollen dafür ein Recht auf Weiterbildung und Qualifizierungskurzarbeit einführen“, so Zickenheiner.

          Derweil teilte das Umweltministerium mit, dass es ein Pilotprogramm für Klimaschutzverträge für die Stahl-, Zement-, Kalk- und Ammoniakindustrie entwickelt, das 2022 beginnen und möglicherweise auf andere Branchen ausgeweitet werden soll. Mit diesen „Carbon Contracts for Difference“ federt der Staat höhere Betriebskosten von Klimaschutztechniken übergangsweise ab, zum Beispiel in der Stahlproduktion, sofern grüner Wasserstoff anstelle billigerer fossiler Rohstoffe eingesetzt wird.

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