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Strom für Grüne Industrie : „Brutal günstig und unvorstellbar viel“

Der Frankfurter Industriepark Höchst, einem Standort der Pharma- und Chemieindustrie, bei Nacht im Januar 2020. Bild: Lucas Bäuml

Technisch ist eine klimaneutrale chemische Industrie zwar möglich, doch für die Umsetzung fordern Industrievertreter nun mehr und vor allem billigeren Ökostrom. Andernfalls werde die Energiewende nicht gelingen.

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          Die chemische Industrie hat mit drastischen Worten vor einem Scheitern der Energiewende gewarnt. „Wir brauchen brutal günstigen Strom und das in unvorstellbaren Mengen“, sagte Wolfgang Große Entrup, Geschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), bei der Vorlage der Jahresbilanz. Wenn die Industrie keine wettbewerbsfähigen Preise für Strom aus erneuerbaren Energien bekomme „und die auch noch vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“, werde sie den Umbruch nicht schaffen. Die im Herbst neu gewählte Bundesregierung müsse deshalb mit einem nationalen Kraftakt nach vorn gehen.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Die chemisch-pharmazeutische Industrie beschäftigt in Deutschland knapp 500.000 Menschen und ist gemessen am Umsatz nach den Autoherstellern und den Maschinenbauern der drittgrößte Industriezweig des Landes und der größte seiner Art in Europa. Die drastische Warnung der Chemielobby folgt auf die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, aus denen die Grünen gestärkt hervorgegangen waren.

          Dass die einst lautesten Kritiker der chemischen Industrie bald ein Teil der Bundesregierung seien könnten, sieht Große Entrup auch als Chance. Obwohl die Partei und die chemische Industrie nach wie vor bei vielen Themen auseinanderlägen, hätten auch die Grünen großes Interesse am Gelingen der Energiewende, und dafür müsse der Strom billiger werden. Die Industrievertreter suchen schon länger die Nähe zu der Ökopartei. BASF-Chef Martin Brudermüller ist in den wirtschaftspolitischen Beirat eingetreten. Nächste Woche trifft sich das VCI-Präsidium mit der Bundestagsfraktion zum wiederholten Gedankenaustausch. Wenn die EU treibhausgasneutral werden wolle, werde es „ohne sinnvolle politische“ Flankierung nicht gehen, sagte Große Entrup.

          Die chemische Industrie, eine der energieintensivsten Branchen, hat schon vor gut einem Jahr eine Studie vorgelegt, wonach sie den Ausstoß an Treibhausgasen bis Mitte des Jahrhunderts auf nahezu null reduziere könne. Technisch sei das machbar, allerdings seien dafür enorme zusätzliche Mengen Strom aus erneuerbaren Energien nötig. Anders seien die Produktionsprozesse nicht zu elektrifizieren. Die Autoren schätzen, dass sich der Strombedarf der chemischen Industrie bis Mitte der 2030er Jahre auf 628 Terrawattstunden mehr als verzehnfachen wird. Das wäre mehr als der gesamte deutsche Stromverbrauch aktuell und weit mehr als die im vergangen Jahr produzierten 251 Terrawattstunden an Ökostrom. Parallel müsste der Strompreis nach Einschätzung des VCI auf 4 Cent je Kilowattstunde fallen.

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          Die Industrie zahlt zwar nicht die für Privatverbraucher fälligen etwa 30 Cent – der Industriepreis bewegt sich aktuell bei 8 bis 10 Cent. Dennoch müssten die Preise weiter sinken. Selbst bei 6 Cent sei eine treibhausgasneutrale Chemie bis 2050 nicht möglich, die bis dahin nötigen zusätzlichen Investitionen von 45 Milliarden Euro in neue Anlagen nicht wirtschaftlich.

          Große Entrup warnte davor, die Erwartungen beim Ausbau der Wasserstoffversorgung nicht zu überfrachten. Man solle nicht von Anfang an ausschließlich auf grünen, also komplett aus erneuerbaren Energien gewonnenen Wasserstoff setzen. Als Übergang sei Wasserstoff aus Gas nötig, andernfalls werde die Industrie überfordert und Deutschland laufe Gefahr, zum „Industriemuseum“ zu werden.

          Der Bedarf an Ökostrom steigt

          Kritiker wie das Kölner Wirtschaftsforschungsinstitut EWI oder die Denkfabrik Agora Energiewende gehen davon aus, dass die Umstellung auf eine kohlendioxidarme Industrieproduktion in Deutschland, ein Zuwachs an Wärmepumpen und die Verbreitung der Elektromobilität den Strombedarf deutlich steigen lässt. Das Wirtschaftsministerium rechnet bis 2030 hingegen mit einem stagnierenden Verbrauch. Die Monitoring-Kommission der Energiewende hatte kürzlich die Ökostromförderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) als Innovationsbremse kritisiert und ein Ende der Förderung angemahnt. Erneuerbare Energien seien heute wettbewerbsfähig, wenn Netzentgelte, Abgaben, Steuern und Umlagen entsprechend angepasst würden.

          Die Chemieindustrie ist derweil mit einem blauen Auge durch die Corona-Krise gekommen und will schon in diesem Jahr wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Die Unternehmen hätten kaum Staatshilfe in Anspruch genommen, weniger als 10 Prozent hätten über Liquiditätsprobleme geklagt, heißt es vom VCI. Zombieunternehmen gebe es in der Branche nicht. Selbst zum Höhepunkt der Krise seien nur 10 Prozent der Beschäftigten in Kurzarbeit gewesen.

          Glimpflich aus der Krise

          Nach Einschätzung der Verbandsvertreter könnte der Branchenumsatz nach einem Rückgang um 4,4 Prozent in diesem Jahr wieder um 5 Prozent auf gut 200 Milliarden Euro steigen. Im vierten Quartal habe die Nachfrage stark angezogen, die Stimmung in den Unternehmen sich deutlich verbessert. Die Lager bei den Kunden würden sich leeren. Impulse kämen sowohl von der inländischen Industriekonjunktur als auch aus dem Ausland, allen voran aus Asien, wo eine hohe Dynamik das Wirtschaftsgeschehen präge. Da die Autoindustrie, die wichtigste Kundengruppe, ihre Produktion zuletzt aus Mangel an Halbleitern drosseln musste, sei im ersten Quartal allerdings noch einmal mit einem Dämpfer zu rechnen.

          Voraussetzung für den Aufschwung sei, dass Europa die Corona-Pandemie mit Impfungen in den Griff bekomme. Das dynamische Infektionsgeschehen berge erhebliche Risiken. Große Entrup forderte die Politik auf, den Wahlkampf angesichts der Herausforderungen bis auf weiteres einzustellen. Alle müssten jetzt an einem Strang ziehen. Auf Wunsch von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe der Verband eine Online-Plattform eingerichtet, um die Nachfrage nach Spritzen, Kanülen und anderen Materialien zwischen staatlichen Stellen und Unternehmen besser zu koordinieren. Zudem stünden in der Chemieindustrie 1300 Betriebsärzte für die Impfungen bereit.

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