https://www.faz.net/-gqe-9yz5u
Bildbeschreibung einblenden

Internationale Energie-Agentur : Historischer Einbruch beim Energieverbrauch

Kernkraftwerk Grohnde in Niedersachsen Bild: dpa

Durch die Coronakrise sinkt der weltweite Energiebedarf massiv. Das hat auch gute Seiten: Die Emissionen schwinden, und die erneuerbaren Energieträger schreiten voran. Doch es ist fraglich, wie dauerhaft das ist.

          3 Min.

          Man stelle sich vor, ein Riesenland wie Indien verbraucht ein Jahr lang keine einzige Kilowattstunde Energie. Das ist das Szenario, das die Internationale Energie-Agentur (IEA) für die weltweite Energieentwicklung in diesem Jahr erwartet. Sie spricht in ihrem am heutigen Donnerstag veröffentlichten Jahresbericht wegen der Coronavirus-Krise vom „größten Schock für das weltweite Energiesystem seit dem Zweiten Weltkrieg“. Die Energienachfrage werde in diesem Jahr weltweit um 6 Prozent sinken, schätzt die IEA, in Europa sogar um 11 Prozent.  Der weltweite Rückgang entspricht dem Energiebedarf von Indien, das der drittgrößte Energieverbraucher der Welt ist. Dieser Ausfall kommt der siebenfachen Abnahme gleich, welche die Welt während der Finanzkrise von 2008/2009 erlebte. Die Nachfrage nach Strom wird den Schätzungen zufolge in diesem Jahr um 5 Prozent nachgeben – die höchste Verringerung seit der großen Depression. Die Nachfrage bricht ein, weil rund um den Globus weite Teile der Wirtschaft zum Stillstand gekommen sind.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Das hat auch den guten Effekt, dass die Schadstoffemissionen in historischem Maße schrumpfen. Die IEA schätzt den Rückgang der Kohlendioxid-Emissionen in diesem Jahr auf 8 Prozent. „Mit diesem Rückgang sind alle Zuwächse der vergangenen zehn Jahre ausradiert“, berichtet der IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol im Gespräch mit der F.A.Z. Die zweite gute Nachricht ist, dass die erneuerbaren Energien der Gewinner des von der Covid-19-Krise überschatteten Jahres 2020 sein werden. „Sie sind die einzige Energiequelle, die in diesem Jahr zulegen wird“, sagt Birol. Denn rund um den Globus geben die Regierungen den erneuerbaren Energien Vorzug bei der Einspeisung in die Energienetze, „zudem sind die Betriebskosten gering“, was sich vor allem bei geringer Energienachfrage positiv auswirkt.

          IEA warnt vor Jubel

          Trotz zeitweiliger Unterbrechungen der Lieferketten könnten Wind-, Solarenergie und Wasserkraft die Stromerzeugung in diesem Jahr um 5 Prozent erhöhen, erwartet die IEA. Öl, Kohle, Gas und Nuklearenergie verlieren dagegen Anteile.  Nach ihrem Höhepunkt von 2018 könnten Kohlekraftwerke in diesem Jahr 10 Prozent weniger Strom erzeugen als im Vorjahr. Nachdem die Energieträger mit niedrigem CO2-Ausstoß die Kohle im weltweiten Energiemix im vergangenen Jahr erstmals überholten, könnten sie in diesem Jahr erstmals 40 Prozent und damit 6 Prozentpunkte mehr als Kohle erreichen.

          Die IEA warnt aber vor Jubel: „Der Rückgang des Schadstoffausstoßes erfolgt aus den falschen Gründen, denn die Welt erlebt eine schreckliche Gesundheits- und Wirtschaftskrise“, sagt Birol. Zudem könnte der Vormarsch der erneuerbaren Energien nicht dauerhaft sein. Besonders in den Vereinigten Staaten ist der Ausbau in diesem Jahr sehr ausgeprägt ist, denn dort laufen 2020 Steuervergünstigungen für Investitionen in die Windkraft aus. Daher fällt der Zuwachs in den Vereinigten Staaten doppelt so hoch wie in Europa. „Viele Unternehmen wollen in diesem Jahr diese steuerlichen Vorzüge noch nutzen“, so Birol. Doch was kommt danach? Alle Kernkraft-Gegner seien auch daran erinnert, dass die Nuklearindustrie nicht tot ist. Im Gegenteil wurde 2019 so viel Nuklearenergie produziert wie noch nie in der Geschichte. „China brachte eine Reihe von Reaktoren ans Netz, Südkorea auch, und Japan hat Reaktoren anlaufen lassen, die im Zuge von Fukushima stillgelegt wurden“, berichtet Birol.

          In diesem Jahr werde sich aber auch die Kernenergie nicht dem allgemeinen Rückgang der klassischen Energieträger entziehen können. Die IEA rechnet mit einem Minus der nuklearen Erzeugung von 3 Prozent. Das Szenario der Energieagentur mit Sitz in Paris ist mit Unsicherheit behaftet, wie die Experten einräumen. Ihrer Schätzung unterliegt die Erwartung einer bald einsetzenden schrittweisen Lockerung der gesundheitsbedingten Einschränkungen in den meisten Ländern der Erde und dadurch einer wirtschaftliche Erholung in Form eines „U“, die etwa im Juni beginnen solle. Wenn es dagegen zu einer zweiten Viruswelle käme, würden sich die Vorhersagen deutlich verschlechtern. Die weisen daraufhin, dass sie weltweit reale Verbrauchs- und Produktionsdaten von 100 Tagen bis Mitte April in den Bericht einfließen lassen konnten.

          Die IEA die plädiert darin für eine fortgesetzte staatliche Unterstützung der erneuerbaren Energien. Nach früheren Krisen war die Rückkehr der Emissionen oft stärker als die Abnahme zuvor. Auch diesmal könnte es so sein, „es sei denn die Welle an Investitionen zur Ankurbelung der Wirtschaft ist auf saubere Energien und auf eine widerstandsfähige Energie-Infrastruktur gerichtet“, schreibt die IEA. Exekutivdirektor Birol begrüßte in diesem Zusammenhang die Forderung von Bundeskanzlerin Merkel, die in dieser Woche beim Petersberger Klimadialog internationale Instrumente zur Finanzierung kostengünstiger Projekte zugunsten erneuerbarer Energien verlangt hatte. Was die Klimagase angeht, so hängt nach Einschätzung Birols in naher Zukunft viel von der Energiepolitik Chinas ab, denn das Land stehe für die Hälfte des weltweiten Kohleverbrauchs in der Energieerzeugung.

          Weitere Themen

          Türkische Lira auf Rekordtief Video-Seite öffnen

          Menschen demonstrieren : Türkische Lira auf Rekordtief

          Dutzende Demonstranten wurden am Mittwochabend bei einem Protest gegen die Regierung in Istanbul festgenommen. Die türkische Lira war am Vortag um mehr als 15 Prozent auf ein Rekordtief eingebrochen. Seit Jahresanfang hat die Lira bereits mehr als 40 Prozent an Wert verloren.

          Topmeldungen

          Wie sensibel darf es sein? Der Philosoph Richard David Precht während der phil.Cologne im September 2021

          Precht und Flaßpöhler : Sie nennen es Freiheit

          Die haltlosen Behauptungen der Impfskeptiker dringen immer weiter in die bürgerliche Mitte vor. Für die neue pandemische Situation ist das fatal.
          Igor Tuleya ist einer der schärfsten Kritiker der Justizreform.

          Die PiS und die Justiz : Wie Polens Regierung Richter unter Druck setzt

          Die Regierung in Warschau will die Gerichte des Landes auf Linie bringen. Polnische Richter, die auf ihrer Unabhängigkeit beharren, werden unter Druck gesetzt. Igor Tuleya ist zu einem der Anführer des Richterprotests geworden.
          Eine Mitarbeiterin der Impfstoffproduktion in Marburg

          KI und Big Data : Die Revolution der Pharmawelt

          Digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz und Big Data verändern die Arzneimittelforschung massiv – und bieten Mitarbeitern dabei ganz neue Perspektiven. Ein Blick in die neue Welt der Pharmaindustrie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.