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Wohin mit dem Atommüll? : Das ungeliebte Erbe des Atomstroms

Wohin mit dem Atommüll? – Niemand weiß es. Bild: dapd

Viele Länder nutzen Kernenergie, aber nicht eines verfügt über ein funktionsfähiges Endlager.

          2 Min.

          Das Schicksal der Kernenergie ist in Deutschland geklärt: In nur drei Jahren werden die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet und vom Netz genommen. In vielen anderen Ländern bleibt der Atomkraft noch ein langes Leben beschert. Entweder werden neue Kraftwerke projektiert und gebaut, wie in Russland, Frankreich, Finnland, China oder der Türkei, oder ihre Laufzeiten werden verlängert, wie in Amerika, der Schweiz oder in dem für seine Politik der Klimaneutralität gelobten Schweden. Eines ist allerdings allen Staaten gemeinsam: das ungeklärte Erbe der Stromerzeugung durch Kernkraft – Atommüll.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Daran erinnert ein am Montag veröffentlichter Bericht von acht Umweltgruppen unter der Führung der Heinrich-Böll-Stiftung, die den Grünen nahesteht. Alle sind bekanntermaßen so atomkritisch wie gut informiert. Der knapp 150 Seiten starke „Welt-Atomabfall-Report“ ist eine Fleißarbeit, in der der Versuch unternommen wird, zumindest europaweit einen genauen Überblick über das ungeliebte Erbe samt seiner technischen, logistischen und finanziellen Risiken zu geben.

          Nicht vor der Jahrhundertwende

          Dessen Ergebnisse stimmen den Leser nicht gerade zuversichtlich. Obwohl Dutzende Länder Kernenergie nutzen, gibt es weltweit kein Land, das über ein funktionsfähiges Endlager tief in der Erde verfügt. In Deutschland ist der Suchprozess gerade erst am Beginn, ernsthaft erwartet niemand, dass vor der Jahrhundertwende ein Endlager in Betrieb gehen könnte.

          Die Kehrseite der Medaille ist, dass die auf Zeit gebauten Zwischenlager, wie in Deutschland, langsam an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. „Das Problem ist, dass diese Zwischenlager auch unter Sicherheitsaspekten nicht für eine derart langfristige Nutzung konzipiert wurden“, sagt der Geologe Marcos Buser.

          Allein in Europa geht es nach Zählung der Autoren um die frühere Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms um mehr als 60.000 Tonnen abgebrannter Brennstäbe mit hochradioaktivem Abfall, vor allem aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien. Mengen aus Russland und der Slowakei seien dabei nicht eingerechnet. Harms nennt die abgebrannten Brennstäbe die größte Herausforderung. Der verbrauchte Brennstoff mache zwar nur einen geringeren Teil des Atommülls aus, sei aber wegen seiner hohen und langlebigen Radioaktivität sowie der Hitzeentwicklung „der am schwierigsten zu lösende Teil des Problems“.

          Hinzu kommen 2,5 Millionen Kubikmeter an leicht- bis mittelradioaktiv verstrahltem Abfall. In Deutschland soll er dereinst im Schacht Konrad bei Salzgitter vergraben werden, auch die Inbetriebnahme dieses Endlagers läuft allen Zeitplänen lange hinterher. Mit dem beginnenden Abriss alter Kernkraftwerke dürften europaweit nochmals 1,4 Millionen Kubikmeter hinzukommen.

          Eine Möglichkeit zur klimaneutralen Stromerzeugung?

          Der Report macht deutlich, dass die Staaten keine einheitlichen Klassifizierungen für Atommüll anwenden, was eine verlässliche Einschätzung erschwert. Unklar seien auch die Kosten, die die sichere Verwahrung der Überbleibsel der Atomstromerzeugung über Tausende Jahre verursache. Im Grunde habe bisher kein Land die Höhe seiner „Ewigkeitslasten“ verlässlich geschätzt und erklärt, wie es die Differenz zu den unzureichenden Rücklagen finanzieren wolle. Ben Wealer, ein Wirtschaftsingenieur von der TU Berlin, beklagt, in vielen Ländern gebe es eine große Lücke zwischen den zu bewältigenden Kosten und den Finanzmitteln, die dafür eingeplant seien. Unkalkulierbare Risiken könnten zu großen Kostensteigerungen führen. Beispielhaft wird auf die Erfahrungen mit dem Endlager Asse verwiesen, wo das Bergen unsachgemäß gelagerter Abfälle der Atomwirtschaft das Land noch auf Jahre beschäftigen wird.

          Während Kernkraft in der Klimaschutzdebatte international auch als eine Möglichkeit der klimaneutralen Stromerzeugung gepriesen wird, lehnen die Autoren des „World Nuclear Waste Report“ diese Sichtweise ab. „Das gesamteuropäische Atommüllproblem zeigt nicht zuletzt, dass die Energiewende europaweit energisch vorangetrieben werden muss“, lautet die Bilanz von Ellen Ueberschär aus dem Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung.

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