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Trotz Sanktionsdrohungen : Gasförderer Wintershall Dea hält an Nord Stream 2 fest

Die Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 liegen bereit. Doch wegen der Sanktionsdrohungen ruhen zurzeit die Verlegearbeiten. Bild: Andreas Pein

Dass die Amerikaner gegen den Bau von Nord Stream 2 sind, ist kein Geheimnis. Trotzdem steht der deutsche Gasförderer Wintershall Dea zum Pipeline-Projekt gemeinsam mit Russland. Doch das hat Folgen.

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          Der Kasseler Gasförderer Wintershall Dea spürt nach eigenem Bekunden noch keinen höheren Druck der Amerikaner wegen seines Engagements bei der umstrittenen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. „Die Kritik kommt in Wellenbewegungen, konkrete neue Sanktionsdrohungen hat es noch nicht gegeben“, sagt der Vorstandsvorsitzende Mario Mehren im Gespräch mit der F.A.Z. Im Lauf des Jahres habe das amerikanische Außenministerium Erklärungen von allen Darlehensgebern der Pipeline gefordert, das sei nach wie vor Stand der Dinge.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Die Amerikaner machen gegen das europäisch-russische Pipelineprojekt seit Monaten mobil. Sie befürchten eine zu starke Abhängigkeit der Europäer von Russland. Zugleich wollen sie auch selbst Flüssiggas in Europa verkaufen. Am Wochenende hieß es, die Regierung habe eine Anzahl Unternehmen und Personen identifiziert, denen nach dem Sanktionsgesetz gegen Nord Stream 2 erste Strafmaßnahmen drohten. Die Betroffenen würden kontaktiert und über die drohenden Sanktionen informiert.

          Nord Stream 2 wird vom russischen Branchenriesen Gasprom gebaut. Als Financiers sind neben Shell, der französische Engie, der österreichischen OMV auch die deutschen Konzerne Uniper und Wintershall-Dea mit im Boot. Nach Mehrens Worten hat Wintershall für den Pipeline-Bau 950 Millionen Euro zugesagt, 730 Millionen davon seien bereits geflossen. Wegen der Sanktionsdrohungen ruhen zurzeit die Verlegearbeiten. Mehren sagt: „Wir stehen zu unserem Engagement.“ Pläne, sich zurückzuziehen, gebe es nicht. Große Teil der europäischen und deutschen Politik hätten unmissverständlich klargemacht, dass sich die Amerikaner nicht in europäische Energiepolitik einmischen sollten.

          Sanktionen treffen den Gasförderer

          Obwohl Wintershall Dea nach Mehrens Worten in Amerika selbst keine Geschäfte macht, wurde der Konzern vom Bann der Amerikaner bereits getroffen. Wegen der „extraterritorialen“ Sanktionen habe Wintershall Pläne für Förderprojekte in Iran gestoppt und einen zweistelligen Millionenbetrag abgeschrieben. Die amerikanischen Sanktionsdrohungen landen offenbar nicht direkt bei den Unternehmen. Die deutsche Botschaft in Amerika, das Auswärtige Amt sowie das Bundeswirtschaftsministerium seien gemeinsam bemüht, die Forderungen zu koordinieren und eine Lösung zu finden, heißt es aus Branchenkreisen.

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          Ob sich das transatlantische Wirtschaftsverhältnis unter dem Präsidenten Joe Biden verbessere, könne man nicht beurteilen, sagt Mehren. Biden sei zwar an einer Erneuerung der Beziehungen gelegen, zugleich sei die Kritik an Nord Stream 2 ja nicht nur vom Präsidenten gekommen, sondern auch vom Senat. Er habe nichts gegen Pläne, weitere Flüssiggasterminals in Europa zu bauen, um amerikanisches Gas zu importieren, sagt Mehren.

          Vorausgesetzt, sie sind privat finanziert. Der Wintershall-Chef verteidigte die Pipeline: „Der Gasbedarf in Europa wird trotz der Energiewende stabil bleiben bis leicht steigen. Zugleich wird der Importbedarf stark steigen, weil die europäische Förderung vor allem in den Niederlanden und Großbritannien stark zurückgeht.“ Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur werde der Gasbedarf weltweit bis 2040 um 40 Prozent steigen.

          Energiewende für Wintershall Dea machbar

          Neben dem Bevölkerungswachstum treibe der Ersatz der Kohleverstromung durch Gas die Nachfrage, insbesondere in China und Indien. „Noch heute haben eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu zuverlässiger Energie. 300 Millionen haben sogar überhaupt keinen Zugang.“ In Europa werde Gas auch als Ausgangsstoff für neue alternative Energieformen wie Wasserstoff benötigt.

          Mit einem Gas-Anteil von 70 Prozent am gesamten Fördervolumen sei Wintershall Dea deshalb „anschlussfähig an die Energiewende“. Die Vorbereitungen für einen Börsengang sind nach Mehrens Worte abgeschlossen. Den Zeitpunkt des Börsengangs bestimmten jetzt die Anteilseigner, die ehemaligen Wintershall-Muttergesellschaft BASF und Letter One, eine Beteiligungsgesellschaft in der der russische Oligarch Michail Fridman seine Dea-Anteile gebündelt hat.

          Wichtiger für Investoren als mögliche Sanktionsdrohungen sei bei einem möglichen Börsengang die Frage, wie sich die Energienachfrage weltweit entwickele. An „normalen“ Tagen liege der Weltenergieverbrauch bei etwa 100 Millionen Barrel Öl und 70 Millionen Gas – gemessen in sogenannten Öläquivalenten. Im zweiten Quartal sei der Ölverbrauch wegen der Corona-Pandemie um 20 Prozent gefallen, im dritten Quartal wegen der anziehenden Nachfrage in Asien schon wieder um 10 Prozentpunkte gestiegen. „Wann wir wieder Normalniveau erreichten, kann heute niemand sagen. Aber der Trend zeigt nach oben“, sagte Mehren.

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