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Windkraft an Land : Deutschland in der Ausbaukrise

In Deutschland wurden zuletzt so wenig neue Windräder gebaut wie zuletzt in den 1990er Jahren. Bild: dpa

Nie zuvor seit Einführung der EEG-Umlage wurden so wenig neue Windräder gebaut wie im vergangenen Jahr. Die Branche schimpft, die SPD steht ihr bei.

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          Was sich über Monate abgezeichnet hatte, ist nun offiziell: Der Windkraftausbau an Land ist in Deutschland im vergangenen Jahr auf ein historisches Tief gefallen. Nur 325 Anlagen gingen 2019 neu ans Netz, wie der Bundesverband Windenergie (BWE) und VDMA Power Systems am Dienstag mitteilten. Sie beklagen lange Genehmigungs- und Gerichtsverfahren. Abzüglich 82 demontierter Bestandsanlagen belief sich der Netto-Zubau auf 243 Mühlen. 50 Bestandsanlagen wurden repowert, also mit höherer Leistung versehen.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Zuwachs an installierter Windenergieleistung betrug netto 1078 Megawatt, sodass die schon pessimistische Prognose der Branchenverbände zur Jahresmitte 2019 von 1500 Megawatt nochmals deutlich verfehlt wurde. Es ist der niedrigste Wert seit Einführung der Ökostromumlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Zum Vergleich: 2018 waren etwa 2400 Megawatt Leistung neu ans Netz gegangen, in den vier Jahren zuvor sogar jeweils rund 4000 bis 5000 Megawatt. BWE-Präsident Hermann Albers sprach von einem „dramatischen Einbruch“ und sieht weitere Arbeitsplätze in Gefahr, nachdem Anlagenhersteller wie Enercon in den vergangenen Wochen Stellenstreichungen in dreistelliger Höhe angekündigt hatten.

          29.456 Windräder an Land gab es Ende Dezember 2019. Ihre 53.912 Megawatt an installierter Leistung hatten nach vorläufigen Zahlen des Energieverbands BDEW einen Anteil an der Stromerzeugung von rund 17 Prozent. Einschließlich der Windkraft zu See und anderen regenerativen Energieträgern wie Photovoltaik und Biomasse hatten die Erneuerbaren im vergangenen Jahr einen Anteil von 40 Prozent an der Erzeugung. Ihr Anteil am Verbrauch war mit rund 43 Prozent etwas höher, da die mittels EEG-Umlage erzeugte Energie bilanziell in Deutschland verbleibt, selbst wenn sie wie Kohlestrom exportiert wird.

          „Ein bisschen der Problembär“

          Damit der Ökostromanteil am Verbrauch wie von der Bundesregierung anvisiert auf 65 Prozent im Jahr 2030 steigt, fordert die Windbranche den Verzicht auf Abstandsregelungen wie die vom Bundeswirtschaftsministerium erwogenen 1000 Meter zu Siedlungen mit fünf oder mehr Häusern. Damit sollte die gesunkene Akzeptanz der Windkraft in der Bevölkerung wieder erhöht werden. Noch ringen Union und SPD um diesen Passus. Laut einem neuen Vorschlag aus Unionskreisen, über den die Nachrichtenagentur Reuters am Montag berichtet hatte, könnten an die Stelle einer solchen Gebäudezahl nun Bebauungspläne mit ausgewiesenen Siedlungsgebieten treten.

          BWE-Präsident Hermann Albers sagte, dieser Vorschlag sei ein „deutlicher Fortschritt“, denn pauschale Abstandsregeln würden zu einem Verlust von rund 40 Prozent der potentiellen Windflächen in Deutschland führen. Zudem müssten „die identifizierten und seit Langem bekannten Genehmigungshemmnisse schnellstmöglich beseitigt und mehr Flächen für Windenergieanlagen ausgewiesen werden“, forderte er. Nicht zuletzt, da die Elektromobilität und elektrisch betriebenen Wärmepumpen stärkere Verbreitung finden sollen, rechnet der Verband mit einer wachsenden Stromnachfrage.

          Nötig sei zum Erreichen des Ökostromziels 2030 deshalb ein Zubau der Windkraft an Land von rund 5.000 Megawatt jährlich. Die für dieses Jahr erwarteten 1.400 bis 1.800 Megawatt blieben demnach weiterhin deutlich hinter der erforderlichen Menge zurück. Die SPD stellte sich indirekt hinter die Forderungen der Windbranche. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sei „bisher so ein bisschen der Problembär als der Löser“, sagte Carsten Schneider, der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, am Dienstag dem Sender RTL.

          „Wenn wir die Kohle abschalten, Atomkraft abschalten, brauchen wir irgendwo eine Grundlast her“, sagte Schneider. Bisher nehme er die Union so wahr, dass sie nicht die Verstärkung der Solarenergie, nicht die Verstärkung der Windenergie wolle, sondern „ich weiß nicht was“. So könne man nicht Politik machen. Wichtig sei „richtig Vollgas" im Bereich der Windenergie zu geben und die Stromnetze zügig auszubauen.

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