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Energiewende : Während der Ausbau der Windkraft in Deutschland lahmt, kommt er in Europa voran

Windpark vor der britischen Küste Bild: Reuters

Große Hoffnungen ruhen auf schwimmenden Anlagen. Ein Branchenvertreter verspricht sogar purzelnde Preise.

          3 Min.

          Während der Ausbau der Windkraft in Deutschland lahmt, schreitet er im übrigen Europa voran. Die meisten Anlagen an Land gingen im vergangenen Jahr in Norwegen ans Netz. Die Niederlande wiederum waren führend bei der Errichtung von Anlagen zu See. Das geht aus Zahlen hervor, die der Branchenverband Windeurope am Donnerstag veröffentlicht hat.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Probleme mit den Lieferketten haben wir fast vollständig überwunden, Corona-Einschränkungen in der Windindustrie gibt es jetzt viel weniger“, berichtet Windeurope-Geschäftsführer Giles Dickson im Gespräch mit FAZ.net. Zwar hat die Pandemie Spuren hinterlassen: In Europa inklusive Russland und der Türkei wurden 2020 knapp 15 Gigawatt zugebaut, ein Fünftel weniger als vor Corona geplant und 6 Prozent weniger als 2019.

          Doch selbst im ungünstigen Szenario rechne man mit einem Rebound in diesem Jahr, sagt Branchenvertreter Dickson – auch in Deutschland, wo 2020 so wenig Leistung neu ans Netz ging wie zuletzt 2010.

          Tatsächlich deuten die jüngsten Ausschreibungsrunden der Bundesnetzagentur, in denen Projektentwickler um EEG-Subventionen für neue Windräder bieten können, auf eine Trendwende bei Anlagen an Land hin. Die jüngste Runde im Dezember war deutlich überzeichnet, das heißt viele Bieter mit genehmigten Projekten gingen leer aus. Der durchschnittliche, mengengewichtete Zuschlagswert fiel erstmals seit Mai 2018 wieder unter 6 Cent je Kilowattstunde.

          „Marktteilnehmer brauchen Investitionssicherheit“

          „Wir sehen für Deutschland schon Chancen, dass sich der Markt erholt“, sagt Dickson. „Aber wir dürfen uns nicht auf diesen Lorbeeren ausrufen.“ Er betont, dass der von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vorgelegte 18-Punkte-Plan noch nicht abgearbeitet ist und Planung und Genehmigung noch immer langwierig seien. Übel auf stößt ihm, dass die Netzagentur die Ausschreibungsvolumina für Wind mit der „endogenen Mengensteuerung“ im neuen EEG kurzfristig senken kann, wenn es zu wenig Genehmigungen gibt. „Das gefällt uns überhaupt nicht, das ist nicht vernünftig“, moniert Dickson. „Marktteilnehmer brauchen Investitionssicherheit.“

          In anderen europäischen Ländern laufe es besser. Stolz weist die Lobby daraufhin, dass der Stromverbrauch mittlerweile in sechs EU-Ländern und in Großbritannien zu mehr als 20 Prozent von der Windkraft gedeckt wird, wenngleich Anlagen an Land weniger als die halbe Zeit im Jahr unter Volllast laufen.

          Große Hoffnungen ruhen auf Windrädern zu See, selbst wenn der Anteil von Windrädern an Land in den Prognosen von Windeurope auch Mitte der 2020er Jahre nach wie vor mehr als doppelt so groß sein wird. „Offshore war bislang nur in wenigen Ländern ein Thema, aber das fängt jetzt an sich zu ändern“, sagt Dickson. Er nennt Polen, Spanien und Italien; bislang beschränkte sich der Offshore-Markt in Europa auf Großbritannien und Deutschland sowie die Niederlande, Belgien und Dänemark.

          Die Kosten würden sinken

          Auch in Griechenland reifen die Pläne für neue Windräder zu See, dort allerdings nicht mit konventionell am Meeresgrund verankerten, sondern schwimmenden Anlagen. Branchenvertreter Dickson versprüht Zuversicht. Die Technologie für schwimmende Windparks sei nun reif und gehe über den Pilotstatus hinaus. Nachdem es bislang nur kleinere Parks in Schottland und Portugal gab, komme nun Schwung in den Markt.

          „Konventionelle Offshore-Installationen funktionieren nur bis etwa 50 Meter Wassertiefe, ab da wird es sehr schwierig und teuer“, erklärt er. Dann sollte man schwimmende Anlagen einsetzen, und das gelte für viele Standorte im Mittelmeer oder Schwarzen Meer. Die Kosten würden für schwimmende Windräder genauso sinken, wie sie es bei den konventionellen Offshore-Anlagen taten.

          „4 bis 6 Cent je Kilowattstunde erwarten wir bis 2030“, so Dickson – also in etwa so viel wie bei der jüngsten großen Ausschreibung für konventionelle Offshore-Anlagen in Großbritannien, wo es Preise von 4 bis 5 Cent inklusive Netzanbindung gab. Momentan sei man bei schwimmenden Anlagen bei etwas mehr als dem Doppelten, sagt Dickson mit Verweis auf die jüngste Ausschreibung für ein französisches Projekt, bei dem die Obergrenze 12 Cent betrug.

          Besonders Augenmerk richtet sich auf den großen schwimmenden Meereswindpark „Kincardine“ in Großbritannien. Er soll eine Kapazität von 50 Megawatt haben. „In Summe schätzen wir, 7 GW bis 2030 haben zu werden“, sagt Dickson. Viele Unternehmen mischen derzeit mit auf diesem Gebiet, als Vorreiter gilt der norwegische Staatskonzern Equinor, der seine Ausrichtung auf Öl und Gas schon länger zu diversifizieren bemüht ist. Technologisch werden dem amerikanischen Unternehmen Principle Power Vorsprünge attestiert. Auch das Essener Energieunternehmen RWE ist beim neuen norwegischen Projekt „TetraSpar Demo“ vertreten.

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