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200 Millionen für Großprojekt : Wie Großbritannien CO2 unterirdisch speichern will

Gasförderung im norwegischen Sleipner-Feld, in dessen Nähe CO2 unter die Erde gepresst wird. Bild: dpa

Großbritannien fördert neun Großprojekte, um Kohlendioxid unterirdisch zu speichern. Hierzulande wird diese Technik blockiert – dabei war Deutschland mal Vorreiter.

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          Auf dem Weg, die Wirtschaft der Industrieländer „klimaneutral“ zu machen, reicht es nicht aus, Emissionen zu reduzieren. Nötig sind auch neue Techniken, um unvermeidlichen Kohlendioxidausstoß zu neutralisieren. Eine Möglichkeit dafür ist die Technologie „Carbon Capture and Storage“, kurz CCS. CO2 wird dabei aufgefangen und verflüssigt im Untergrund gelagert, so dass es nicht mehr in die Atmosphäre gelangen kann.

          Philip Plickert
          (ppl.), Wirtschaft
          Niklas Záboji
          (niza), Wirtschaft

          Großbritannien fördert nun mit umgerechnet knapp 200 Millionen Euro neun CCS-Großprojekte, die einen Beitrag zur Dekarbonisierung der Industrie leisten. Bis zum Jahr 2040 sollen so die „ersten CO2-Netto-Null-Industriecluster der Welt“ entstehen, kündigte Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng an. Die Förderagentur UK Research and Innovation (UKRI) hat vor wenigen Tagen nach einer Ausschreibung die Gewinnerprojekte bekanntgegeben. Sie reichen von Schottland und Nordengland mit großen Speichern unter der Nordsee und der Irischen See bis zu Stahl- und anderen Industriewerken in Südwales, die Wasserstoff einsetzen und CO2 abscheiden sollen.

          Großbritannien hat sich vor zwei Jahren ein ehrgeiziges Klimaziel gesetzt. Bis zum Jahr 2050 soll das Königreich unter dem Strich nicht mehr CO2 ausstoßen, als es gleichzeitig bindet. Wirtschafts- und Energieminister Kwarteng sagte nun zu den neuen CCS-Projekten: „Wir waren die erste große Volkswirtschaft, die gesetzlich ein Ziel festgeschrieben hat, unseren Beitrag zum Klimawandel zu beenden, und heute machen wir die ersten Schritte, um die erste große Wirtschaft zu sein mit einem eigenen Niedrig-Karbon-Industriesektor.“

          Kaum Proteste und Vorbehalte

          Premierminister Boris Johnson hat eine Milliarde Pfund, knapp 1,17 Milliarden Euro, in Aussicht gestellt, um CCS zu fördern und zu entwickeln. Dies ist Teil seines Ziels einer „Grünen Industrie-Revolution“, mit dem er Großbritannien als Gastland für den UN-Klimagipfel COP26 im Herbst in Szene setzen will. Für die nun ausgewählten Projekte gibt die Förderagentur UKRI 171 Millionen Pfund. Beispielsweise gehen 32 Millionen Pfund an das Wasserstoff- und CCS-Vorführprojekt Hy Net in der nordenglischen Industrieregion um Liverpool und Manchester.

          Ein Konsortium plant dort eine Wasserstoffproduktion, die mit Strom aus Erdgaskraftwerken betrieben wird. Das anfallende CO2 soll abgeschieden und in den Hohlraum eines leeren Gasfelds in der Irischen See vor Liverpool gepumpt werden. Im nordenglischen Ballungsraum Teesside soll wiederum ein großer CO2-neutraler Industriecluster entstehen. Mittelpunkt des Projekts ist ein Gaskraftwerk mit 750 Megawatt Leistung, jährlich sollen von dort etwa zwei Millionen Tonnen CO2 abgeschieden und unter dem Meer gelagert werden.

          Von größeren Protesten und Vorbehalten in der Bevölkerung ist in Großbritannien nichts zu hören. Nur vereinzelt äußern Umweltschützer Bedenken. Die Vereine Global Witness und Friends of the Earth monierten vor kurzem, die Technik sei zu teuer und ihr Erfolg zu ungewiss. Es gebe zu hohe Hürden, um sie schnell und in großem Maßstab zu starten. Die Regierung Johnson will es nun dennoch versuchen – schließlich wird CCS anderswo erfolgreich praktiziert, vor allem in Norwegen.

          In Deutschland ruhen die Aktivitäten

          Das skandinavische Land ist seit dem Jahr 1996 Pionier der Technik, als es in der Nordsee im ehemaligen Sleipner-Gasfeld erstmals einen Großspeicher einrichtete. Rund 20 Millionen Tonnen CO2 wurden seither dort gespeichert. Zusammen mit der im Jahr 2008 begonnenen Speicherung im Snøhvit-Projekt kommt Norwegen mittlerweile auf insgesamt rund 30 Millionen Tonnen.

          Auf der ganzen Welt sind derzeit 26 kommerzielle CCS-Projekte in Betrieb, die meisten in den Vereinigten Staaten. Jährlich werden in diesen nach Angaben des Global CCS Institutes fast 40 Millionen Tonnen CO2 abgeschieden und gespeichert. Das ist global gesehen nicht viel und entspricht rund einem Zwanzigstel der jährlichen Emissionen Deutschlands, das im Jahr 2020 nach Angaben des Umweltbundesamts rund 739 Millionen Tonnen CO2 freisetzte.

          Aber CCS könnte dabei helfen, unvermeidliche Emissionen zu neutralisieren, etwa aus Stahl- oder Zementwerken oder in der Landwirtschaft. Neben Norwegen und den Vereinigten Staaten verpressen auch Länder wie Kanada und Qatar unterirdisch CO2. Viele neue Projekte sind geplant, rund zwei Dutzend Anlagen befinden sich global im Bau oder in der Entwicklungsphase.

          In Deutschland hingegen ruhen die CCS-Aktivitäten. Zwar hatte sich zuletzt neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) offen gezeigt. „Diese Debatte muss sein“, sagte sie im Mai 2019, als die Diskussion um einen forcierten Klimaschutz hochschlug. „Gegen die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid gab es lange Widerstand, weil sie die längere Verstromung von Kohle ermöglichen sollte. Mit dem Kohleausstieg aber hat sich dieser Einwand erledigt“, so Schulze damals. Doch getan hat sich seither nichts.

          Deutschland war vorn dabei

          Stark für CCS macht sich hierzulande derzeit allein die FDP. Die Technik sei „Voraussetzung für Klimaneutralität“, meint ihr klimapolitischer Sprecher im Bundestag, Lukas Köhler. „Neben der Vermeidung und der Nutzung von CO2, etwa zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe, muss CCS zur dritten Säule der Klimapolitik entwickelt werden“, sagte Köhler der F.A.Z. Er mahnt, dass sich Deutschland Großbritannien und Norwegen zum Vorbild nehmen und die eigenen geologischen Potentiale zur sicheren CO2-Speicherung nutzen sollte – „statt sich beim Klimaschutz einfach auf andere zu verlassen“.

          Tatsächlich zieht es die um Dekarbonisierung bis zum Jahr 2050 bemühte deutsche Industrie in puncto CCS verstärkt ins Ausland. Der Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall ist an einem Projekt in Dänemark beteiligt. Auch in den Niederlanden sind Vorhaben im Gange, ausgediente Gasfelder als CO2-Speicher nutzbar zu machen. Die Energiekonzerne Equinor, Shell und Total entwickeln gemeinsam das Projekt „Northern Lights“ in Norwegen, das im Jahr 2024 in Betrieb gehen soll und neben der Speicherung die Abscheidung von CO2 in einem Zementwerk in der Küstenstadt Brevik zum Ziel hat. Das deutsche Unternehmen Heidelberg-Cement investiert dort 300 Millionen Euro, den Großteil der Investitionssumme, 85 Prozent, schultert der norwegische Staat.

          In den neunziger Jahren war Deutschland noch vorn dabei, wenn es darum ging, Kohlendioxid abzuscheiden, zu speichern und als Rohstoff zu nutzen. Unternehmen und Forschungseinrichtungen investierten damals viel Geld, etwa in Demonstrationskraftwerke im rheinischen Braunkohlenrevier und in Jänschwalde in der Lausitz. Auch unter der deutschen Nordsee etwa vor Helgoland gäbe es geeignete CO2-Speicherräume – und zugleich großes Interesse auf Seiten der Industrie.

          Wichtig und unbedenklich

          Der politische Rückhalt blieb aber schwach, und massiver Widerstand von Umweltschützern hat CCS in Deutschland faktisch blockiert. Ein Pilotprojekt in Brandenburg war technisch erfolgreich, doch erhoben sich Bürgerproteste gegen vermeintliche „CO2-Klos“. Das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz aus dem Jahr 2012 schränkt die Anwendung praktisch vollständig ein. Nach wie vor wird CCS als Lebensverlängerung der fossilen Wirtschaft verdächtigt.

          Hinzu kommen spezifisch deutsche Sorgen. So lehnten die Grünen im Umweltausschuss des Bundestages im Januar einen CCS-Antrag der FDP mit der Begründung ab, dass es langfristige Studien brauche, um Risiken auszuschließen. Wissenschaftler von Acatech bis zur Agora Energiewende halten die Technik zur Speicherung indes für wichtig und bei korrekter Anwendung für unbedenklich.

          Auch die anderen Bundestagsfraktionen lehnten den Antrag ab. Der FDP-Politiker Köhler findet das unverständlich. „Die bei uns vorhandenen Mittel und das Knowhow müssen genutzt werden, um Technologien weiterzuentwickeln“, sagt er. Durch globale Kooperationen könnte Deutschland langfristig dazu beitragen, mit Negativ-Emissionen in großem Maßstab die CO2-Konzentration in der Atmosphäre sogar wieder zu senken.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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