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Trotz weniger Fahrgäste : Werden Bus und Bahn zum Corona-Gefahrenherd?

  • -Aktualisiert am

In Berlin und anderen Städten sind noch mehr Fahrgäste unterwegs als zu Beginn der Corona-Pandemie. Bild: dpa

Sachsen rät zum Corona-Schutz dazu, auf den Nahverkehr zu verzichten. Vor allem Geringverdiener sind weiterhin auf Bus und Bahn angewiesen, sagt ein Verkehrsforscher.

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          Trotz der Corona-Einschränkungen sind Busse und Bahnen in Deutschland derzeit belebter als im Frühjahr. Der Freistaat Sachsen wird daher nun aktiv: Er ist von vielen Corona-Fällen getroffen und rät dringend dazu, nur noch zwingend nötige Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr zu machen, um die Auslastung auf ein Minimum zu senken. Gleichzeitig soll jeder, wenn möglich, mobil arbeiten. Doch für das Homeoffice gibt es keine Pflicht, und manche Menschen sind auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sachsen spricht von einer aktuellen Auslastung von durchschnittlich 40 Prozent und hofft durch die neue Empfehlung zum Verzicht und die Zusammenkünfte im Nahverkehr weiter zu senken. Ziel sei eine Auslastung von 25 Prozent. Auch in anderen Städten sind S-Bahn, U-Bahn oder Busse zwar nicht mehr so voll wie ein Jahr zuvor, aber die Fahrgastzahlen sind noch nicht genug gesunken, um den Nahverkehr als Ansteckungstreiber ausschließen zu können.

          Dabei fallen schon Großveranstaltungen aus, Touristen bleiben weg, und viele Geschäfte, Schulen und Kitas sind geschlossen. In Hamburg beispielsweise ist nach Angaben des Verkehrsverbundes HVV in diesem Monat die Zahl der Fahrten mit Bus und Bahn bisher um rund 50 Prozent zurückgegangen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Frühjahr vergangenen Jahres war der HVV noch auf 70 Prozent weniger Fahrten als ein Jahr zuvor gekommen.

          Weniger Fahrgäste in Berlin und München

          Auch in Berlin sprechen die Verkehrsbetriebe BVG davon, dass sich die Nachfrage derzeit im Vergleich zum Vorjahr etwa halbiert hat. In der Hauptstadt war die Nachfrage im März 2020 stärker auf nur noch 25 bis 30 Prozent gesunken. Mit den Lockerungen und dem Sommer nahmen die Fahrten wieder zu auf bis zu 75 Prozent zum Vorjahr. Der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund MVV geht davon aus, dass im Vergleich zum Vorjahr aktuell rund 30 bis 40 Prozent der Fahrgäste unterwegs sind. Das ist ebenfalls ein geringerer Rückgang als zu Beginn der Corona-Pandemie.

          Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) erwartet einen noch deutlicheren Rückgang von Bus und Bahn. „In den Bahnen sitzen nur noch die unteren Einkommensgruppen“, sagte er der F.A.Z.. „Wer eine Alternative hat, nutzt diese.“ Knie blickt seit dem vergangenen Jahr auf die Mobilität von 1500 Menschen ab 16 Jahren in Deutschland, die repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind und von denen er auch die Einkommen erhoben hat. Deren Verhalten erhebt das WZB mit Partnern für das Mobilitätspanel „Mobicor“, das, gefördert vom Bundesforschungsministerium, den Mobilitätswandel in der Corona-Zeit untersucht.

          Verlierer ist der öffentliche Nahverkehr. Im Oktober gaben in dem Panel jeweils nur noch 10 Prozent der Befragten an, den Nahverkehr täglich oder wöchentlich zu nutzen. Ende November halbierte sich der Anteil von Bus und Bahn am Verkehrsaufkommen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. „Wir sind bundesweit auf einem historischen Tief von 6 Prozent“, sagt Knie. „Die Zahlen gehen immer weiter zurück.“

          Was bringt die Maskenpflicht?

          Mit Blick auf das Ansteckungsrisiko verweisen die Verkehrsbetriebe auf die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen. Die BVG sieht, dass sich 97 bis 98 Prozent der Fahrgäste daran halten. Allerdings macht hier nicht jeder mit und kann mitunter auch ein Attest vorweisen. Der RMV beziffert den Anteil der Maskenverweigerer auf rund 0,3 Prozent. In Umfragen sagen einige, dass sie Bus und Bahn aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus meiden, anderen fehlt die Alternative. Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen VDV, rechnete für November und Dezember damit, dass die Fahrgastzahlen deutlich geringer als beim ersten Lockdown sinken und etwa 50 bis 60 Prozent der sonst üblichen Fahrgäste unterwegs sind.

          Allerdings zählt niemand mit, welche Fahrten ein Passagier mit Jahreskarte macht. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund RMV geht davon aus, dass von Oktober bis Mitte Dezember die Hälfte der üblichen Fahrgäste unterwegs waren und sich dies seither weiter reduziert hat. Was die Verkehrsbetriebe in der Corona-Pandemie alle bemerken, sind geringere Einnahmen. Aus finanzieller Sicht sind leere Bahnen für den Nahverkehr ein Nachteil, aber aus Corona-Sicht sind weniger Fahrgäste ein Vorteil.

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