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Deutsche Strategie : Welche Gefahren der Fokus auf grüne Wasserstoff-Importe birgt

  • -Aktualisiert am

Wasserstoff-Tankstelle in Herten (Nordrhein-Westfalen) Bild: Picture-Alliance

Klimaschutz ist eine Chance, internationale Kooperationen neu auszurichten. Das muss Deutschland mehr beachten auf seinem Weg in eine grüne Zukunft. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Deutschlands Wasserstoffstrategie hat einen klaren Fokus auf grünen Wasserstoff. Dieser entsteht durch die Spaltung von Wasser mittels Elektrolyse, wobei erneuerbarer Strom eingesetzt wird. Dahinter steht ein gefälliges Narrativ, das in Deutschland große Akzeptanz erfährt: grüner Wasserstoff als der einzig verbleibende Baustein eines klimaneutralen Energiesystems 2050, das komplett auf erneuerbaren Energien basiert. Damit einher geht die Aura „des Champagners“, was zu der Schlussfolgerung verleitet, man werde in Deutschland Wasserstoff nur sehr punktuell und sparsam einsetzen. Das Herangehen hat weitreichende Konsequenzen, denn damit werden zu früh enge Wegmarken gesetzt und schwierige Diskussionen ausgeblendet.

          Ein Blick nach Europa zeigt: Die Wasserstoffwelt ist bunt. Die EU-Wasserstoffstrategie erwähnt „gelben“ Wasserstoff, erzeugt aus dem existierenden Strommix. Für einige Nachbarn wie Frankreich kommt die Erzeugung von „rotem“ Wasserstoff aus Atomstrom in Frage. Die Niederlande oder Großbritannien setzen zunächst auch auf blauen Wasserstoff aus Erdgas, das dabei entstehende CO2 wird eingelagert. Türkiser Wasserstoff aus Pyrolyse ist in der Erprobung. Spanien und Portugal wiederum stehen als Exporteure von grünem Wasserstoff in den Startlöchern.

          Hauptaugenmerk auf EU-Zusammenarbeit legen

          Kostbarer grüner Wasserstoff wird zunächst knapp sein. Sind wir wählerisch, nehmen wir in Kauf, den Strukturwandel auf dem Weg in die Klimaneutralität deutlich zu bremsen und Deutschlands Rolle im globalen Gefüge zu schwächen. Denn bei der Umsetzung der Wasserstoffstrategie geht es um die schwierige Balance zwischen Klimaschutz einerseits und dem raschen Strukturwandel in deutschen Schlüsselindustrien wie Automobilindustrie, Maschinenbau, Stahl und Chemie auf der anderen Seite sowie um die internationale Positionierung Deutschlands und der EU.

          Heute importieren wir in Deutschland etwa 70 Prozent des Primärenergiebedarfs in Form fossiler Energieträger. Soll die Doppelaufgabe – Energiewende und Strukturwandel der Industrie – gelingen, brauchen wir auch in Zukunft verlässliche, sichere und diversifizierte Versorgung mit Energie und Grundstoffen. Wir stehen also am Beginn einer weitgehenden Neuordnung unserer internationalen Energieabhängigkeiten. Grüner Wasserstoff wird im globalen Energiehandel künftig eine tragende Rolle spielen. Daraus ergeben sich Chancen: Erneuerbare Energien sind gleichmäßiger geographisch verteilt als fossile Ressourcen und ermöglichen es, über den Import von grünem Wasserstoff langfristig unsere Energiebezüge zu diversifizieren.

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          Der Verkehr der Zukunft : Wasser Marsch! Bild: Daimler AG

          Wenn wir hierzulande aber die Berührungsängste mit der bunten Farbpalette des Wasserstoffs weiter pflegen, gefährden wir nicht nur die Erreichung europäischer und globaler Klimaschutzziele. Wir vergeben insbesondere Chancen, bestehende Partnerschaften neu aufzustellen.

          Deutschland sollte deshalb – selbstverständlich, aber doch betonenswert – Hauptaugenmerk auf die Zusammenarbeit in der EU legen. Durch die Kooperation der Mitgliedstaaten mit ihren unterschiedlichen Standortvorteilen und Transformationspfaden kann Wasserstoff integraler Bestandteil des Green Deal und des gemeinsamen Energiemarktes werden. Nur wenn sich die EU breit aufstellt bei den Wasserstofftechnologien und sich schnell Dynamik entfaltet, kann sie eine gute Ausgangsposition im globalen Wettbewerb erreichen.

          Die „grünen Partnerschaften“ weltweit aufbauen

          In konzentrischen Kreisen lässt sich auch die EU-Nachbarschaft in die neue Energiewelt einbinden. Norwegen, Großbritannien, aber auch der Westbalkan, Südosteuropa und die Ukraine bieten alle Vorteile, um klimafreundlichen und -neutralen Wasserstoff zu erzeugen: kurze Transportwege, bestehende Infrastrukturen und einen gemeinsamen Rechtsraum. Das ermöglicht zügige Umsetzung von Projekten, durch die europäische Firmen Technologieexpertise erlangen. Schlüsselindustrien können sich so für globale Märkte in Stellung bringen, nicht zuletzt als Exporteure zentraler Komponenten einer internationalen Wasserstoffwirtschaft. Zudem verspricht ein gemeinsamer Energiewirtschaftsraum eine geopolitische Dividende: Stabilität und mehr Zusammenhalt.

          Langfristig muss der Wasserstoff grün sein. Daher ist es unerlässlich, die „grünen Partnerschaften“ auch weltweit wie jüngst mit Marokko, Chile, Australien und Südafrika aufzubauen. Kurzfristig wird sich die deutsche Wasserstoff-Nachfrage aber nicht nur aus grüner Produktion bedienen lassen. Andere Länder wie die Vereinigten Staaten, China, Japan und Südkorea setzen zur Deckung ihres Wasserstoffbedarfs auf eine breite Farbpalette und testen entsprechende Schlüsseltechnologien. Diese Erkenntnis ist wichtig mit Blick auf den geoökonomischen Wettbewerb zwischen den Vereinigten Staaten und China, aber auch wegen zunehmender Systemkonkurrenz zwischen offenen Märkten und staatlich gelenkten Wirtschaften. Es ist unerlässlich, Energiepartnerschaften auch in diesem Kontext zu bewerten und vor allem bestehende Energie-Handelsbeziehungen mit Russland, Nordafrika und den arabischen Golfstaaten in Richtung klimaneutraler Energieträger zu transformieren.

          Es geht um mehr als den Ausbau von Wasserstoff-Lieferketten, es geht auch um Außenpolitik. Europa wäre von einer Destabilisierung Algeriens, Nigerias, Ägyptens, aber auch Russlands stark betroffen. Diesen Ländern bricht das von fossilen Energieträgern getriebene Wirtschafts- und Wachstumsmodell weg. Wasserstoff wird in dreißig Jahren die Grundlage des globalen Energiehandels sein, der heute und künftig ein wesentlicher Treiber geopolitischer Entwicklungen ist. Deutschland und die EU sollten daher früh den Handel klimafreundlicher und -neutraler Moleküle und neue (Welt-)Märkte mitgestalten.

          Eine Chance, internationale Kooperationen neu auszurichten

          In den kommenden Jahren muss der Hochlauf klimafreundlichen Wasserstoffs vom konsequenten Auf- und Umbau der Partnerschaften mit vielen Ländern begleitet werden. Insbesondere dort, wo es heute schon Beziehungen und Infrastruktur – wie im Gashandel – gibt, kann auf Bestehendes aufgesetzt werden. Mit diesen Partnern wäre es möglich, über bilaterale Verträge zunehmend klimaneutrale Energieträger zu beziehen. Dabei kann der Weg über blauen und türkisen Wasserstoff führen, sollte aber langfristig den Bezug grünen Wasserstoffs zum Ziel haben.

          Klimaschutz ist eine Chance, internationale Kooperationen neu auszurichten, stellt aber die Debatte in Deutschland zugleich vor neue Herausforderungen. Nicht nur das gemeinsame Ziel der CO2-Vermeidung, sondern auch ein starkes Netz an internationalen Energiehandelsbeziehungen in einer künftig stärker auf erneuerbaren Energien basierten Welt ist wichtig für eine starke Position Deutschlands und der EU im internationalen Gefüge. Die Kunst besteht darin, klimapolitische, industriepolitische und geopolitische Interessen zusammen zu denken, aber am Ende global die Klimaziele zu erreichen.

          Veronika Grimm ist Professorin für Volkswirtschaft an der FAU Erlangen-Nürnberg und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Kirsten Westphal leitet das Projekt „Geopolitik der Energiewende – Wasserstoff“ (Get H2), Stiftung Wissenschaft und Politik, und ist Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat.

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