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Wasserstofftechnologie : So soll Deutschland Weltmarktführer werden

Nicht nur im Verkehrsbereich wird Wasserstoff als Zukunftstechnologie gehandelt. Bild: dpa

Nach zähem Ringen verständigt sich die Regierung endlich auf eine Strategie zur Förderung von Wasserstoff. Wird er „grün“ erzeugt, soll die EEG-Umlage künftig wegfallen. Dennoch droht der Stahlindustrie eine Kostenlawine.

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          Nach der Beilegung von Unstimmigkeiten zwischen den Ministerien will das Bundeskabinett am Mittwoch endlich die „Nationale Wasserstoffstrategie“ verabschieden. Der Einsatz von Wasserstoff soll zur Dekarbonisierung beitragen, der Vorstoß hat aber auch eine industriepolitische Stoßrichtung.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Die Bundesrepublik will zum Weltmarktführer in der Technik werden. Die Regierung setzt auf das Gas, weil es vielseitig verwendbar ist: als Energiespeicher für die Energiewende, als Kraftstoff oder als Grundstoff in der Industrie. Aus erneuerbaren Energien erzeugter „grüner Wasserstoff“ soll dazu beitragen, die Klimaschutzziele zu erreichen. Weit oben steht dabei die Stahlbranche, die für rund 30 Prozent der Emissionen der deutschen Industrie verantwortlich ist.

          Nach Informationen der F.A.Z. arbeiten Forschungs-, Umwelt- und Wirtschaftsministerium gemeinsam mit der Industrie an einem „Handlungskonzept Stahl“, um die durch die Corona-Krise und die schwierige Marktlage gebeutelte Branche bei der grünen Transformation zu unterstützen, und zwar sowohl finanziell als auch im Außenschutz.

          Von der EEG-Umlage befreit 

          „Die Stahlindustrie ist eine Schlüsselindustrie, die wir auch in Zukunft in Deutschland brauchen“, sagte eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Grüner Wasserstoff soll langfristig die klimaschädliche Kokskohle ersetzen. Schon dafür würden jedes Jahr mindestens 1,8 Millionen Tonnen Wasserstoff benötigt – mehr als doppelt so viel, wie die Industrie bisher insgesamt verbraucht.

          Bisher sah die mehrfach verschobene Nationale Wasserstoffstrategie eine Förderung von rund 3,5 Milliarden Euro vor. Das neue Konjunkturpaket stellt zusätzlich 9 Milliarden Euro zur Verfügung. Strittig war lange, wie viel Ökostrom zur Erzeugung von Wasserstoff verwendet werden soll. Das Forschungsministerium war an einer möglichst großen Menge interessiert, während das Wirtschaftsministerium bremste, weil ein zu ambitionierter Anteil das Ziel gefährdet hätte, bis 2030 mindestens 65 Prozent des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu decken.

          Der nun geschlossene Kompromiss sieht vor, dass bis 2030 Erzeugungsanlagen mit bis zu 5 Gigawatt (GW) Gesamtleistung entstehen sollen. Nach Möglichkeit wird die Elektrolyseleistung bis 2035 um noch einmal 5 GW erweitert; spätestens soll das 2040 der Fall sein. Für 5 GW ist eine grüne Strommenge von bis zu 20 Terawattstunden nötig – die dann im normalen Stromnetz nicht zur Verfügung steht.

          Insgesamt erwartet die Regierung bis 2030 einen Wasserstoffbedarf von bis zu 110 Terawattstunden. Die Differenz muss entweder importiert oder aus nichtgrünen Quellen gewonnen werden. Die Strategie sieht dafür eine engere Kooperation mit anderen EU-Staaten vor. Neu ist in der jüngsten Vorlage auch, dass grüner Wasserstoff von der EEG-Umlage befreit werden soll.

          Entschlossener gegen Dumping 

          Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte der F.A.Z., die lange Diskussion habe sich gelohnt. Deutschland könne jetzt eine führende Rolle in der Wasserstofftechnik einnehmen: „Der grüne, mit Hilfe von Sonne und Wind hergestellte Wasserstoff ist der Energieträger der Zukunft.“

          Trotz der Förderung droht der Stahlindustrie eine Kostenlawine. Im Entwurf des Grundsatzpapiers wird auf Branchenschätzungen verwiesen, dass allein für die Umrüstung der Hochöfen rund 30 Milliarden Euro bis 2050 notwendig werden, davon 10 Milliarden bis 2030. Neben direkten Beihilfen, für welche die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden müssten, werden in dem Papier Kaufanreize und Nachfragequoten für klimafreundlicheren Stahl angeregt.

          Perspektivisch müsse es um bessere Marktbedingungen gehen, um auf öffentliche Subventionen verzichten zu können. Entscheidend seien global wettbewerbsfähige Preise für Strom, Gas und Wasserstoff. Auch die kostenfreie Zuteilung von Emissionszertifikaten wird genannt. Um Stahl aus Ländern mit weniger strengen Klimaschutzauflagen fern zu halten, sollen neue Ausgleichszölle geprüft werden. Ebenso wird angeregt, EU-Schutzzölle wirksamer anzuwenden. In der Welthandelsorganisation müsse entschlossener gegen marktverzerrende Subventionen und Dumping vorgegangen werden, um Überkapazitäten abzubauen. Dazu soll stärker auf China eingewirkt werden.

          Kritik an der Wasserstoffstrategie kam von der Opposition. „Die Strategie ist zum Scheitern verurteilt“, sagte der Stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion, Oliver Krischer, der F.A.Z. „Eine Wasserstoffstrategie macht nur Sinn, wenn es verpflichtende Beimischungsquoten etwa im Luftverkehrsbereich oder beim Erdgasnetz gibt.“ Auch sei der Bedarf an erneuerbaren Energien für die Erzeugung riesig: 5 bis 8 Prozent des Stromverbrauchs allein für das Zwischenziel bis 2030.

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