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Energiewende : Erdgas ist erstmals wichtiger als Steinkohle

Rohre für die Europäische Gas-Anbindungsleitung Eugal in Brandenburg Bild: ZB

Noch nie ist so viel Strom aus Erdgas in Deutschland gewonnen worden wie im Jahr 2019. Dadurch konnte ein erheblicher Beitrag zur Minderung des CO2-Ausstoßes geleistet werden.

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          Noch nie hat Deutschland so viel Elektrizität aus Erdgas gewonnen wie 2019. Nach Informationen der F.A.Z. stieg diese Art der Stromerzeugung um 10,3 Prozent auf 91 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Damit überholte das Gas erstmals die Steinkohle, bei der es einen Rückgang um fast 31 Prozent gab. Nach Angaben des Energieverbands BDEW ist Gas jetzt der drittwichtigste Energieträger für Strom hinter Braunkohle und Windkraft an Land. Auf Platz vier folgt die Kernenergie. Gas ist auch die einzige fossile Stromquelle, deren Bedeutung 2019 zugenommen hat (siehe Grafik).

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Das Erdgas profitiert davon, dass Deutschland zwar die Energiewende will und sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt hat, der Ausbau der Erneuerbaren aber nicht schnell genug vorankommt. Die Politik hat beschlossen, bis 2023 aus der Atomkraft und bis 2038 auch aus der Kohle auszusteigen. Bisher steuern die alternativen Energieträger aber erst 241 Milliarden kWh zur jährlichen Bruttostromerzeugung bei, nicht einmal die Hälfte des Gesamtwerts.

          Zusätzlich zur eigenen Produktion importiert Deutschland auch Strom, doch sank die Menge 2019 auf knapp 40 Milliarden kWh. Viel größer waren die Stromexporte mit 75 Milliarden kWh. Der Inlandsverbrauch lag mit 569 Milliarden kWh deutlich unter der eigenen Stromherstellung; der Anteil der Erneuerbaren daran betrug 43 Prozent. Da diese Methoden aber noch nicht ausreichen und Deutschland möglichst wenig Strom aus verpönten Quellen wie Kernspaltung oder Kohle einführen will, gilt Erdgas als Übergangstechnik.

          Emissionen 2019 um 6 Millionen Tonnen verringert

          Es ist zwar ebenfalls ein fossiler und endlicher Energieträger, aber der Kohlendioxidausstoß bei der Verbrennung ist geringer als bei Kohle und Öl. Gegenüber den meisten alternativen Methoden hat Gas den Vorteil, dass die Stromerzeugung gut regelbar und „grundlastfähig“ ist.

          Kürzlich ließen Zahlen aufhorchen, wonach die deutschen CO2-Emissionen stärker sinken als erwartet. Gegenüber 1990 seien sie 2019 um 35 Prozent gefallen, meldete die Denkfabrik Agora Energiewende. Damit sei das im Klimaschutzplan der Bundesregierung verankerte Ziel, den Treibhausgasausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu mindern, überraschend „in greifbarere Nähe“ gerückt. Erklärt wurde der Erfolg mit dem Bedeutungszuwachs der Erneuerbaren in einem guten Wind- und Sonnenjahr.

          Die neuen Zahlen machen jetzt klar, dass auch der verstärkte Gaseinsatz erheblich zum Klimaschutz beigetragen hat. Der Umstieg von anderen fossilen Quellen habe die Emissionen 2019 um 6 Millionen Tonnen verringert, teilt der BDEW mit. Das waren 12 Prozent der Gesamtminderung. Den Verbrauchsanstieg beim Gas führt der Verband vor allem auf den höheren Preis im EU-Emissionshandel zurück. Dieser mache Gas attraktiver als Kohle und führe zu einer höheren Auslastung der Gaskraftwerke.

          Für die BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae belegen die Zahlen, wie wichtig Gas für den Klimaschutz ist. Der emissionsarme Energieträger sei eine notwendige Ergänzung zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. „Gas kann aber auch grün: Wo heute Erdgas zum Einsatz kommt, müssen in Zukunft vermehrt grüne Gase wie Wasserstoff und Biomethan genutzt werden“, forderte Andreae. Sie verwies überdies auf den Monitoringbericht des Wirtschaftsministeriums zur Versorgungssicherheit, wonach bis 2030 gasbetriebene Anlagen zur Kraftwärmekopplung (KWK) mit einer Leistung von 17 Gigawatt zugebaut werden müssen, um den Ausstieg aus Kohle- und Atomenergie auszugleichen.

          Andreae zufolge ist dieses Ziel mit dem Gesetzentwurf zum Kohleausstieg nicht erreichbar. Dafür sei der geplante „Kohleersatzbonus“ zu niedrig, den Kraftwerksbetreiber für die neuen KWK-Anlagen erhalten sollen: „Das muss die Bundesregierung korrigieren, um schnellstens dafür zu sorgen, dass CO2-arme Stromerzeugungsanlagen mit KWK gebaut werden können.“ Gefahren für das weitere Wachstum der Gasnutzung sieht sie auch in den langsamen Genehmigungsverfahren für neue Kraftwerke.

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