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Mobilität : Verkehrsunternehmen sind gegen 365-Euro-Tickets

In Hessen fahren Schüler und Lehrlinge schon für 365 Euro ein Jahr lang Bus und Bahn. Bild: dpa

Mit günstigen Jahrestickets will die Bundesregierung mehr Menschen dazu bewegen, mit Bus und Bahn zu fahren. Die Verkehrsunternehmen warnen: Das könnte die Mobilitätswende ausbremsen.

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          Fahrgäste in Deutschland nutzen Busse und Bahnen immer stärker. 2019 wurden 10,413 Milliarden Fahrten im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gezählt, 0,3 Prozent mehr als 2018. Das zeigen Hochrechnungen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Damit steigt die Zahl der Fahrgäste zwar seit 22 Jahren kontinuierlich – aber doch nicht mehr so schnell wie in früheren Jahren.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          VDV-Präsident Ingo Wortmann zeigte sich daher selbstkritisch: „Der geringere Kundenzuwachs ist ein Signal, dass wir schneller und mehr in den Ausbau und in die Grunderneuerung des öffentlichen Nahverkehrs investieren müssen, um zusätzliche Angebote und Kapazitäten zu schaffen“, sagte er am Dienstag in Berlin. Dies sei auch eine wichtige Botschaft an die Politiker in Bund und Ländern, die für die notwendigen Rahmenbedingungen zum Erreichen der Klimaschutzziele sorgen müssten.

          Dabei gehe es sowohl um eine verlässliche Finanzierung als auch um die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. „Um für den Klimaschutz in den kommenden Jahren deutlich mehr Fahrgäste zu befördern, brauchen wir eine Angebots-, Ausbau- und Modernisierungsoffensive“, sagte Wortmann. Das Ziel, die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen bis 2030 um 30 Prozent zu steigern, sei „kein Selbstläufer, sondern ein Kraftakt“.

          Einnahmenverlust durch 365-Euro-Tickets befürchtet

          Zufrieden zeigt sich die Branche mit den steigenden Erlösen aus dem Fahrscheinverkauf. 2019 lagen die Einnahmen bei 13,338 Milliarden Euro, rund 2,2 Prozent höher als 2018. Wortmann betonte, die Ticketeinnahmen seien für die Verkehrsunternehmen die wesentliche Säule, um den Betrieb zu finanzieren. Angesichts steigender Gehälter und der gewünschten Erweiterung des Angebots sei es nötig, dass sich die Kunden an steigenden Kosten beteiligten.

          „Einen Großteil dieser Einnahmen dauerhaft durch Steuermittel zu subventionieren halten wir unternehmerisch für den falschen Weg“, sagte Wortmann. „Denn die Fahrgäste wollen nicht in erster Linie nur günstig fahren, sondern ein qualitativ gutes und möglichst lückenloses Angebot nutzen.“ Über alle Ticketangebote gerechnet zahlen Kunden aktuell 1,11 Euro je Fahrt im Nahverkehr. Schon heute zahlten Schüler, Studenten, Auszubildende, Schwerbehinderte oder Menschen mit geringem Einkommen deutlich weniger für ihre Tickets als die übrigen Fahrgäste.

          Politische Überlegungen zur Einführung von 365-Euro-Jahrestickets lehnt der VDV, dem 600 Verkehrsunternehmen angehören, nachdrücklich ab. „Aktuell würden 365-Euro-Tickets die Verkehrswende eher ausbremsen als beflügeln“, sagte Wortmann. Der Einnahmenverlust läge bei mindestens 4 Milliarden Euro jährlich. Er müsste jedes Jahr aus Steuern kompensiert werden.

          Wortmann forderte, die öffentlichen Mittel müssten stattdessen dringend in Ausbau und Modernisierung des ÖPNV fließen. In den Städten im In- und Ausland, in denen ÖPNV stark vergünstigt oder sogar zum Nulltarif angeboten werde, habe es zwar Fahrgastzuwächse gegeben. Allerdings stiegen die meisten Kunden nicht vom Auto um, sondern sie seien vorher Rad gefahren oder zu Fuß gegangen. In diesen Fällen werde die Umwelt also nicht entlastet.

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