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Stromversorgung : Die Briten schaffen es auch ohne Kohle

Windpark vor der britischen Küste bei Lincolnshire Bild: Picture-Alliance

Seit zwei Monaten liegen alle Kohlekraftwerke auf der Insel still. Schon vor der Corona-Rezession war ihr Anteil an der Stromversorgung minimal – vor allem die Windenergie wird immer wichtiger.

          3 Min.

          In der Corona-Krise ist die Stromnachfrage um etwa ein Fünftel gesunken und die letzten drei verbliebenen Kohlekraftwerke in Großbritannien sind seit April abgeschaltet. Großbritannien hat damit einen neuen Rekord aufgestellt: Seit inzwischen zwei Monaten liegt der Kohleanteil an der Stromproduktion bei null Prozent. Etwa ein Drittel der Stromerzeugung stammt aus Gas-Kraftwerken, stark gewachsen ist vor allem aber der Anteil von Windkraftparks. Er lag zuletzt bei etwa einem Viertel.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Der Anteil von Kohleverstromung war in Großbritannien schon vor der Corona-Rezession nur noch minimal, er schwankte in den vier Quartalen des vergangenen Jahres nach Angaben der Regulierungsbehörde Ofgem zwischen 0,4 und 2,8 Prozent. 2016 wurden erstmals sämtliche Kohlekraftwerke in Britannien temporär kurzzeitig von den Energiekonzernen abgeschaltet – weil sich der Betrieb sich nicht mehr lohnte. Es war das erste Mal seit Etablierung einer öffentlichen Stromversorgung im Jahr 1892, dass Britannien ohne Kohleverstromung auskommt.

          Noch vor fünf Jahren lag der Kohleanteil der Stromversorgung bei 25 Prozent. Seitdem ist er drastisch gefallen. Ein wichtiger Grund dafür war die Einführung eines Aufpreises für die CO2-Emissionen, des sogenannten „Carbon Price Support“, der im April 2015 auf 18 Pfund je Tonne CO2 erhöht wurde – so viel müssen Kraftwerke zusätzlich zum Preis der EU-Emissionszertifikate bezahlen.

          Dadurch wurde der Betrieb von Kohlekraftwerken ökonomisch immer weniger tragbar, mehr und mehr wurden stillgelegt. Sie wurden zum Großteil vor allem durch Gaskraftwerke ersetzt, die nur etwa halb soviel CO2 ausstoßen. Im vierten Quartal 2019 lag der Gas-Anteil laut Ofgem bei 33 Prozent.

          15 Kernkraftreaktoren

          Zuletzt wurden im März 2020 die Kohlekraftwerke Aberthaw B in Südwales und Fiddler’s Ferry in Cheshire aufgegeben. Damit waren nur noch drei Kohlekraftwerke am Netz in ganz Großbritannien, Selby, Ratcliffe und West Burton, sowie eines in Nordirland.

          Seit dem 9. April liegen die britischen Kohlekraftwerke nun laut dem Fachseite Carbon Brief komplett still. Carbon Brief hebt hervor, dass seit der Corona-Krise Strom aus erneuerbaren Energieträgern mit 37 Prozent vor der Stromproduktion aus fossilen Energieträgern liege, hauptsächlich Gas. 

          Kontinuierlich gewachsen ist die Bedeutung von Windkraftparks in Britannien, wobei ihr Anteil an der Stromversorgung je nach Jahreszeit und Witterung schwankt. Ende 2019 lag er laut Ofgem bei knapp 20 Prozent der Stromversorgung. Britannien hat inzwischen global die größte Windkraft-Kapazität in Windparks im Meer installiert. 120 Kilometer vor der Küste von Yorkshire wird derzeit die größte Windfarm der Welt gebaut, das Hornsea Project; im vergangenen Frühjahr hat ein erster Teil schon mit der Stromerzeugung begonnen. Wenn Hornsea Two laut Plan 2022 fertiggestellt ist, solle es ausreichend Elektrizität für 1,3 Millionen Haushalte produzieren, verspricht der Entwickler Orsted, ein Energiekonzern aus Dänemark.

          CO2-neutral bis 2050

          Nur eine kleine Bedeutung hat die Solarenergie im Vereinigten Königreich. Die Subventionen für Solaranlagen sind inzwischen weitgehend gestrichen worden, ebenso die Subventionen für Windkraftanlagen an Land. Für Offshore-Anlagen hat die Regierung einen Auktionsmechanismus eingeführt, bei dem jene Projektbetreiber zum Zuge kommen, die den niedrigsten Preis bieten.

          Insgesamt sind die Subventionen für die Energiewende im Vereinigten Königreich geringer als die in Deutschland, wo Stromkunden Solar- und Windanlagen aufgrund des EEG (Erneuerbare Energien-Gesetz) quer finanzieren. Die britischen Steuerzahler zahlen für ihre Energiewende weniger als die Hälfte der 26 Milliarden Euro EEG-Umlage, die deutsche Haushalte und Unternehmen im Jahr über die Stromrechnung bezahlen.

          Neben den Erneuerbaren setzt die britische Regierung auch weiterhin auf Kernenergie. Das Königreich hat 15 Kernkraftreaktoren, die meist rund ein Fünftel zur Stromversorgung beitragen. Derzeit wird das Atomkraftwerk in Hinkley Point um zwei Reaktoren erweitert, auch in Sizewell in Suffolk ist ein dritter Reaktor geplant. Laut Ofgem betrug der Anteil des Atomstroms in Großbritannien im Schlussquartal 2019 etwas mehr als 14 Prozent. Die Seite Carbon Brief schätzt den Anteil des Atomstroms in diesem Jahr bislang auf 18 Prozent.

          Betrachtet man nicht nur den Elektrizitäts-, sondern den gesamten Energieverbrauch des Landes – den sogenannten Primär-Energieverbrauch, der auch die Bereiche Verkehr und Gebäudeheizungen und weiteres umfasst –, so ist der Anteil der erneuerbaren Energieträger immer noch klein. Erdölprodukte wie Benzin und Diesel sowie Erdgas machen den Löwenanteil von etwa 75 Prozent aus, mit leicht abnehmender Tendenz. Wind und Solar deckten laut Carbon Brief im Jahr 2018 nur 3,4 Prozent des Primärenergieverbrauchs, Bioenergie stieg auf 9 Prozent. Zur Bioenergie zählen Holzpellets, die etwa der Energiekonzern Drax im Kraftwerk Selby zunehmend statt Kohle einsetzt.

          Die britische Regierung hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 den CO2-Ausstoß des Landes auf Netto-Null zu senken. Gegenüber dem Jahr 1990 waren die Emissionen bis zur Corona-Krise schon um mehr als 40 Prozent gesunken, das war mehr als in Deutschland.

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